Wischmeyers Vortrag auf dem Radio Advertising Summit

Veröffentlicht am 17. Apr. 2016 von unter Standpunkte

Dietmar Wischmeyer alias Guenther der Treckerfahrer auf dem Radio Advertising Summit 2016 (Bild: Radio Advertising Summit/Claus Langer)

Dietmar Wischmeyer alias Guenther der Treckerfahrer auf dem Radio Advertising Summit 2016 (Bild: Radio Advertising Summit/Claus Langer)

Zum diesjährigen Radio Advertising Summit kam am 14. April 2016 auch Humorfacharbeiter Dietmar Wischmeyer nach Düsseldorf, um als “Günther der Treckerfahrer” über mobile Realitäten aus der Emsländer Ackerfurche zu referieren. Sein Auftritt wird den Radiomachern allein schon deshalb gut in Erinnerung bleiben, weil Günther samt Trecker auf der Bühne erschien:

So kam Dietmar Wischmeyer alias Günther der Treckerfahrer zum Radio Advertising Summit 2016 (Bild: Radio Advertising Summit/Claus Langer)

So kam Dietmar Wischmeyer alias Günther der Treckerfahrer zum Radio Advertising Summit 2016 (Bild: Radio Advertising Summit/Claus Langer)

Damit sich seine wortreiche Rede nicht – wie im Radio – einfach versendet, dürfen wir hier sein Manuskript – in gekürzter Form – für die digitale Ewigkeit konservieren.

 

 

Günther der Treckerfahrer:
“Mobile Realitäten aus der Emsländer Ackerfurche”

Von Dietmar Wischmeyer

Moin. Mein Name is Günther und ich bin hier, um für euch die Frage nach der Zukunft der Medien zu beantworten: Is ganz einfach! Die gibs nich! Wirds auch nich geben! Die Medien sind nämlich längst außerhalb von Raum und Zeit angekommen, die Frage is bloß: wie lange es dauert, bis wir unsern Arsch auch da hingewuchtet haben.

Deshalb ist der Mensch aus Sicht der modernen Medien im Grunde nich mehr tragbar. Die alten Fragen: “Woher komme ich? Wer bin ich? Wohin gehe ich?“, wen interessieren sie noch? Spätestens dann, wenn man sich selbst zum achten Mal als Wiederholung auf ZDF-Kultur gesehen, glaubt man nicht mehr an den eigenen Tod.

Faust schloss seinen Pakt mit dem Teufel und wünschte sich noch von diesem Augenblick “verweile doch, du bist so schön”. Darüber kann ein SAT.-Gold-Zuschauer doch nur müde grinsen, der sich gerade alle 100 Folgen von Kommissar Rex wieder reinzieht. Die Glotze und das Netz haben die Vergänglichkeit, aber auch damit die Einmaligkeit, abgeschafft. Wo aber alles immer da is, kann man auch nix verpassen. In der Zukunft gibts keine Ereignisse mehr. Was da passiert, is vollkommen scheißegal. Die Medien haben das ewige Leben erfunden, es fühlt sich bloß so an wie der ewige Tod.

Komischerweise lebt inmitten dieses „Alles-is-für-jeden- dauernd-verfügbar-Terrors“ ein uraltes elektrisches Verlautbarungsorgan immer noch: das Radio. Hier kann man tatsächlich noch was verpassen. „Das versendet sich“ ist das Glaubensbekenntnis des Radios seit Urzeiten und würden die Doofköppe in den Sendern nicht ihren gesammelten Schwachsinn ins Netz stellen, könnte man ihnen nichts nachweisen. Radio is wie das Leben selbst: es geht vorbei, das Schöne wie das Schreckliche. Radio heilt alle Wunden, Fernsehschwachköpfe sterben nie, sie stehen zuallerletzt noch als lebende Untote in den DVD-Regalen herum oder landen bei ProSieben-Flop im Nachtprogramm. Du kannst ihnen mit Grimme-Preisen noch so oft auf der Birne rumprügeln oder sie für ihr Lebenswerk mit der Eisernen Kamera erschlagen, die Fernsehpflaume krepiert einfach nicht. Radio dagegen ist vorbei bevor du merkst, dass du es gar nicht hören wolltest. Wie kam es dazu, dass der gute alte Hörfunk heute näher am Leben ist, als alle hippen Finstergrams und Unterwäsche-Bloggerinnen?

Dabei hat das Radio ihn doch erfunden, den sich ständig wiederholenden Schwachsinn. Genau! Nicht Glotze und nicht das Netz sondern die alte Tante Radio. Und das kam so:

In den 90ern gab es zwei Strategien, um das Radio „durchhörbar“ zu machen, wie man das damals nannte. Die eine Strategie, um Wort und Musik anzugleichen, ging so: wir machen Wort genauso interessant für die Hörer wie Musik, die andere Variante hieß: wir machen Musik genauso scheißenlangweilig wie das Gesabbel. Für Version 1 braucht man Verstand, für Version 2 eine Tabelle – is klar, welche sich letztendlich durchgesetzt hat. Überall ritten also die Schergen aus dem Land der Lebkuchenfresser ein und erfanden das Formatradio. Kurz gesagt ging es darum, gute Musik so oft zu wiederholen, dass sie einem genauso zu den Ohren raushängt wie doofe Musik schon nach einmal spielen. Interessanterweise fanden die Hörer das gut, juchhu schrien sie vor dem Radio sitzend: hör mal Mamma, da kommt schon wieder Roxette Listen to your heart, heute schon das 30. Mal, juchhu bald muss ich kotzen, is aber nich schlimm, denn das wollte ich sowieso. Nein, das haben die Hörer natürlich nich gesagt, weil die nämlich Anfang der 90er Jahre plötzlich ihre ganzen Radios so leise geschaltet habe, dass sie gar nich mehr genau mitkriegten, was da lief. Das Radioprogramm hat damals vom veränderten Zeitgeist profitiert: nich mehr was gesendet wurde, war wichtig, sondern das Zauberwort nannte sich die Verweildauer. Brigitte-Leser kennen das Phänomen vom Geschlechtsverkehr: nich mehr der Orgasmus zählt plötzlich, sondern nur noch wie lange man dranbleibt ohne an was anderes zu denken.

Das war der große Befreiungsschlag für die Radiomacher, endlich war es vollkommen egal, was man sendete, Hauptsache die Hörer drückten nich versehentlich auf „AUS“. Jetzt konnte man sogar wieder mehr Wortanteil senden, vorausgesetzt, er war nicht interessant und lockte die GFK- Qualle nicht an den Apparat: denn wer einmal lauter stellt, könnte danach theoretisch auch ausschalten, war nämlich meistens derselbe Schalter.

Deshalb war das neue Leitgestirn des Radios so ab Mitte der 90er der „Ausschaltfaktor“, also der, den man auf jeden Fall vermeiden muss. Das hat sich heute bis in die Politik durchgesetzt, Angela Merkels Koalition ist quasi modernes Formatradio als Regierungskonzept. Wenn man zuviel Ausschaltfaktoren hat wie die SPD mit SuperSiggi als MorgenMan, dann geht die Reichweite gegen Null. Formatradio ist im Grunde die modernste Philosophie, die wir haben, und das Radio war schon Anfang der 90er auf dem Wissensstand von Angela Merkel heute: bloß keine schlafenden Hörer wecken.

Problematisch is diese Nummer erst seit kurzem, als die Mücken knapper wurden, weil die Werbemillionen nich mehr täglich aus den Wolken regneten sondern sich auf alle möglichen Internetseiten verdünnisierten. So, woher nehmen, wenn man keine eigene Schutzgeldtruppe hat wie die GEZ- Fahnder. Richtig, da gabs doch noch so ne andere Gruppe, wie hießen die nochmal, richtig: die Hörer, die könnte man doch auch mal zur Kasse bieten. Seit Jahren kriegen die knickrigen Säcke unser herrliches Programm vorgesetzt und zahlen nix, damit sollte endlich Schluss sein.

Der Zufall wollte es, dass sich einige Jahre vorher der Fernmeldedienst der Bundespost in das vielarmige Monster Deutsche Telekom verwandelt hatte. Dieser Krake schrie nach Menschenfleisch. Dafür suchte er willfährige Helfershelfer und die fand er in den Radiosendern. Diese sollten durch rattenscharfe Gewinnspiele die Doofköppe zum Telefonieren ermuntern und danach teilten sich die Magenta-Krampe und Sender die Beute. Eine tolle Idee, jedenfalls solange bis die Telefon-Flatrate eingeführt wurde.

Aber auch ohne Beuteanteile vom Rosa Riesen ist das Gewinnspiel eine der großen Errungenschaften der Radiogeschichte. Denn das ist die endgültige Befreiung vom Programm: Musik, Berichte, Moderation – alles unwichtig; Hauptsache es gibt was umsonst. Hier hat das Privatradio Jahre vor der HSH-Nordbank und den geschlossenen Immobilienfonds den gierigen Pissetrinker draußen an den Empfangsgeräten bei seinen niedersten Instinkten gepackt. Der Trick bei den Gewinnspielen ist: Man weiß nie, wann es soweit ist. Dadurch zwingt man die Opfer, den ganzen Tag den Sender einzuschalten. Einem Hund könnte man nie beibringen, dass er sein Herrchen den ganzen Tag anglotzt, weil es womöglich nachmittags ein Stück Wurst geben könnte, wenn Herrchen die neueste Scheibe von Lady Gaga singt – gut, Hunde hören aber auch kein Radio, die sind ja nich doof, die riechen lieber andern am Arsch rum – da weiß man was man hat. Im modernen Radio nennt sich die Befreiung vom Produkt „Hörerbindung“ und ist die höchste je erreichte Form des Marketings – völlig losgelöst von Inhalten, Geschmack und Nutzen geistert ein Markenartikel durch den Markt. Das wusste das Radio schon Jahrzehnte bevor eine klebrige LKW-
Fahrer-Wachhaltejauche aus Asien unter dem Namen „Red Bull“ angeblich Flügel verlieh.

Leider ist das allergrößte Problem, mit dem jedes Produkt, ob Radio, Partei oder Leberwurst, kämpft: Du kannst den Kunden nicht komplett für doof verkaufen. Und dieses Problem ist auch noch nicht gelöst, obwohl alle daran arbeiten – sogar im Bundeskanzleramt gibt es eine eigene Stabsstelle, die sich damit befasst.

Doch leider auch für das Radio gilt die alte niedersächsische Volksweisheit: Wenn die Welt am schönsten ist, wird oft und gerne reingepisst.
Das Radio hatte sich gerade so schön in seinem selbstverschuldeten Schleim eingesabbert, da ging den Programmdirektoren die Düse. Von ihren halbwüchsigen Fortpflanzen hatten sie mitgekriegt, dass jeder, der sich für modern hält, heuzutage dauernd auf sein Glasscheibentelefon am glotzen is. Und wer da nich drauf is, der hat verloren bei der werberelevanten Zielgruppe mit einem IQ zwischen 14 und 49. Also bastelten sich die Hörfunk-Honks jeder ne eigene Internet-Präsenz, die sah meist so aus, als ob ein Höhlenmaler vom Jobcenter Magdeburg zum Webdesigner umgeschult wurde. Das Schlimmste daran war aber, dass man jetzt schwarz auf weiß sehen konnte, was fürn Dreck von den Sendern täglich in den Äther gegöbelt wurde – das Radio hatte durch das Internet seine Unschuld verloren.

In der Zwischenzeit verschwindet der Unterschied zwischen Realität und Medien vollkommen. Is meine Alte tatsächlich so fett oder hab ich die Datenbrille falsch rum auf – man weiß es nich mehr. Das Leben von die meisten is schrecklicher als jede Vorabendserie: in denen gibts jedenfalls noch halbwegs nachvollziehbare Handlungsstränge, das wirkliche Leben der Leute sieht eher aus wie herausgeschnittene Szenen aus GZSZ.

Fernsehen is die reinste Freakshow. Bisher wurden die Ungewaschenen und Behämmerten dieser Gesellschaft noch in den Nachmittagsprogrammen verwahrt, bald darf nur noch vor die Kamera wer nachweislich ein Vollidiot ist, sich freiwillig quälen lässt oder übelriechende Defekte vorzeigen kann. Der Zuschauer schreit nach neuen Monstern. Wie im 30jährigen Krieg ziehen die Aushebungsmannschaften über die Dörfer und rauben den Familien ihre missratensten Söhne und Töchter für Bauer sucht was zum Knetern.

Was is dagegen das Radio doch für ne jugendfreie Veranstaltung geblieben, im Gegensatz zu den Schmuddelmedien. Hier kannst du mit jedem Scheiß bequem unter der Wahrnehmungsschwelle durchtauchen, nicht mal Erdogan verklagt dich, wenn du ihm einen ganzen Ziegenharem andichtest.

In Zukunft werden Millionen Menschen in diesem Lande damit beschäftigt sein, die unappetitliche RestRealität mediengerecht aufzupeppen: PR-Berater, Pressesprecher, Mediaagenturen, Werbefritzen – sie alle sorgen dafür, dass die Welt nich so schäbbig rüberkommt, wie sie is.

Und da soll noch einer sagen: Weltverbesserer wären Träumer. Sie sind mitten unter uns und verdienen ein Schweinegeld.

Wie kann in dieser verfickten Welt unser harmloses Radio noch mithalten? Ganz einfach: es ist wie das Leben, wer nich zuhört, hats verpasst. Es is überall schon da, wo man hingeht. Man muss nich dauernd dranrumfummeln, um es zu verstehen. Und das allerwichtigste: der mobile Mensch kriegt
was davon mit, ohne gegen eine Laterne zu rennen. In dem Sinne!

MUNTER BLEIBEN!

Günther der Treckerfahrer (Bild: ©Roman Wulff)

Günther der Treckerfahrer (Bild: ©Roman Wulff)

 

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