Die Causa Valerie Weber: Objektiv geht anders

Veröffentlicht am 21. Nov. 2013 von unter Standpunkte

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Von Inge Seibel

Kennt Ihr die neueste Ausgabe des Cicero? Der Journalismus sei außer Rand und Band heißt es da. Es gehe zu wie auf einer Schießbude, jeder dürfe mal draufhalten. Für Recherche und Tiefgang plädieren die Cicero-Autoren und wider die Gleichförmigkeit der Meinung….Aber ach, wie weit sind wir im Kleinen wie im Großen von diesem Ideal entfernt…

Der Wunsch des WDR Intendanten Tom Buhrow, die Antenne Bayern Geschäftsführerin und Programmdirektorin Valerie Weber zur Hörfunkdirektorin zu berufen, ist seit Veröffentlichung am 14. November für viele Journalistenkollegen „DAS Radiothema“ der Woche.

fairradioWie schreibt Christian Bartels so treffend im amüsanten „Altpapier“ vom Mittwoch: „Das Top-Nebenbeimedium Radio spielt derzeit auf den Medienseiten die ungewohnte Hauptrolle.“ Manche können fast nicht genug kriegen. Am Freitag soll der Rundfunkrat seine Entscheidung fällen. Ob er das noch unbefangen tun kann? Einige Verlierer stehen jetzt schon fest. Ihr Image wurde in den vergangenen Tagen durch eine eher einseitige, manchmal auch Klischee behaftete Berichterstattung angekratzt: Valerie Weber, Tom Buhrow, das Privatradio – und irgendwie auch der WDR.

Medien als Sprachrohr einer betriebsinternen Protestbewegung

Eine wirklich nur kleine Auswahl an Schlagzeilen der letzten Tage: Unmut beim WDR über designierte Radio-Chefin Valerie Weber schreibt derwesten.de. WDR-Mitarbeiter fürchten Antenne-Bayern-Frau, weiß spiegelonline.de zu berichten. Aufstand beim WDR gegen Privatradio-Frau heißt es bei der „Welt“, WDR: Buhrows personelle Manöver in der Kritik, so die Stuttgarter Zeitung. Unmut beim WDR, Buhrows Liebling unter Beschuss und Tom Buhrow kämpft um die Gunst seiner Redakteure lesen wir bei DWDL.de.

wixforthNach dem Motto: „Endlich mal was los beim Radio“, werden WDR interne Protestkundgebungen, die sich mehr auf diffuse Vorbehalte gegen die Intendantenentscheidung als auf stichhaltige Argumente stützen, in unzähligen Artikeln breit getreten, nicht selten unreflektiert abgeschrieben. Eine längst überwunden geglaubte Kluft zwischen öffentlich-rechtlichem und privatem Rundfunk tut sich erneut auf. Vergessen, wie viele Wanderer es bereits zwischen den Systemen gibt und dass „sinnfreie“ Gewinnspiele, gefakte Live-Interviews oder Korrespondentenberichte, unterlegt mit Maschinengewehrfeuer, Hubschrauberlärm und Kampfgetümmel aus dem O-Ton Archiv, nicht nur beim Privatradio, sondern längst auch bei öffentlich-rechtlichen Wellen zu finden sind. En passant wird die Privatradio-Chefin reduziert auf Marketing-Aktionen und Gewinnspiele, für die sie angeblich steht wie keine andere im so genannten Kommerzfunk. Eine B-Lösung sei sie, andere hätten dankend abgewunken. Und natürlich: Ein Resultat der falsch verstandenen Frauenquote.

Der Widerstand gegen Valerie Weber sei groß. „Wir hoffen, dass das auch in den Gremien zum Thema wird“, werden nicht namentlich identifizierbare Mitarbeiter der Hörfunkwellen des WDR vom Stadtanzeiger aus Köln zitiert. (Überhaupt bedient sich der Kölner Stadtanzeiger augenscheinlich oft in der „Causa Weber“ diffuser Quellen ohne Faktencheck: „..nach Ansicht einiger Mitarbeiter..“, „…wie aus dem WDR zu hören ist…“…)

Dieses Ziel dürfte erreicht sein. Vermutlich wird sich das Gremium aber weniger von mit Vorurteilen behafteten Mitarbeitern, als von den Fakten des Intendanten leiten lassen. Tom Buhrow gab am Mittwoch auf einer Mitarbeiterversammlung bekannt, dass seine künftige Hörfunkdirektorin eine überzeugende Wellenstrategie präsentiert habe.

Der Protestbrief

FingerhutMittlerweile kursieren zwei Protest-Briefe der WDR-Hörfunkredakteure im Netz. Einen davon, er soll unterzeichnet worden sein von 150 WDR-Redakteuren, hat der Kölner Stadt-Anzeiger wörtlich veröffentlicht. Er ist an WDR-Intendant Tom Buhrow gerichtet. Die Fragen muten seltsam an.

Da ist die Rede davon, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk „nach außen“ verteidigt werden muss (gegen wen eigentlich?) und man offensichtlich – sektenähnlich – überzeugter Anhänger des öffentlich-rechtlichen Systems sein muss, um dort wirken zu können:

Kann eine Persönlichkeit wie Valerie Weber plötzlich überzeugte Anhängerin des öffentlich-rechtlichen Systems sein und es in diesen schwierigen Zeiten mit Leidenschaft führen und nach außen verteidigen?

In der zweiten Frage wird mal eben der in Deutschland so gerne missverstandene Begriff „Formatradio“ auf sein Negativimage reduziert, obwohl Radioleute es mittlerweile besser wissen müssten: Qualität und Formatradio schließen sich nicht per se aus. Qualität und Quote übrigens auch nicht.…

Wie soll der WDR-Hörfunk in der ganzen Bandbreite seiner Qualitäts-Programme authentisch von einer Persönlichkeit geführt werden, die Ihre unbestrittenen Quoten-Erfolge im Radio ausschließlich in Programmen mit einem Mix aus seichtem Pop, reißerischer Eigenwerbung, Regionalpatriotismus, ständigen Gewinnspielen und Comedybeiträgen erzielt hat – kurz: reinem Formatradio?

turi2Mir fällt ein Satz von Marc Behrenbeck ein, der Fachartikel zum Thema Formatradio verfasst hat – 2006 schon: „Die vorgefertigte Meinung, dass Formatradio anspruchsloser, boulevardesker, einfach gestrickter, austauschbarer und niveauloser Dudelfunk ist, ist mitnichten haltbar. Gerade Medienwissenschaftler, Publizisten oder Medienschaffende sollten sich mit dem Phänomen des populären Musik-Rundfunks seit Mitte der Achtziger Jahre kritisch, aber objektiv auseinandersetzen. Damit ist nicht nur die Entwicklung der privaten Stationen gemeint, sondern ebenfalls die Evolution der öffentlich-rechtlichen Popwellen.“ (Mehr dazu hier)

Zur dritten Frage im Protestschreiben an den WDR-Intendanten:

Für was soll eine Programmdirektorin zukünftig beim WDR stehen, die bei Antenne Bayern Aktionen wie den „Maibaumklau 2013“ vertreten hat: Wo der „Morgenshowmoderator“ beim Maibaumklau „entführt“ wird und Antenne Bayern ihn dadurch auslöst, dass der Sender den ganzen Morgen nur zwei Lieder spielt: „Last Christmas“ und den „Bacardi-Song“. Dass der Sender dies anschließend feiert, man habe „ein bisschen Radiogeschichte geschrieben“ sei nur am Rande erwähnt.

klaedenMan muss nun nicht wirklich jede Marketingaktion gut heißen. Gefällt mir persönlich auch nicht. Und ich könnte da noch weiteres aufzählen. Bei Antenne Bayern und bei vielen anderen Radiosendern jeglicher Couleur in diesem Land. Aber wie absurd ist das denn, sich in einer so gewichtigen Anfrage an den Intendanten eine einzige umstrittene Aktion aus dem seit 25 Jahren täglich rund um die Uhr sendenden Programm herauszusuchen? Positives wird einfach ausgeblendet. Wie beispielsweise der Deutsche Radiopreis, die höchste Auszeichnung, die die Gattung seit 2010 vergibt. Antenne Bayern erhielt den Preis 2010 für „beeindruckende redaktionelle Kreativität“ und 2013 in der Kategorie „Beste Sendung“ für „unverbrauchtes und hoffnungsvolles Radio abseits der üblichen Regeln“, so die Grimme-Jury.

Beim vierten und letzten Punkt des Protestbriefes stellt sich die Frage: Weiß der Intendant eigentlich, dass seine Qualitätsredakteure die Quellenrecherche nicht beherrschen? Oder gehört das nicht mehr zum öffentlich-rechtlichen Anspruch? Und wer ist eigentlich verantwortlich für Wikipediaeinträge…?

Für was soll eine Programmdirektorin im WDR künftig stehen, in deren Wikipedia-Eintrag bis kurz nach ihrer Nominierung durch Sie noch das Zitat stand „Nur sinnlose und zweckfreie Spiele lassen Menschen zu sich finden. Sie regen an zu Kreativität und Phantasie. Je sinnloser, desto erfolgreicher sind sie.“ Dieses Zitat war am Tag danach bei Wikipedia gelöscht. Nicht gelöscht ist es auf der Seite der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien in einem Bericht über eine Tagung (11./12.Juli 2005). Hier findet sich auch folgendes Zitat von Valerie Weber: „Es ist enorm wichtig, dass wir die Menschen zum Spielen bringen, denn das erlaubt ihnen das Abtauchen in eine Scheinwelt, um den Problemen des Alltags zu entfliehen.“ Ist dies öffentlich-rechtlicher Anspruch?

Öffentlich-rechtlicher Anspruch? 150 Journalisten des WDR schaffen es nicht, in ihrem Brief an den Intendanten eine Quelle ordentlich zu recherchieren: Zum einen fand die besagte „Tagung“ – genauer die Lokalrundfunktage in Nürnberg – erst 2006 und nicht 2005 statt; zum anderen steht das Zitat nicht auf den Seiten der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien, sondern auf den Seiten der Bundeszentrale für politische Bildung im Dossier hoerfunker.de und beim Branchendienst radioszene.de. Petitesse vielleicht? Sehe ich als Autorin des Artikels aus 2006 anders.

lemkeUnd bitte: Das Thema des einstündigen Workshops lautete: „Telefongewinnspiele: Erfolgsstrategie oder Imagekiller?“ Folgerichtig drehten sich Diskussion und Statements nicht um die ganze Bandbreite eines Qualitätsprogrammes, sondern um Gewinnspiele und ihre Berechtigung in Radioprogrammen. Wie kann man ein Zitat aus einem Workshop der Lokalrundfunktage im Juli 2006 in Nürnberg hier und in weiteren Publikationen aus dem Zusammenhang heraus reißen und so selbstverständlich immer wieder zitieren, als sei es das einzige, was Valerie Weber jemals öffentlich zum Radio geäußert habe?

Schon mal reingehört bei Antenne Bayern?

Uralte Zitate, Quote-versus-Qualität-Kästchendenken, die alte Dudelfunk-Litanei und vernichtende Kommentare von Medienjournalisten wie Jürgen Overkott von der WAZ: „Hits, Witzchen plus Gewinnspiele – ein armseliges Programm“ über eines der erfolgreichsten Radioprogramme der Republik. Da gehen WDR-Mitarbeiter mit nicht sauber recherchierten Darstellungen auf jemanden los, den die meisten nur aus Erzählungen kennen. Emotionen statt Argumente. Es gäbe auch die Möglichkeit, mal mit Fakten zu kontern. Reinhören bei Antenne Bayern und feststellen, es gibt doch mehr als Hits, Witze und Gewinnspiele. Offensichtlich hat Forenschreiber taTU bei radioforen.de diese Woche eine ganz andere Antenne Bayern gehört:

„Eben der Tod von Dieter Hildebrandt: Eilmeldung war schnell im Programm, aber geschenkt – das kriegt jeder noch so kleine Lokalsender ja auch hin, keine Kunst. Gut 20 Minuten später dann eine Moderation dazu im Programm. Kathie Kleff hat das in der richtigen Stimmung verkauft, das Bett war passend, dazu ein O-Ton von Hildebrandt. Nicht aufdringlich, nicht anbiedernd – sondern informativ, ruhig und mit einer Moderatorin, die ihr Handwerk verdammt gut versteht. Genauso gut könnte das übrigens auch bei WDR2 laufen, das journalistische Niveau ist ähnlich hoch.

Ansonsten zahlt Antenne Bayern gerade die Rechnungen der Hörer, das altbekannte Spiel. Aber im Gegensatz zu anderen Sendern wird nicht übermäßig aufdringlich darauf hingewiesen, kaum Promos oder Trailer für das Spiel. Wie ich das sehe, gibt es nur drei Sendeplätze am Tag, in denen eine Rechnung gezahlt wird – von einem aufdringlichen Gewinnspiel kann wirklich keine Rede sein. Positiv ist auch die Korrespondenten-Kette in den Nachrichten. Schön gemacht, schön fett verpackt, gute Reporter. Die Reporter liefern nette Stücke ab, sprechen teilweise auch mit Dialekt, bauen öfter Atmo in ihre Stücke ein – es wirkt sehr nah dran an Land und Leuten. Da könnte man sich auch einiges für die eher dröge WDR2-Regionalschiene um Halb abgucken.

Die Formel ‚Valerie Weber = Blöde Gewinnspiele und Verflachung‘ ist einfach falsch und verkürzt. Und das sage ich nicht, weil ich Frau Weber persönlich kenne oder mal unter ihr gearbeitet habe, sondern weil ich heute gut zwei Stunden bei Antenne Bayern reingehört habe. Vielleicht sollten das einige Kollegen beim WDR auch mal machen, dann lösen sich manche Befürchtungen vielleicht von selbst auf.“

 

Inge Seibel (Bild: Privat)

Inge Seibel (Bild: Privat)

Inge Seibel gehört zu den Privatradiopionieren in Deutschland. 1986 war sie Mitarbeiterin der ersten Stunde beim Lokalradio Charivari München. Von 1995 bis zur Geburt ihrer Tochter 1998 leitete sie als Programmchefin und Chefredakteurin Antenne Thüringen. Heute lebt die freie Journalistin in Hamburg und arbeitet unter anderem für die Bundeszentrale für politische Bildung. Sie ist Mitglied der Grimme-Jury für den Deutschen Radiopreis 2013.

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