Viktor Worms: Neue Talente braucht das Radio!

Veröffentlicht am 17. Jul. 2015 von unter Standpunkte

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Konkurrenz (wieder-) belebt unser Geschäft

„Früher holten wir uns die Talente vom Radio, heute müssen wir sie selber ausbilden oder finden sie im Netz!“ Diese Worte eines hochrangigen TV-Kollegen klingen in meinen Ohren und sollten es in den Ohren aller Radioverantwortlichen. Der Weg von Philipp Steuer, „Le Floid“ Florian Mundt und anderen Youtube-Stars geht nicht übers Radio zum Fernsehen, TV sucht sich seine Newcomer nicht mehr bei uns sondern woanders. Darüber müssen wir nachdenken.

Dies liegt nämlich nicht allein daran, dass sie sich bereits mit dem bewegten Bild auskennen und gelernt haben, sich unbefangen vor einer Kamera zu bewegen, es liegt auch nicht an ihrem einzigartigen Talent – siehe Le Floids ungelenkem Versuch, die Kanzlerin zu interviewen – es liegt an uns.

In diesen Tagen darf ich als Juror des Radiopreises mehr als 60 Stunden Programm hören und ja, ich höre manch´ Großartiges, mehr „ganz Gutes“ aber auch Vieles, was nachdenklich macht, demonstriert es teilweise gute Ideen aber einen Ausbildungsstand bei dem mein erster Programmdirektor, Frank Elstner gesagt hätte: „Junger Mann , das üben wir aber noch!“

„Danke, das war`s…“

Fragen wir doch mal rum in der Branche, wer sind die großen Personalities in unserem Geschäft? Wie viele Namen werden genannt und fallen uns nicht immer dieselben ein? Wolfgang Leikermoser, John Mendt, Zeus und Wirbitzky, Böttcher und Fischer, Arno Müller. Auffallend: Alles Kerle und um die 50!

OK, Hans Blomberg (104.6 RTL), Susanka Bersin (bigFM), Kuhlage und Hardeland (N-JOY), und ein paar wenige mehr stecken in den Startlöchern oder sind sogar wie Jeannine Michaelsen (1LIVE) schon in der ersten Kurve.

Mal sehen, ob aus ihren Reihen so bald die neuen Superstars kommen. Vielleicht ist ja eine(r) von ihnen sogar der neue Gottschalk, Jauch, Kleber, die neue Engelke? Köpfe, die beim Radio gelernt haben, worum es vor Allem geht, um Bindung! Jeden Tag, jede Stunde, jede Minute und Sendesekunde.

Gibt´s im TV irgendeinen 35-40jährigen dieser Größe, der`s beim Hörfunk gelernt hat? Also im Übermaß sind die Talente, die in diese Fußstapfen passen, sicher nicht unterwegs. Aber zurück zu uns: Ich weiß von Programmdirektoren und Geschäftsführern, die schlaflose Nächte haben, dass einer diese Müllers, Mendts, Wirbitzkys oder Leikermosers in naher Zukunft den Raab macht: „Danke, das war`s ich geh´ segeln!“

„Willkommen im Steinbruch“

Ja, ich bin ein leidenschaftlicher Verfechter des Personality-Radio, habe auch nichts anderes gelernt und ich habe das Privileg genossen mit und für Gottschalk, Jauch, Engelke, Dittrich usw. arbeiten zu dürfen.

Irrtum aber zu glauben, dass der Erfolg dieser Leuchttürme ausschließlich Talent , Glück und die Gnade der frühen Geburt ist. Die hätten sich auch in Zeiten von Youtube, Streaming, Apple TV/Radio… durchgesetzt. Sie alle haben neben überbordendem Talent noch mehr im Gepäck: Fleiß und mindestens (!) eine glänzende Ausbildung, deren Grundlage bei Bayern3, RTL, SWR3,… also beim Radio, gelegt wurde.

Mir ist nicht bange ums klassische Radio, auch nicht in diesen bewegten Medienzeiten und auch nicht wenn „Beats1“ BBC1-Legende Zane Lowe als PD oder Pharrell Williams als Aushängeschild heuert. Das Fernsehen muss sich fürchten, nicht wir Radioleute Nebenbei: Ob wir uns mit den „Neuen“ unbedingt ins Bett legen müssen, wage ich zu bezweifeln, da die nur solange mit uns kuscheln, wie sie unsere Reichweiten für ihr Marketing brauchen. Konzentrieren wir uns doch auf unsere Assets und üben wieder den aufrechten Gang.

Wir haben Regionalität, wir haben die Talente und wir haben ein Publikum. Dieses jetzt (!) und bevor es uns „verrutscht“ zu binden, ist unser Job. Und dazu müssen wir die an uns binden, die diese besonderen Talente haben.

Aber ist es nicht in vielen Stationen so, dass Volontäre Praktikanten ausbilden oder dass Morningshow-Teams vielleicht einmal die Woche einen Aircheck bekommen? Glaubt nicht mancher PD, der „beste Mix“, „Die grössten Hits der 80er“, „Wir lieben Thüringen“ oder der eine oder andere Berater – mit Verlaub, ich gehöre auch dazu – haben SWR3 im Südwesten, RTL seit Jahren in Berlin und Antenne Bayern seit zwei Jahrzehnten im Freistaat, zum Marktführer gemacht? Sicher nicht!

Es sind – ich erspare dem geneigten Leser die erneute Aufzählung der Namen – die Juwelen, die besonderen, oft schwierigen, Typen (on-air und off-air), die ein Produkt prägen. Wir müssen daran arbeiten, dass die Liste dieser Juwelen länger wird und das neue Namen dazukommen. Frische Talente, denen wir etwas bieten müssen, damit sie morgen unsere Hörer und nicht die Youtube-Nutzer binden. Diesen Job dem „besten Mix“ und dem „Kleinen Nils“ zu überlassen ist tödlich. Willkommen im Steinbruch der Unterhaltung!

„Es ist nicht die Aufgabe unserer Kunden, uns zu sagen , was sie wollen…“

Am 3. September werden die deutschen Radiopreise in Hamburg verliehen. Es wird ein großartiger Abend mit wunderbaren Beiträgen, begabten Personalities, saukomischer Comedy, journalistischen Glanzleistungen und ein paar Innovationen, die wir auszeichnen und zu Recht feiern werden.

Es sollte viel, viel mehr davon geben und wir müssen jungen Talenten jetzt Perspektiven bieten, denn um „etwas mit Medien“ zu machen brauchen die den Hörfunk nicht mehr! Da reichen Kinderzimmer, Laptop und Mini-Cam. Was wir ihnen bieten können, ist Know-How, eine solide Ausbildung, Reichweiten. Auf jeden Fall sollte es mehr sein, als am Ende „Die größten Hits der 80er, 90er…“ unfallfrei herunterbeten zu können.

Und vielleicht müssen auch wir, die wir für den Nachwuchs verantwortlich sind, weniger über Technik und Etats stattdessen mehr über Menschen reden. Neu ist das Credo von Steve Jobs sicher nicht (aber schlau): „Es ist nicht die Aufgabe unserer Kunden, uns zu sagen, was sie wollen, wir müssen sie immer wieder überraschen“.

(Viktor Worms im Juli 2015 für RADIOSZENE)

 

Viktor Worms (Bild: WMP)

Viktor Worms (Bild: WMP)

Über den Autor

Viktor Worms moderierte früher die ZDF Hitparade, war Programmdirektor bei Antenne Bayern und ZDF-Unterhaltungschef und macht seit 2002 u.a. Moderationscoaching u.a. bei ROCK ANTENNE, R.SA, Radio PSR, bigFM und DRadio Wissen).

Viktor Worms ist außerdem Vorstand der Hugo-Tempelman-Stiftung sowie Beirat der Tabaluga Kinderstiftung. Seit 2015 ist er Jurymitglied des Deutschen Radiopreises.

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