Thomas Koschwitz: „Hit-Radio aus purer Not“

Veröffentlicht am 27. Aug. 2016 von unter Deutschland

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Von Danilo Höpfner
(Auszug aus September-Ausgabe von InfoDigital)

Deutschlands Radiolegende Thomas Koschwitz über gutes Radio, schlechte Programmchefs, die verlorene Seele des Höfunks, Chancen des Digitalradios, Spotify und die Ausbreitung des „Durchschnittsradios“. Und, ob es ein bundesweites „Radio Luxemburg“ noch einmal schaffen könnte.

Koschwitz auf allen Kanälen. Wer viel durchs Land reist, dem sind Stimme und Stil vertraut. Thomas Koschwitz gilt als „der“ Radiomann Deutschlands, moderiert wochentags auf RTL Radio, 104.6 RTL Berlin, Radio Brocken, am Wochenende auch auf Radio Nordseewelle, Antenne 1 und Antenne Pfalz. Wenige Sender, auf denen er zuvor nicht war.

Mit 19 Jahren wurde er 1975 der jüngste Nachrichtensprecher des Hessischen Rundfunks, wechselte vom Radio ins Fernsehen, um dort Thomas Gottschalk als Late-Night-Talker zu vertreten. Nach weiteren TV-Versuchen kehrt er mit seiner inzwischen bundesweiten TV-Bekanntheit zum Hörfunk zurück und gilt seither als versiertester Radiomacher in Lande. Während Deutschland auch im Digitalzeitalter noch immer auf neue Konzepte im bundesweites Privatradio wartet, macht Koschwitz mit seiner Syndication-Show bereits gelebtes bundesweites Privatradio. Nach Koschwitz-Art.

Koschwitz am Nachmittag bei 104.6 RTL (Bild: ©104.6 RTL)

Koschwitz am Nachmittag bei 104.6 RTL (Bild: ©104.6 RTL)

Danilo Höpfner: Herr Koschwitz, lassen Sie mich mit einer Alternativfrage beginnen. Was ist für Sie Radio?
a) Radio war mal ein tolles Medium, dessen Glanzzeit seit dem Ende von Radio Luxemburg aber längst vorüber ist
b) Radio ist ein Medium, das eigentlich sehr viel kann und bietet, aber die meisten Sender davon keinen Gebrauch machen und sich lieber auf leicht verdauliche Kost des Massengeschmacks verlassen
c) Radio ist das, wo ich mich wohlfühle, nach meinen Ausflügen ins Fernsehen und meinen dortigen Erfahrungen.

Thomas Koschwitz: Antwort B und C. (lacht) Wobei mir B wichtiger wäre.

Also leicht verdauliche Kost und Mainstream. Manche nennen es böse „Dudelfunk“.

Nun, so einfach lässt sich Radio nicht erklären. Am Ende des Tages ist Radio im Idealfall eine Kommunikation zwischen zwei Menschen, ohne dass sie sich sehen. Das ist einzigartig. Wenn man es schafft, einen Menschen mit einer gewissen Persönlichkeit hinter dem Mikrofon, einen anderen Menschen zu erreichen, zumeist im Auto oder zu Hause, dann ist das Grundprinzip des Radios erreicht. In der Gruppe hört man eher selten Radio. Jetzt muss man aber zwischen dem klassischen Radio, das die öffentlich-rechtlichen Sender einmal angefangen haben, und dem populären Radio, das die Privaten machen, unterscheiden. Gut, sie alle unterliegen einem Zeitgeist. Aber das populäre Radio, das wir heute kennen, ist sehr stark dominiert von Einflüssen derer, die mit dem Radio Geld verdienen wollen und müssen. Und da steht in der Tat die Musik, die leichte Kost, im Vordergrund. Warum das so ist, darüber kann man lange diskutieren.

Jan Böhmermann sagte mal im Interview, dass er sich um die Zukunft des Fernsehens eigentlich keine Sorgen mache, wohl aber um die des Radios. Er glaube, dass die Nutzer auf Dauer doch eher zu Spotify greifen würden, als auf mittelmäßige Radiomoderatoren zu setzen. Teilen Sie diese Sorge?

Nein, und ich frage mich auch, wie er auf diesen ungleichen Vergleich kommt. Denn Spotify ist das eine, schlechte Moderatoren sind das andere. Spotify ist nichts anderes als ein hochgerüsteter CD-Player, ein Walkman oder was auch immer, der mir Musik vorspielen kann. Aber letztlich entscheiden dort die Logarithmen, was ich zu erwarten habe auf Basis dessen, was ich gerne höre. Und Radio ist das einzige Medium, bei dem ich als Hörer nichts tun muss. Und ja, in einem Punkt hat Jan Böhmerman recht. Die Moderatoren sind in Deutschland nicht in dem Maße gefördert worden, wie sie hätten gefördert werden müssen. Aber warten wir doch mal ab, was YouTube mit Böhermanns Fernsehen so macht. Das findet jetzt zwar auch dort auch statt, aber wir werden sehen, in welcher Ecke Angebote wie ZDF Neo & Co. bleiben. Böhmermann tritt nur mit extremem Dingen
auf, und sei es, Herrn Erdogan zu beleidigen. Ich will damit sagen, dass die Qualität eines Moderators nicht nur davon abhängt, wie er sich mit extremen Reizspitzen nach vorne drängelt. Die Fähigkeit von Radiomoderatoren war und ist es, sich mit ihrer Persönlichkeit zum Tagesbegleiter zu machen nicht zu einer hinteren Kurzzeit-Reizfigur.

Aber gibt es denn tatsächlich so viele Radio-Persönlichkeiten? Sie sind schließlich eine der wenigen. Und wohl der Einzige, den man bundesweit kennt.

Thomas-Koschwitz (Bild: privat)

Thomas-Koschwitz (Bild: privat)

Das ist sehr komplex. Wir müssen hier schauen, wie sich das Radio entwickelt hat, auch das von Ihnen bereits angesprochene Radio Luxemburg. In den sechziger Jahren gab es eine erste Revolution im Radio. Als sich sehr dreiste Leute mit mutigen DJs außerhalb der Dreimeilenzone auf Piratenschiffen niederließen und dort Popmusik spielten, sehr zum Leidwesen der britischen Regierung und der BBC, die damals sehr langweilige Unterhaltungsprogramme im Angebot hatten. Die Jugend mochte die neuen Piraten, hörte diese über Mittelwelle. Dieses Radio war ihnen heilig, es war ihnen absolut egal, ob es da auf Mittelwelle rauschte oder nicht.

Ende der Siebzigerjahre gab es dann eine zweite Revolution im Radio, als die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten in Deutschland entdeckten, man müsse für die Autofahrer vielleicht eine Servicewelle einrichten, auf der Verkehrshinweise stattfinden. Das wurde am Anfang auch relativ lieblos gemacht, alte Frequenzen, die frei waren und tagsüber nicht genutzt wurden und abends für die sogenannten Ausländerprogramme herhalten mussten, die wurden da ausgepackt. Als man erkannte, wie langweilig und ohne Format und Kanten das war, hat man schließlich DJs das Programm machen lassen. Für ein, zwei Stunden. Das waren immer Freelancer, ganz wenige waren da fest angestellt. Jungs, die auf irgendwelchen Diskotheken oder sonstwie entdeckt worden waren oder über Umwege in die Unterhaltungsbranche kamen. Ich war einer davon. Weil aber keiner so richtig auf uns aufpasste, uns keiner reglementierte und die Quote noch keine Rolle spielte, konnten sich diese Wellen unfassbar entfalten. Namen wie Thomas Gottschalk, Günther Jauch, Werner Reinke, Frank Laufenberg gehörten dazu. Wir sorgten dafür, dass diese Programme zu „Kult-Dingern“ bei der Jugend wurden. Die Alten fragten „Was für ein Gejaule, was macht ihr da?“, junge Leute fanden das cool.

Und dann die dritte Revolution: durch einen Gesetzentwurf, der sehr im Sinne von Helmut Kohl war, wurde Privatfunk in allen Bundesländern erlaubt. Das führte dazu, dass die öffentlich-rechtlichen Sender extrem verunsichert wurden. Die stellten plötzlich fest, dass da Leute mit neuen Konzepten kommen. Die Leute vom Privatradio hatten aus purer Not, weil sie ihr Geld erst verdienen mussten und kaum Geld zum investieren hatten, Konzepte auf die Beine gestellt, mit denen sie möglichst schnell hohe Aufmerksamkeit erzielen konnten. Sie setzten auf die Ware, von der sie wussten, dass die beliebt sein würde: Popmusik, die in den Charts ganz oben angesiedelt ist, keine Musikredakteure der ARD mehr, die Programme nach ihrem Geschmack mit musikantisch wertvollen Inhalten füllen wollten. Die privaten Sender haben sich nur an der Hitparade orientiert.

Daraus haben die ARD-Radios hörbar gelernt…

Ja, denn diese Entwicklung hat bei den mit schwachem Selbstbewusstsein ausgestatteten ARD-Radios dazu geführt, dass die inzwischen genauso klingen, wie die Privatsender, oftmals sogar noch schlimmer. Der Unterschied ist nur, dass die Privaten das tun müssen. Sie müssen wirken wie ein Produkt, das gern zitierte Vergleichsbeispiel ist hier die Nivea-Dose. Wenn Sie sich eine Nivea-Dose anschauen, dann wissen Sie sofort: blau und weiße Schrift und Creme drin. Und so muss Pop-Radio aus Sicht der Privaten funktionieren. Wenn Menschen nur 20 Minuten pro Tag hören, dann muss ihr favorisierter Popsong dann auch kommen, wenn sie einschalten. Und das führt zu dieser unfassbaren Wiederholungshäufigkeit und leider auch zu dieser Langeweile, wenn man das Programm den ganzen Tag über hört. Man kann aber nur dann eine Pop- und Hitstation sein, wenn man den Hit immer dann liefert, wenn der Hörer gerade einschaltet.

Und dann gibt es noch eine vierte Revolution, und die heißt YouTube und findet gerade jetzt statt. Junge Leute, die vor nichts Angst haben, weil ihnen kein Controlling im TV oder Radio sagt, man müsse nun schnell den Forecast erreichen. Die sitzen nicht mehr im Studio sondern zu Hause, haben aber hoch entwickelte Kameras, die inzwischen kleiner sind als ein Handschuh und stellen ihre Videos ins Netz. Sie machen das inzwischen immer professioneller und erreichen wiederum mit ihren Klicks Millionen Leute.

Unterhaltung steht in Koschwitz ́Sendungen im Mittelpunkt. Immer wieder finden aber auch ernste und gesellschaftlich relevante Themen in die Sendung. Hier mit den Gästen Sandra Maischberger und Prof. Paul Kirchhof. Mit seinen bundesweiten Talk-Sendungen markiert Koschwitz eine Ausnahme in der Privatradio-Landschaft.

Unterhaltung steht in Koschwitz ́Sendungen im Mittelpunkt. Immer wieder finden aber auch ernste und gesellschaftlich relevante Themen in die Sendung. Hier mit den Gästen Sandra Maischberger und Prof. Paul Kirchhof. Mit seinen bundesweiten Talk-Sendungen markiert Koschwitz eine Ausnahme in der Privatradio-Landschaft.

Und was ist der rote Faden, der sich durch alle diese Revolutionen zieht? Alle Akteure hatten und haben keine Angst!

Das heißt, alle, die aus Spaß und Kreativität angefangen haben und sich entwickeln konnten, konnten das, weil sie keine Angst hatten, vor nichts und niemanden, weil sie auch keiner kontrollierte. Inzwischen sind all die Medien, nun auch das Radio, leider kontrolliert von der Angst, Hörer zu verlieren. Also machen wir alles, um zu vermeiden, dass jemand weg schaltet und das führt zu dem heutigen Durchschnittsradio. Und inzwischen macht die ARD auch alles, was Erfolg verspricht und den Marktanteil hochhält. Weil, „wenn wir keinen Marktanteil mehr haben, also nur noch Nischenprogramm anbieten, sind wir eines Tages nicht mehr wichtig und könnten von der Politik möglicherweise abgeschafft werden“. Das ist in Kurzform die große Sorge der öffentlich-rechtlichen Radios.

Demnach befinden wir uns noch in der „Radiorevolutionsphase Vier“ zwischen YouTube, Internet und Digitalisierung. Haben denn aus Ihrer Sicht die Radiosender derzeit die richtigen Antworten auf Angebote wie Spotify parat?

Ja und nein. Es gibt aus meiner Sicht den irren Versuch von Öffis wie Privatradios, mit Spotify zusammen zu gehen. Das ist deshalb irre, weil Spotify und iTunes ja versuchen, eigene Radioprogramme zu etablieren. iTunes sogar richtig mit Wortbeiträgen und Interviews, weil die schon merken, dass das Bedürfnis nach bekannten Stimmen vorhanden ist. Aber die Antworten der Sender sind noch zu schwach. Viele Radiomacher denken, sie müssten nur das, was man im Radio über UKW hören kann, einfach nur – möglichst mit bewegten Bildern – ins Netz stellen. Das reicht nicht.

Sie sind bei Radiosendern der ARD groß geworden, Arbeiten nun aber seit vielen Jahren im Privatfunk. Sie haben also einen direkten Vergleich: worin unterscheiden sich heute die ARD Popwellen von ihren privaten Mitbewerbern oder handelt es sich wirklich um identische Angebote?

Lassen Sie mich das so beschreiben: die privaten Sender stehen unter der Knute irgendwelcher Finanzleute, die sagen, „Ihr, die Programmacher, müsst eine möglichst hohe Einschaltquote erzielen, damit wir möglichst viel Werbung verkaufen können“. Also müssen sie möglichst gut bei den Hörern ankommen. Die ARD hat diese Vorgabe nicht, weil deren Programme durch die Gebühren bereits bezahlt sind, haben aber die große Sorge, dass sie den Marktanteil in der gesamten Branche verlieren könnten und eines Tages obsolet zu werden. Daraus schließen Sie, dass Sie ähnliche Dinge tun müssten, wie die privaten Stationen. Das konnte man übrigens im hessischen Markt ganz gut beobachten. Dort hat man aus meiner Sicht etwas Wahnwitziges gemacht. Man hat den Morning-Man vom privaten Radio FFH zum öffentlich-rechtlichen hr3 rüber geholt. Der Irrsinn besteht aus meiner Sicht darin, dass einer, der bis dahin hr3 gehört hat, das ja bewusst getan hat, weil er FFH eben nicht hören wollte. Jetzt holt hr3 genau diesen Stil rüber, in der Hoffnung, die hr3-Hörer zu halten und die FFH-Hörer dazu zu gewinnen. Und der hr fängt an, Strategien einzusetzen, wie sie auch Privatsender einsetzen, mit dem Ziel, stärker zu werden oder zumindest auf Augenhöhe mit FFH zu kommen. Denn FFH hat die gleiche Quote wie der Hessische Rundfunk mit seinen fünf Sendern zusammen. Das ist deshalb krank, weil die Ausrichtung eines öffentlich-rechtlichen Programms in Richtung Privatradio innerhalb des Senders viel Kraft kostet und die Sender gleichzeitig immer vergleichbare, immer ähnlicher werden. Dass eine Privatstation das tun muss, ist logisch, weil sie ihr Geld nur mit der Werbung verdienen. Da hängt die gesamte Existenz eines Unternehmens dran. Bei den öffentlich-rechtlichen Anbietern, finde ich, müsste ein größerer Mut und mehr Investitionen in größere Kreativität stattfinden. So gesehen ist der Böhmermann beim ZDF schon ganz richtig aufgehoben, weil er kreatives Potenzial hat. Ob er damit immer richtig umgeht, ist eine andere Geschichte. Aber er ist einer, der von der Kette gelassen wird, was ich mir auch im ARD-Radio sehr wünschen würde. Solche Forschungslabors hätte der öffentlich-rechtliche Rundfunk mit viel mehr Leuten installieren müssen, auch auf die Gefahr hin, dass mindestens die Hälfte davon scheitert.

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Das komplette Interview mit Thomas Koschwitz gibt es in der neuen September-Ausgabe von InfoDigital. Darin geht es unter anderem um die Fragen, wieso der Hörfunk nicht als “Lügenpresse” wahrgenommen wird und warum Radioberater für die Radiosender heute noch immer so wichtig sind. Außerdem verrät Thomas Koschwitz, wie er zu Voicetracking steht und ob ein Format wie Radio Luxemburg heute noch eine Chance in Deutschland hätte bzw. wie es heute klingen müsste.

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Weitere Radio-Themen der InfoDigital-Septemberausgabe:

InfoDigital September 2016Das personalisierte Radio kommt: Nachrichten, Talks und Themenbeiträge nach persönlichem Gusto. Davon träumen viele, die diese Dienste bisher nur aus dem Bereich Musik oder von Google-News kennen. Aber auch das wortorientierte Radio will mithalten. Das öffentlich-rechtliche Angebot „NPR one“ aus den USA gilt dabei als Vorbild für das, was zeitnah auch in Deutschland starten soll.

Zoff um DAB+ – Der bizarre Streit um Digitalradio in Österreich: Es könnte so einfach sein. Eigentlich wollen die Öffentlich-Rechtlichen und eine Vielzahl der Privaten Digitalradio DAB+ auch in der Alpenrepublik. Neue Privatanbieter sehen ihre Chance, der ORF wollte gleich acht neue Angebote auf den Markt bringen. Doch statt acht neuer Sender kommt – keines. Statt des ORF werden nun Privatsender zum Treiber des Digitalradios in Österreich und fordern teils drastische Maßnahmen.

 

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