DABplus-Stiftung statt Gebühren-Debakel: Wie aus einer Glaubensfrage eine Strategie werden könnte

Veröffentlicht am 13. Nov. 2014 von unter BUNSMANN

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Jetzt soll es also eine Glaubensfrage sein, ob und wann die UKW-Radioübertragung in Deutschland abgeschaltet wird (so Mario Gongolsky in “reinhören”). In gewisser Weise ist das sogar konsequent: Die Geschichte des deutschen Digitalradios in den letzten 20 Jahren wurde ja wirklich eher in metaphysischen Kategorien und nach den Prinzipien „Glaube, Liebe, Hoffnung“ geschrieben.

Denn nüchtern betrachtet hat sich die Ausgangslage, seitdem ich 1991 an meinem ersten Digitalradio-Workshop teilgenommen habe, nicht wirklich verändert. Die Durchsetzung technologischen Wandels im Alltag funktioniert eigentlich recht simpel: Bietet das neue technische Instrument einen für alle schnell greifbaren praktischen Vorteil, setzt es sich rasend schnell durch. Beispiele gefällig? Brief und Telex wurden durch das Fax ersetzt, das Fax dann durch die E-Mail, heute kämpft die E-Mail mit den Messengern. Die Musik-Kassette ersetzte das Tonband und z.T. die Schallplatte, die CD verdrängte die Musik-Kassette, der MP3-Player und der iPod die Musik-Kassette, aktuell fürchtet Apple um sein iTunes-Geschäft wegen der Streaming-Dienste.

Während all dies passierte, blieb die Radioübertragung via UKW weitestgehend unverändert, alle Versuche, Digitalradio im Hörermarkt relevant zu platzieren und durchzusetzen, sind mehr oder minder kläglich gescheitert: Ein Nutzungsanteil von 1,1 % für Digital-Radio nach fast 25jährigem Bemühen spricht da eine deutliche Sprache.

Und der Grund dafür ist einfach, ich habe ihn in dem schon erwähnten Workshop 1991 angesprochen, und daran hat sich seitdem nichts geändert: Digitalradio weist schlicht keinen praktischen Produktvorteil auf, der etwa dem Sprung vom Festnetz- zum Mobiltelefon und danach zum Smartphone vergleichbar wäre. Die technischen Argumente wie der rauschfreie Empfang oder die bessere Eignung im Auto sind – soweit sie überhaupt stimmen – für den normalen Radiohörer entweder nicht wirklich feststellbar oder belanglos, die erwarteten niedrigeren Übertragungskosten für die Radiosender sind für ihn völlig irrelevant. Und wovon ich keinen Nutzen habe, damit beschäftige ich mich eben einfach nicht.

Einen technischen Ausweg aus dieser Situation gibt es wohl nicht, sonst wäre in den vergangenen Jahrzehnten schon jemand darauf gekommen. Am Ende gibt es – wenn überhaupt – nur den über zusätzliche, interessantere, bessere Inhalte. Ein Weg, den man in Grossbritannien beschritten hat, indem man über entsprechende Auflagen zusätzliche Programmangebote im Digitalradio erzwungen hat – mit einem gewissen Erfolg, nach 20 Jahren hat Digitalradio dort einen Nutzungsanteil von knapp 24 % (UKW: gut 63 %).

Es würde zwar sicher noch eine geraume Zeit dauern, aber eine solche grössere Programmvielfalt im Wege einer Multiplattform-Verbreitung (neben UKW und Digital auch noch via Web) würde vermutlich auch bei den deutschen Radiohörern mehr Interesse am Digital-Radio wecken.

Die erste Voraussetzung dafür, in dieser Richtung Fortschritte zu erzielen, wäre aber wohl die Einsicht, dass die bisherige Strategie zur Einführung von Digitalradio ein Debakel war: Es geht eben nicht darum, ein Übertragungssystem durch ein anderes zu ersetzen. Warum auch, AM und FM, Mittelwelle und UKW haben schließlich auch lange nebeneinander existiert und tun es z.B. in den USA noch heute.

Digitalradio wird nur reüssieren, wenn es einen attraktiven programmlichen Mehrwert schafft. Und daran fehlt es bisher, wie ein Blick in das DAB-Angebot an meinem Wohnort Hamburg beispielhaft zeigt: Das einzige dort verbreitete Programm, dass inhaltlich und qualitativ wirklich etwas zur bestehenden UKW-Landschaft hinzufügt, ist Deutschlandradio Wissen, eingeschränkt gilt das auch noch für die christlichen Programme, den Rest gibt es genauso oder zum Verwechseln ähnlich bereits auf UKW. Offen gesagt: Sowas braucht kein Mensch!

Das hat natürlich einen Grund: Gutes, innovatives Programm kostet Geld. Und ein gutes Geschäft wird Digitalradio auf absehbare Zeit nicht werden. Geld wäre aber sogar vorhanden: 34 Millionen haben die ARD-Intendanten bei der Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs (KEF) zur Einführung des Digitalradios angemeldet – dummerweise allerdings zur Finanzierung des UKW-Ausstiegs und der Abbildung der bisherigen Hörfunk-Landschaft in DAB.

Ob diese Gelder freigegeben werden, ist zumindest zweifelhaft: Würde sich die KEF an ihre formulierten Ziele halten, wonach ein Ende des Simulcasts sinnvoll definierbar sein muss, dürfte es dazu eigentlich nicht kommen.

Aber wie wäre es mal mit einer unkonventionellen Lösung? Die ARD, das Deutschlandradio und die privaten Radio-Anbieter einigen sich – z.B. moderiert durch die Radiozentrale – auf ein Konzept zur Digitalradio-Einführung. Dazu gründen sie – analog etwa zur Hamburger Medienstiftung – eine bundesweite Stiftung, in die die bei der KEF angemeldeten Gelder eingebracht werden. Diese Stiftung finanziert den Aufbau eines ergänzenden dualen bundesweiten Radio-Angebots für einen Zeitraum von etwa 10 Jahren.

Die Vergabe der Gelder würde ein Stiftungsrat vornehmen, der sich aus Vertretern der öffentlich-rechtlichen Sender, der Privaten und der Landesmedienanstalten zusammensetzt. Bewerben könnten sich auf öffentlich-rechtlicher Seite neben einzelnen Anstalten auch Verbundangebote, auf privater Seite einzelne Anbieter und Anbietergemeinschaften. Zentrales Entscheidungskriterium für die Vergabe der Gelder und Sendelizenzen wäre der Innovations- und Vielfaltsgehalt des Antrags, die Förderung würde auf 5 Jahre gewährt und dann überprüft. Parallel dazu müssten die regionalen Digitalradio-Pakete eingestellt werden.

Ob sich daraus perspektivisch dann eine Koexistenz von UKW und DAB ergibt oder auf Dauer dann doch eine Migration zum Digital-Radio erfolgt, würde sich dann in einer “Systemauseinandersetzung” entscheiden – so wäre auch die eingangs zitierte “Glaubensfrage” sinnvoll entschieden. Was ich jeder Form von metaphysischer oder Entscheidung “per ordre de mufti” entschieden vorziehen würde.

 

Ulrich Bunsmann, seit 25 Jahren Radio-Profi, schreibt regelmäßig für RADIOSZENE seine Gedanken zum Radio aus der deutschen Medienhauptstadt Hamburg.

E-Mail: bunsmann@radioszene.de

 

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