Digitalradio Österreich: “Wir schaffen es auch ohne ORF und KRONEHIT”

Veröffentlicht am 28. Jun. 2016 von unter Österreich

Österreich DAB+

Die Diskussion um den Digitalradiostandard DAB+ ist in diesem Jahr in einen richtigen Glaubenskrieg ausgeartet, nachdem LfM-Direktor Jürgen Brautmeier und Staatssekretär Marc Jan Eumann in der FAZ erklärten, dass sie DAB+ in NRW für nicht sinnvoll erachten. Ihre Argumentation: Der Parallelbetrieb UKW/DAB ist zu teuer für die NRW-Lokalradios und die UKW-Sendegebiete lassen sich nicht digital abbilden. Viele weitere Befürworter und Gegner meldeten sich daraufhin ebenfalls mit Gastbeiträgen in der FAZ zu Wort.

Wie geht es aber nun in Österreich mit DAB+ weiter? Das erste Pilotjahr im Großraum Wien ist vorbei. Die Sender in Wien Donaustadt und Liesing erreichen mit 15 digitalen Hörfunkprogrammen rund 2,5 Millionen Menschen. RADIOSZENE hat sich mit dem Geschäftsführer des Vereins Digitalradio Österreich, Gernot Fischer und dem Geschäftsführer des Wiener Privatsenders Radio Arabella 92,9, Wolfgang Struber getroffen, um über die digitale Zukunft in Österreich zu sprechen.

Gernot Fischer, Geschäftsführer des Vereins Digitalradio Österreich

Gernot Fischer, Verein Digitalradio Österreich

RADIOSZENE: Herr Fischer, wie sehen Sie die derzeitige Debatte um DAB+ Österreich? Können Sie die Argumente der LfM in NRW nachvollziehen?

Gernot Fischer: In Österreich ist die Situation ganz eine andere als in Deutschland, das Sendegebiet ist auch überschaubar klein. Wir haben regulatorisch die Möglichkeit, zwei bundesweite Bedeckungen zu schaffen. Wenn man größenordnungsmäßig mit 15 Programmen pro Bedeckung rechnet, wären das 30 nationale Programme, die überall verfügbar wären. Wir können auch die Bundesländer erreichen, in dem wir lokale, regionale und überregional Bedeckungen schaffen können. Wer sich für welche Bedeckungen wirtschaftlich tragfähig bewerben kann, wird man sehen, wenn die Ausschreibung dafür von der Rundfunkbehörde KommAustria veröffentlicht wird. Es ist natürlich schwierig, wenn sich in einem Bundesland nur ein Sender bewirbt. Der wird sich eine Bundesland-Bedeckung alleine nicht leisten können. Günstiger wäre da eine überregionale Bedeckung, wenn etwa mindestens vier bis fünf Programme, die gemeinsamen Kosten für einen Multiplex tragen z.B. für das Sendegebiet Vorarlberg und Tirol.

Aber eines ist garantiert: die Sendeplätze werden knapp. Auch wenn einige Gebiete am Anfang nicht so nachgefragt werden wie z.B. der Großraum Wien, so wird es doch in weiterer Folge eine Nachfrage geben von den gesättigten zu den ungesättigten Märkten. Wir hoffen auch auf eine gesetzliche Regelung, dass einzelnen Radioveranstaltern erlaubt, mehr als zwei digitale Programme in einem Gebiet auszustrahlen. Dann hätte ich auch keine Sorge, dass die Multiplexe auch entsprechend ausgelastet werden.

RADIOSZENE: ARD und Deutschlandradio argumentieren dafür – Viele Privatsender wie RTL Radio Deutschland (Gert Zimmer) dagegen. In Deutschland gibt es vor allem Fronten zwischen gebührenfinanzierten und großen privatwirtschaftlichen Sendern. Kleinere Privatsender erhoffen sich mehr Reichweite, größere sind eher skeptisch und besitzstandswahrend, und es gibt eine Nord-Südgefälle. Wie liegen die Fronten in Österreich?

Gernot Fischer: Bei uns in Österreich befinden sich die beiden reichweitenstärksten österreichweiten Programme, KRONEHIT und Ö3, in einer absoluten UKW-Komfortzone, die sie natürlich nicht verlassen möchten. Diese Player übersehen aber, dass sie technologisch in die Steinzeit abrutschen und von den jüngeren Zielgruppen nicht mehr wahrgenommen würden, die ihren Medienkonsum dann komplett ins Internet verlagern.

RADIOSZENE: Machen Sie das nicht jetzt schon?

Gernot Fischer: Das machen sie sehr wohl, aber dennoch ist Radio ein extrem wichtiges Medium, es ist der “Backbone” für alle, die seriöse Informationen möchten. Das Internet bietet das nicht und es ist auch nicht regulierbar. Wenn ich eine Nachricht aus dem Radio bekomme, erwarte ich von dort einen höheren Wahrheitsgehalt – zumal ein Radiosender auch behördlich überwacht ist und gewissen journalistischen Grundsätzen unterliegt.

RADIOSZENE: Um noch mal auf die Wirtschaftlichkeit zu sprechen zu kommen, ein langer Parallelbetrieb von UKW und DAB+ kostet entsprechend viel Geld. Mit welcher Zeitspanne rechnen Sie da?

Gernot Fischer: Das kann man heute überhaupt nicht vorhersagen. Wir wissen aber, dass die Österreicher innovationsfreudig sind, weswegen das Land auch immer ein guter Testmarkt für die Industrie ist. Wenn jemand mal DAB gewohnt ist – das weiß ich auch aus eigener Erfahrung – dann schaltet er nicht wieder auf UKW zurück – Es gibt meines Wissens kein einziges DAB Gerät, das nicht auch UKW hat. Und wenn dieser Effekt mal greift und sich entsprechend viele Menschen DAB-Geräte zugelegt haben, dann wird der Umschaltzeitpunkt in Österreich schneller vonstatten gehen, als es in manchen anderen Ländern zur Zeit zu erwarten ist. Spannend wird für uns alle das Beobachten von Norwegen sein, die 2017 als UKW-Abschaltzeitpunkt definiert haben. Dann wird man sehen, wie rasch dort die Digitalgeräte-Penetration steigen wird. Da wird dann sichtbar, wie wichtig den Leuten Radio überhaupt noch ist.

 

Übersicht über alle digitalen Programm im Wiener DAB+ Pilotptojekt

Programm Sender Inhalte
Arabella – Rock Radio Arabella GmbH Rock
Radio Melodie Radio Arabella GmbH Super Oldies Mega Schlager
Lounge FM Livetunes Network GmbH Lounge
ENERGY Österreich N&C Privatradio Betr. GmbH Energy Österr. Hit Music only
radio klassik Stephansdom Stiftung Radio Stephansdom Klassik
Welle 1 Welle Salzburg GmbH & Co. KG Hits und Infos
now radio ERF Medien Österreich GmbH „Get inspired!“ (Pop & CCM)
ERF Plus Österreich ERF Medien Österreich GmbH Glaube & Gesellschaft
HEROLD relax Herold Business Data GmbH Soft Rock & Pop
Radio Maria Verein Radio Maria Österreich Christliche Spiritualität
MEGA Radio MEGA Radio Austria Inforadio
ARBÖ Verkehrsradio ARBÖ Verkehrsinformationen
Radio Technikum RTG Radio Technikum GmbH Wissenschaft, Bildung,  Informationen, Classic Hits
Radio Allelon Radio Allelon Integrationsradio
SoundTraxx Radio Stevia Communications GmbH Filmmusik

 

RADIOSZENE: In Wien läuft ja noch immer ein DAB-Testbetrieb. Wie viele DAB-Geräte wurden denn bis jetzt verkauft? Ab wie vielen verkauften Exemplaren würden Sie von einem Erfolg sprechen und was passiert nach dem Testbetrieb?

Gernot Fischer: Also für mich ist überraschend, wie viele Menschen überhaupt schon über DAB+ Radio hören, weil wir das ja nie groß medial beworben haben. Es gab auch noch nie Fernsehwerbung oder eine Anzeige in Zeitungen, die DAB-Radios massiv bewirbt, weil wir alle auf den Termin warten, wann die Ausschreibung stattfindet. Und trotzdem kommen wir kaum nach mit unserem Büro bei Digitalradio Österreich, alle Anfragen zu DAB zu beantworten. Speziell aus Oberösterreich erreichen uns extrem viele Mails und Anrufe, weil dort interessanterweise ein Kabelnetzbetreiber beginnt, analoges Radio aus dem Kabelnetz rauszuwerfen. Sie fragen z.B. nach einem Sendestart in ihrem Bundesland, oder wieso in ihrem DAB-Autoradio plötzlich auch Bilder in Ihrem Display auftauchen.

RADIOSZENE: Gut, aber wann gibt es denn jetzt Zahlen über verkaufte DAB-Geräte?

Gernot Fischer: Eine gerade abgeschlossene Umfrage, die Ende Juli veröffentlicht wird, wird erste Ergebnisse liefern. Wir haben das bewusst nicht im ersten Pilotjahr gemacht, sondern wollten uns erstmal die Zeit gönnen, das System aufzubauen und die verschiedenen Zusatzdienste zu testen. Im zweiten Jahr geht es nun darum, Digitalradio den potentiellen Hörern näher zu bringen und den Handel und die Automobilindustrie mit ins Boot zu holen, zumal viele Fahrzeuge schon ausgestattet sind mit DAB+. Das Pilotprojekt kann immer nur für ein Jahr genehmigt werden, aber auch immer verlängert werden. Laut Digitalisierungskonzept müsste die Ausschreibung spätestens bis Mitte 2017 erfolgen. Mit ein paar Monaten Verlängerung könnte also nahtlos vom Test- in den Regelbetrieb übergegangen werden, sofern die der Sendernetzbetreiber ORS die Ausschreibung gewinnt. Wir gehen davon aus, dass auch alle derzeitigen Programme in Wien dann auch im Regelbetrieb dabei sein werden.

DAB-Sender und Antennen (Bild: Peter Knorr/ORS)

DAB-Sender und Antennen (Bild: Peter Knorr/ORS)

RADIOSZENE: Wie finanzieren sich derzeit die Digitalradiobetreiber in Wien?

Gernot Fischer: Es gibt für den technischen Aufbau eine Förderung aus dem Digitalisierungsfonds, das sind 50 Prozent der förderbaren Ausstrahlungskosten (Multiplexbetrieb und Signalzuleitung über MPLS), die direkt an die ORS gehen. Darüber hinaus wird nichts gefördert, daher sind wir froh, dass wir so viele aktive Mitglieder haben, die in den zwei Jahren in die Zukunft investieren.

RADIOSZENE: Wie soll man aber dem Konsumenten denn erklären, dass er ein Digitalradio braucht, wenn auf dem Gerät die populärsten Programme in Österreich (Ö3 und KRONEHIT) nicht zu empfangen sind?

Gernot Fischer: Das ist ein Automatismus, wenn der Regelbetrieb läuft. Die Programme, die dann nicht bei DAB+ dabei sind, die werden nicht mehr viele Jahre existieren.

RADIOSZENE: Warum?

Gernot Fischer: Der Effekt ist über Studien schon nachgewiesen, weil die Digitalradio-Besitzer tatsächlich nicht mehr von DAB auf UKW zurückschalten. Man gewöhnt sich an die Programme, die auf DAB laufen, manche Programme haben schon jetzt eine regelrechte Fangemeinschaft, obwohl sie komplett neu entstanden sind und vorher auf UKW nicht existiert haben. Da kommt es dann zu einer Marktbereinigung. Der ORF wird das natürlich nicht ignorieren und hat dann gar keine andere Wahl, zu überlegen, wie er seine Programme auf DAB platziert, sonst kostet ihn das Marktanteile.

RADIOSZENE: Aber ein UKW-Abschaltdatum ist in Österreich weiterhin kein Thema…?

Gernot Fischer: Doch, das ist immer wieder ein Thema, aber es wird Ihnen niemand jetzt einen Termin nennen. Ich auch nicht. Das muss auch der Markt herausfinden, was der geeignete Abschaltzeitpunkt für UKW ist. Natürlich würde man in exorbitantem Ausmaß Energie sparen, wenn UKW früher abgeschaltet würde, das steht außer Frage.

RADIOSZENE: Wie kann vor allem die Jugend, die heute fast alles nur noch im Internet konsumiert, von DAB+ überzeugt werden?

Gernot Fischer: Stimmt, die Jugend verwendet ja keinen PC mehr, sondern streamt alles über das Smartphone und da hat der Monat dann nur noch 17 oder 18 Tage, dann ist das Datenvolumen erschöpft. Damit wird sie sich gut überlegen, ob sie lieber YouTube-Videos schaut, Radio streamt oder Spotify hört. Wenn man ihnen im Smartphone den DAB+ Chip zur Verfügung stellt, so dass sie während sie in Facebook, WhatsApp oder Twitter sind auch noch parallel Radio hören können, dann werden sie das Angebot sicher auch nutzen.

Mag. Wolfgang Struber (Bild: ©Radio Arabella)

Mag. Wolfgang Struber (Bild: ©Radio Arabella)

Wolfgang Struber: Ich schließe mich der Meinung von Gernot Fischer komplett an: in Paris wurde ja auch bei den Radiodays Europe das neue LG-Smartphone mit DAB+-Chip präsentiert. Die Menschen werden zukünftig mit einem hybriden Radiomodell konfrontiert sein, wo der Verbreitungsweg nicht aktiv ausgewählt werden muss. Ob jetzt jemand Radio über IP oder DAB hört, wird für den Konsumenten egal sein in der Rezeption. Er wird es nur merken, weil er nicht an das Märchen von der europäischen Flatrate glauben kann, weil nach 9 Stunden Radio hören 1 GB Datenvolumen verbraucht und dann geht keine Smartphone-Kommunikation mehr. Das heißt, es gibt Tendenzen von LG, in Europa mit dem DAB+-Smartphone Lösungen zu schaffen, wo der Radiokonsum automatisch den für Konsumenten und Betreiber kostengünstigsten Weg sucht.

Radio ist schlichtweg ein mobiles Medium, das findet im Auto oder unterwegs am Smartphone statt. Es wird aber langfristig keine Gratis-Flatrate für alle geben, da die Finanzen immer eine Rolle spielen werden. Wenn man ein starkes duales Rundfunksystem in Europa haben möchte, dann wird es hybride Ausspielwege geben. Das wird über eine geraume Zeit UKW sein, das wird für Spartenprogramme Internet sein, aber das wird natürlich auch in einem regulierten Umfeld in einem Staat wie Österreich eine digital-terrestrische Verbreitung über DAB sein.

Es ist hervorzuheben, dass es nicht nur um DAB geht, sondern es geht um den hybriden Ansatz von Radio, um der Gattung Radio in dieser sich verändernden Medienwelt auch einen Platz zu schaffen, wo das Konsumverhalten auch geschaffen werden kann und wenn man sich zB. die Bauer Media Group ansieht, die auch Mitglied bei der europäischen Digitalradio-Allianz ist, die in Paris gegründet wurde, so stellt man fest, dass, wenn Marken innerhalb der Programmangebote Programme hinzuhauen, so führt das zu einem Wachstum von Radio, das wurde z.B. von Absolute Radio in Paris sehr deutlich dargestellt. So kann sich der Markt entwickeln und Spartenprogramme für unterschiedlichste Zielgruppen geschaffen werden, die zu einer Entwicklung von Hörfunk aktiv beitragen. Das vereint uns alle bei Digitalradio Österreich als auch bei der europäischen Digitalradio-Initiative, wo ja auch alle ARD-Radios und Deutschlandradio aktiv dabei sind und da da gibt es kein Nord-Süd-West-Ost-Gefälle…

RADIOSZENE: Ist die Entwicklung bei DAB+ nicht viel zu langsam? In der Zwischenzeit wird von den Mobilfunkbetreibern bereits am neuen Standard 5G bzw. auch „Broadcast-LTE“ gearbeitet. Jedes Smartphone kann streamen, aber es gibt erst jetzt ein einziges Modell mit DAB+.

Wolfgang Struber: Man muss einfach zwei Dinge im Auge haben. Das eine ist der Programmbetreiber-Blickwinkel – den wir natürlich im auch Digitalradio Österreich-Verband verstehen – der aber von Marktbeherrschern wie ORF dominiert wird. Das andere sind die Interessen der Mobilfunkbetreiber, die vom hohen Datenkonsum der Nutzer profitieren. Europaweite Prognosen zeigen aber auch ganz deutlich, dass zukünftige Datenvolumen durch TV- und Radiostreaming von den Mobilfunknetzen alleine nicht mehr gestemmt werden können. Daher ist DAB+ am Smartphone ein notwendiger Schritt, die Telkos müssen sich auch gute Pakete überlegen, damit sie auch noch Geld verdienen. Aber die Entwicklung muss rasanter gehen, wir brauchen mutige Entscheidungen. Das beginnt letztendlich bei einer aktiven Medienpolitik in Österreich, um die Rundfunksysteme von morgen zu gestalten. Wir geben den Anbietern einen Rahmen vor, z.B. mehr Programme aus einer Senderfamilie, dynamische Bandbreiten für Hörfunkbetreiber. Auch muss DAB+ im Hinblick auf Verkehrstelematik, Verkehrsinformationen im Autoradio auch wirtschaftspolitisch geordnet werden, das geht weiter als das Smartphone. Wir hoffen natürlich, dass der Regulator bei der Ausschreibung des Regelbetriebs eine mutige Entscheidung trifft, um den Hörfunk in eine neue Dimension von morgen zu führen.

Vielleicht wäre für Österreich auch so etwas Ähnliches sinnvoll wie es die Parlamentarische Staatssekretärin Dorothee Bär in Deutschland eingerichtet hat: Ein Digitalradio-Board, an dem alle Stakeholder, die privaten und öffentlich-rechtlichen Programmbetreiber, die Automobilindustrie, Mobilfunkunternehmen, wirtschaftspolitische Einheiten an einem Tisch sitzen, um einen geordneten und proaktiven Umstieg auf ein hybrides Radiosystem der Zukunft zu ermöglichen.

Gernot Fischer: …wobei man sagen muss, dass es so ein Board schon gibt: das ist die digitale Plattform innerhalb der RTR, man muss sie nur wieder zum Leben erwecken. Zur Zeit ist noch die Beobachtungsphase des DAB-Pilotprojekts, in der erstmal die Ergebnisse des ersten Pilotjahrs analysiert werden.

RADIOSZENE: Das klingt nach einem zähen Regulierungsprozess, was kann man denn tun, um DAB+ in Österreich voranzutreiben, hängt alles von ORF und KRONEHIT ab?

Wolfgang Struber: Wir erinnern in der Debatte immer wieder an die Statements des ORF, wo maßgeblich mit „Over-the-top-Playern“ gekämpft wird. Wie geht man mit den nicht-regulierten Playern wie Facebook, Google oder Amazon um, die ja unter ganz anderen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen Wertschöpfungen in dieser Republik betreiben, wenig bis keine Steuern zahlen. Eine gewisse Regulierung ist daher notwendig, wir brauchen österreichische Unternehmen, die aus Österreich und für Österreich investieren. Wir haben hier die Chance, den Hörfunkmarkt aktiv zu gestalten, einen kompetitiven, dualen, aber regulierten Hörfunkmarkt: „one-to-many und nicht „one-to-one“, das hat auch mit Datenschutz und Interessen der Konsumenten zu tun, die ja auch ein „visible user“ sind für Datenkraken wie Google, Spotify oder Amazon. Und hier denke ich mir, ist es für die Zukunft auch wichtig, eine stabile Rundfunk-Infrastruktur zu haben und wir denken, dass das auch ein maßgebliches Interesse in einem demokratischen Staat sein muss, um Medienunternehmen und den Menschen eine stabile demokratisches Rundfunksystem zu liefern und anbieten zu können (mehr Marken mit mehr Vielfalt), weil diese Entwicklung, über die wir sprechen, ja nur mehr ein Bruchteil von einer UKW-Verbreitung kostet in einer Republik. Wenn man sich die Kosten eines DAB-Muxes oder die Verbreitung eines Programmes in Wien ansieht, so ist da ja ein überschaubarer Kostenblock. Es entstehen dadurch auch mehrere Nischenprogramme, die einen ganz ausdifferenzierten Markt bilden.

RADIOSZENE: Die Vielfalt mit Nischenprogramme, die Sie ansprechen, würde der ORF ja auch machen, wenn er dürfte.

Wolfgang Struber: Der private Rundfunk in Österreich hat eine sehr aufreibende und schwierige Entwicklung hinter sich, die im Europa-Vergleich viel zu spät gestartet wurde und sich bis heute gegen den Marktbeherrscher ORF durchsetzen muss. Das ist mit sehr großen Arbeitsaufwand und Einsatz verbunden, um Programmangebote und wirtschaftliche System zu schaffen, die den privaten kommerziellen Hörfunk in Österreich ermöglichen. Natürlich verstehen wir jedes privatwirtschaftliche Unternehmen, dass errungene Erfolge natürlich nicht riskiert werden.

Klar ist aber auch, dass in einer digitalen Welt natürlich ein Mehr an Angebot aus einem Medienverbund geschaffen werden können. Das betrifft KRONEHIT mit den unterschiedlichen Channels genauso wie Radio Arabella, Life Radio oder ENERGY. Mit dem wirtschaftlich erfolgreichsten, kommerziellen Radiosender aus dem öffentlich rechtlichen Haus, Ö3, ensteht natürlich sehr viel Marktschieflage. In Europa haben öffentlich-rechtliche Veranstalter zusätzliche Programme, die maßgeblich zu einem Markt-und Publikumserfolg von Digitalradio beitragen. Vorzeigeprojekt ist sicher BR Heimat.

Vor dieser spannenden Herausforderung stehen wir gerade in Österreich: Die Interessen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks des privaten Rundfunks, der Finanzierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks und der Gestaltung der Zukunft zu erörtern. Eines ist klar: Besitzstandwahrungen und Entwicklungen der Zukunft stehen diametral zueinander und werden einen gordischen Knoten hoffentlich bald auflösen.

Worüber wir uns unterhalten müssen: Wie wollen wir die Gattung Hörfunk weiterentwickeln für die nächste Generation? Ich glaube, da bedarf es offener Gespräche, bei denen die Gattung und der Konsument im Vordergrund steht und nicht Marktbeherrschung und Abschottung. Deswegen ist eine Digitalradioboard ganz eine wichtige Plattform, wo man proaktiv und nicht verhindernd wirkt und sagt: jeder legt seine Interessen auf den Tisch. Es wird auf jeden Fall noch ein ambitionierter Diskussionsprozess in Österreich werden. Die ersten Schritte sind jetzt gesetzt, der Pilotbetrieb läuft, jetzt hoffen wir natürlich, dass der Regelbetrieb kommt, was sehr wahrscheinlich ist, so wie wir hören und dann sollten wir das Thema proaktiv angehen.

RADIOSZENE: Wäre es für den Konsumenten nicht umso attraktiver, je mehr Auswahl es gibt im digitalen Radio? Wie könnte da ein Gleichgewicht zwischen öffentlich-rechtlichen und privaten Zusatz-Programmen aussehen?

Gernot Fischer: Die zusätzlichen differenzieren sich in meiner Sicht in einem hybriden Ansatz. Es wird Spartenprogramme geben, die wahrscheinlich im Webradiobereich besser aufgehoben sind, weil sie keine kritische Grenze erreichen werden, um so viel Hörerakzeptanz zu erreichen, dass sich ein DAB-Engagement rechnen wird. Es wird aber Programme geben, die werden hohe Publikumsakzeptanz erwirken, so dass sich die wirtschaftliche Betrachtung Richtung DAB auszahlen wird.

Wir haben in Österreich eine sehr blumige Gestaltung von einem lokalen, regionalen und einen bundesweiten Carrier, und wir haben eben im öffentlich-rechtlichen Bereich mit Ö3, Ö1, FM4 und den neun ORF-Landesstudios eine sehr reichweitenstarke und marktbeherrschende Situation. Die Meinung, die im „Verein Digitalradio Österreich“ vorherrschend ist, ist, dass wir es für das Ökosystem Radio als sinnvoll erachten, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk ein weiteres bundesweites nicht regionalisierbares und – das ist ganz wichtig – werbefreies Radioprogramm veranstalten können soll, um den ungleichen Marktanteilen (70% ORF, 30 % Privat) gerecht zu werden. Wir glauben aber auch, dass bei den Privaten eine gewisse Änderung eintreten muss im AMD- und Privatradiogesetz, wo aus einem Medienhaus mehr als zwei zusätzliche Spartenkanäle kommen dürfen. Die Unternehmen sollten z.B. die Freiheit haben, selbst zu entscheiden, wie oft, wann und welche zusätzlichen Programme gemacht werden.

Ein Feature von DAB ist ja auch, dass man die Bandbreiten dynamisch managen kann, d.h. man kann bei lokalen oder regionalen Events z.B. bei Radio Technikum live für 2 Stunden ein Radio Technikum-Bundesliga auskoppeln.

Wolfgang Struber: Wir brauchen ein annäherndes Marktgleichgewicht und gleiche Bedingungen zwischen öffentlich-rechtlich und privat. Wir glauben an ein duales Rundfunksystem, dazu benötigen wir auch einen starken öffentlich-rechtlichen Rundfunk in Österreich. Wir wollen UKW-Rundfunk nicht abschaffen, wir glauben an Radio. Radio ist immer noch das meistgenutzte Medium in Deutschland, Österreich, Schweiz. Wir sehen aber auch mit großer Begeisterung die Entwicklung in der Schweiz, Norwegen und den Fortschritt von Digitalradio in Deutschland in den letzten 5 Jahren auch mit gewissen unterschiedlichen Ausprägungen. Diese Diskussion muss man offen und ehrlich führen. Es darf natürlich nicht dazu führen, dass Marktbehrrscher das Radio so lange in der analogen Welt aufgrund wirtschaftlicher Interessen behalten und die Entwicklungschancen sehr limitiert werden in der Zukunft. Wir glauben, dass das Jahr 2016/2017 ein richtiger Zeitpunkt ist, um sich an einen Tisch zu setzen, um den Markt aktiv zu gestalten. Jeder muss etwas dazu beitragen.

RADIOSZENE: Gibt es schon genauere Termine für einen runden Tisch?

Gernot Fischer: Das hängt alles von dem Termin ab, wann die Ausschreibung stattfinden wird, voraussichtlich so im ersten Halbjahr 2017. Ab dann ist auch die Notwendigkeit gegeben, dem Konsumenten auch ein attraktives Angebot machen zu können. Wir müssen es in Wahrheit so gestalten, wie es der Hörer braucht und nicht, wie wir uns den Markt vorstellen.

RADIOSZENE: Und wenn die wichtigsten Marktteilnehmer wie ORF und KRONEHIT nicht mitmachen wollen, hat DAB in Österreich dann überhaupt eine Chance, sich durchzusetzen?

Gernot Fischer: Also ich mach mir keine Sorgen, dass man die Multiplexe nicht wirtschaftlich tragfähig aufsetzen kann. Wenn die großen Player nicht dabei sein möchten: niemand wird gezwungen, mitzumachen. Wir sind mittlerweile so emanzipiert, wir schaffen es auch ohne ORF und KRONEHIT. Wer auf den DAB-Zug aufspringt, ist dabei, die Türen sind immer offen bei uns. Es wird irgendwann ein knappes Gut sein, noch einen Platz im Multiplex zu bekommen. Es sieht am Anfang so aus, als wäre endlos Kapazitäten zur Verfügung, irgendwann ist ein Multiplex voll. Und nur für ein Programm ein neuen Multiplex zu starten, wird sich nicht auszahlen. Es muss immer eine kritische Masse vorhanden sein, ab welcher man wirtschaftlich tragfähig ein Netz aufbauen kann.

Weiterführende Informationen:

RTR legt Studie zu Erfolgsaussichten von DAB+ in Österreich vor – KommAustria kündigt Ausschreibung an
Digitalradio Österreich
RTR

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