Warum WhatsApp im Radio keine Zukunft hat

Veröffentlicht am 09. Jul. 2015 von unter Standpunkte

WhatsApp hat im Radio keine Zukunft-big-min

Von Hannes Mehring

Zahlreiche Radiosender werben derzeit mit WhatsApp als neuen Call-in-Kanal, indem ein Redaktions-Smartphone zum Kommunikationszentrum mit Hörern wird. Ich habe WhatsApp im Silicon Valley Anfang Juni 2015 besucht: was sich einfach anhört und von Hörern prinzipiell gerne genutzt wird, birgt große Risiken, weil WhatsApp diesen Feedback-Service nicht offiziell unterstützt. Radiosender riskieren die Löschung ihres Accounts und einen damit verbundenen Imageverlust.

Da jeder zweite Deutsche ein Smartphone besitzt und mobile Kommunikation inzwischen alltäglich ist, überrascht es nicht, dass Radiosender und andere Medienanbieter diese Services für sich entdeckt haben. Auf der Suche nach digitaler Reichweite ist jeder nennenswerte Onlinedienst ein willkommener Partner für Radiosender und die besonders frühe Adaption eines neuen Angebots gilt als schick. Facebook machte den Anfang, Twitter zeigte sich weniger massenkompatibel als erwartet und der neueste Schrei ist der Videostreamingdienst Periscope. Als besonders erfolgversprechend stellt sich jedoch der Instant Messenger WhatsApp heraus, weil inzwischen rund 900 Mio. User diese App auf ihren Telefonen installiert haben.

Integration von WhatsApp ist umständlich und illegal

Um mit Hörern über WhatsApp in Kontakt treten zu können, muss der Sender einen privaten Nutzer simulieren. Hierfür bedarf es zwingend einer Mobilfunknummer und eines Smartphones mit installierter App. Alternativ gibt es inzwischen einen funktionell eingeschränkten Webclient, über den ebenfalls Nachrichten empfangen und gesendet werden können. Ein paar IT-Spezialisten haben über aufwendige Simulatoren inzwischen sogenannte „WhatsApp CMS“ entwickelt, um möglichst ergonomisch mit einer Vielzahl von Nutzern über den Dienst gleichzeitig kommunizieren können. Allerdings bietet WhatsApp keine offizielle technische Schnittstelle (API), um sich als integrative Lösung nutzen zu lassen und die Kommunikation nachhaltig sicherzustellen. Zusätzlich verbietet WhatsApp in seinen Nutzungsbedingungen unter § 3 ausdrücklich den Einsatz des Dienstes in kommerziellem Kontext, was beim Einsatz im Radio jedoch der Fall ist. Der süße Apfel stellt sich als höchst giftig heraus.

„WhatsApp wird ein persönliches Kommunikationsmedium bleiben“

facebookEs gibt einige Beispiele, wo die User dem Anbieter über Hacks die Weiterentwicklung des Produkts abgenommen haben. Prominentes Beispiel ist der @-Reply auf Twitter, der für Konversationen genutzt wird. Erst nach einigen Jahren unterstützte Twitter diese Funktion von Haus aus. Die Frage liegt nahe, ob WhatsApp eine solche API zukünftig anbieten wird. Deshalb stellte ich sie dem verantwortlichen Product Manager während eines Facebook-Besuchs im Silicon Valley Anfang Juni 2015. Die ganz klare Antwort: „Eine öffentliche API ist derzeit nicht geplant. WhatsApp wird ein persönliches Kommunikationsmedium bleiben“.

Facebook, seit ein paar Monaten Eigentümer des Messengers, hat derzeit keine Pläne, WhatsApp technisch weiter auszubauen und als Broadcasting-Medium zu verwenden. Im Gegenteil sind Fälle bekannt, bei denen User-Accounts von Radiosendern sogar gesperrt wurden, wenn diese mit zu vielen Personen in direkten Kontakt getreten sind. Zusammengefasst lassen sich die Aussage von Facebook wie folgt beschreiben:

  • WhatsApp wird ein persönlicher Messenger bleiben
  • WhatsApp wird keine API-Dienste für Publisher anbieten
  • Der Anbieter behält sich vor, Dienste, die WhatsApp als Publishing-Kanal nutzen, zu sperren (wie bereits bei mehreren Radiosendern passiert)
  • WhatsApp wird langfristig durch den Facebook Messenger abgelöst

An diesem Messenger entwickelt Facebook derzeit mit Hochdruck. Über die umfangreichen Facebook-Schnittstellen wird die sinnvolle Integration in andere Systeme irgendwann möglich sein.

Adresse von Facebook: 1 Hacker Way, Menlo Park, 94025 (Bild: Hannes Mehring)

Adresse von Facebook: 1 Hacker Way, Menlo Park, 94025 (Bild: Hannes Mehring)

Alle Karten auf WhatsApp zu setzen ist riskant

Die ablehnende Haltung seitens WhatsApp stellt für Medienanbieter ein Risiko dar. Durch die fehlende Zertifizierung als Broadcastingkanal wird WhatsApp auf absehbare Zeit kein zuverlässiger Feedback- und Ausspielkanal sein. Die Integration in Drittsysteme (z.B. in eigene Website, in CrowdRadio oder Hootsuite) wird nicht unterstützt und ein Technologiewechsel auf den Facebook Messenger ist schon heute abzusehen. Bei der Anwendung von „Drittanbierter-Hacks“ muss man sich bewusst sein, dass hier eine Technologie missbraucht wird. Die mögliche Löschung durch WhatsApp bedeutet den Verlust eines Kommunikationskanals zu den Hörern sowie einen drohenden Imageschaden.

Lösung: Nachhaltig auf eigene Plattformen setzen!

Dass die Abhängigkeit von fremden Plattformen ein Risiko birgt, weiß man, seitdem Facebook Edge Rank eingebaut hat. Die garantierte Reichweite durch Facebook ist seitdem nicht mehr gegeben, es sei denn man bezahlt dafür. Auch Twitter und andere Plattformen haben technische Lösungen angekündigt, um trotz Informationsflut durch kommerzielle Anbieter die User nicht zu vergraulen.

Diese süßen Äpfel, die an den Bäumen des Internets wachsen, sind verlockend für Medienanbieter aller Art. Dennoch sollte aus den oben genannten Gründen lieber heute als morgen in die eigene digitale Reichweite investiert werden. Die digitale Strategie muss lauten: die Onair-Reichweite in eine digitale Reichweite transformieren und sich nicht von fremden Reichweiten abhängig machen. Zahlreiche Radioberater und technologische Dienstleister wie CrowdRadio unterstützen bei genau diesem Transformationsprozess.

 

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Über den Autor:
Hannes Mehring ist Gründer und CEO von CrowdRadio, einer multimedialen App-Software für Radiosender. 2012 gewann CrowdRadio den Deutschen Radiopreis in der Kategorie „Beste Innovation“.

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