Radiohören über Internet: Überschätztes Phänomen, falsche Konsequenzen

Veröffentlicht am 07. Apr. 2014 von unter BUNSMANN

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Die Diskussion über den oder die zukünftigen Übertragungswege für das Radio hat ja stellenweise durchaus etwas von einem Glaubenskrieg: Digital-Radio, WLAN-Radio, Smartphone-Radio, Hybrid-Radio – die Kombattanten kämpfen mit schwerem Säbel und unerschütterlicher Gewissheit für ihre Überzeugung. Nur das gute alte UKW-Radio hat in dieser Debatte scheinbar keine Chance.

Da ist es hilfreich, dass neben den Verkaufszahlen für Digital-Radios (Ende 2013 ca. 3 Millionen gegenüber geschätzten 300 Millionen UKW-Empfängern) jetzt erstmals auch belastbare Zahlen für das Radiohören über das Internet vorliegen. Laut der Ende März veröffentlichten Medienanalyse IP Audio dauert eine Webradio-Session bei den beteiligten Radioprogrammen im Durchschnitt 78 Minuten. Zum Vergleich: Laut der Radio-MA beträgt die durchschnittliche Verweildauer eines Radiohörers mit einem Programm 249 Minuten.

Trotzdem können die Ergebnisse für das Radiohören über das Internet auf den ersten Blick beeindrucken: knapp 7,4 Mio. Sessions für EinsLive, über 4,6 Mio. für Antenne Bayern, fast 2 Mio. für planet radio – das scheint die Behauptung zu untermauern, dass dem Radiohören über das Internet die Zukunft gehört.

Die Arbeitsgemeinschaft Medien-Analyse sieht die von ihr publizierten Zahlen denn auch schon als Meilenstein für eine Audio-Konvergenz-Währung, in der alle Radio-Verbreitungswege so abgebildet werden, dass sie untereinander vergleichbar sind. Seltsam nur, dass bei all diesen Erfolgsmeldungen ein ernsthafter Vergleich der unterschiedlichen Audio-MA’s nicht einmal versucht wird.

Das ist zugegebenermaßen methodisch schwierig: Während die Webradio-MA kumulierte Monatswerte auswirft, gibt die Radio-MA Auskunft vom 14tägigen Weitesten Hörerkreis bis zur Stundenreichweite. Zudem beruht die Webradio-MA auf tatsächlich gezählten Einschaltvorgängen, während die Radio-MA per Telefoninterview Erinnerungen abfragt.

Trotzdem scheint mir der Versuch interessant, die Werte der beiden MA’s – bei allen unvermeidlichen Unschärfen – zumindest in groben Zügen vergleichbar zu machen.

Da die Radio-MA keine Monatswerte abbildet, kann dies nur mit einigen rechnerischen Zwischenschritten erfolgen. Dabei lasse ich die tatsächlich gemessenen Webradio-Werte unverändert, und ziehe als Vergleichswert der Radio-MA den Hörer pro Tag heran: „Der HpT wird auf Basis des Hörer Gestern rechnerisch ermittelt, also ein nachträglich bestimmter Wahrscheinlichkeitswert, der sich aus der Nettoreichweite aller werbetragenden Stunden eines Programms errechnet“ (Media-Lexikon der HSG Hörer Service GmbH, Köln). Etwas vereinfacht ausgedrückt: Anders als bei der Tagesreichweite, wo jeder Hörer – egal wie oft er am Tag ein- und ausschaltet – nur 1 x gezählt wird, schlagen sich bei der Zahl „Hörer pro Tag“ mehrfache Einschaltvorgänge am Tag auch entsprechend mehrfach nieder.

Damit wird ein Vergleich zur Webradio-MA möglich, die ja mehrfache Einschaltvorgänge im Laufe eines Monats addiert. Dazu multipliziere ich den in der Radio-MA ausgewiesenen Hörer pro Tag-Wert für Montag-Freitag mit 5, addiere die Samstag- und Sonntag-Werte, dividiere das Ergebnis durch 7 Wochentage und multipliziere es dann mit 30 Monatstagen, sodass ich dann einen vergleichbaren Monatswert für die Radio-MA habe.

Das Ergebnis ist hinsichtlich der Relevanz der Webradio-Nutzung im Vergleich zur herkömmlichen UKW-Nutzung ernüchternd.

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Selbst bei jüngeren Programmen, deren Hörer generell web-affiner sein dürften, ist der Anteil der Hörer über ein Webradio im Vergleich zu der großen Zahl der UKW-Hörer ziemlich niedrig. Immerhin liegt ihr Prozentwert noch deutlich höher als die 1 % Marktdurchdringung, die das Digitalradio bisher erreicht hat.

Die Konzentration auf das Internet als künftiger Übertragungsweg für das Radio wird jedenfalls durch diese Ergebnisse nicht gestützt, Webradio scheint zumindest momentan ein ziemlich überschätztes Phänomen zu sein. Dafür spricht auch, dass das reine Internet-Radio detektor.fm es mit seinen beiden Streams auf gerade mal 1.556 Einschaltvorgänge am Tag bringt. Die daraus errechenbare Stundenreichweite dürfte bei im Schnitt nicht einmal 100 Hörern liegen.

Wenn Radio das Internet für seinen zukünftigen Erfolg nutzen will, spricht wenig dafür, sich weiter auf das Thema Übertragungsweg zu konzentrieren. Viel wichtiger ist es, das Internet als programmbegleitendes und –stützendes Instrument zur Hörerbindung zu nutzen. Dort liegen große Chancen, die bisher leider viel zu wenig genutzt werden (siehe auch Radio-Apps: Die ungenutzte Chance).

Ulrich Bunsmann, seit 25 Jahren Radio-Profi, schreibt regelmäßig für RADIOSZENE seine Gedanken zum Radio aus der deutschen Medienhauptstadt Hamburg.

E-Mail: bunsmann@radioszene.de

 

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