MA-SPEZIAL: Je formatierter, desto erfolgreicher

Veröffentlicht am 16. Jul. 2013 von unter Bitter Lemmer

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In jeder Stunde hören 73,3 Millionen Deutsche Radio. Das sind 0,1 Prozent mehr als vor einem Jahr. Das ist das globale Resultat der neuen MA Radio II. Das Medium Radio zeigt sich damit gänzlich unbeeindruckt vom sonstigen medialen Umfeld und seinen Veränderungen. Die Anteile der öffentlich-rechtlichen und der privaten Radiosender blieben im großen und ganzen unverändert, mit regional unterschiedlichen Zugewinnen für die Öffentlich-rechtlichen. Generell waren die Programme erfolgreich, die sich besonders eindeutig formatierten und im Markt positionierten.

Größter Verlierer ist Alsterradio in Hamburg (- 53,1 Prozent), wo die Umfragesaison mit massiven Querelen begann. In Hamburg findet sich mit Energy auch einer der größten Gewinner (+ 33,3 Prozent). Die (erwachsenen)Top-Zugewinner sitzen allerdings in den Freistaaten Bayern und Sachsen – voran Energy Sachsen (+ 52,9 Prozent) und das Nachrichtenprogramm B5 (+ 40 Prozent). In Bayern funkt auch das nach wie vor meistgehörte Programm Deutschlands, Antenne Bayern (- 1,4 Prozent). Spitzenreiter bei den Zuwächsen ist allerdings das Berliner Kinderradio Teddy (+ 76,2 Prozent). Alle Zahlen beziehen sich auf die Zielgruppe 14 bis 49 Jahre.

Bitterlemmer meint: Der erste Radio-DJ der Welt war ein gewisser Reginald Fessenden. Am Weihnachtsabend 1906 lud er sich ein paar musikalisch begabte Wissenschaftler in sein Studio in Brant Rock, Massachussettes. Es gab eine kurze Ansprache, phonografische und live eingespielte klassische Musik und am Ende den ersten Teaser der Radiogeschichte: Man werde zu Silvester die nächste Sendung ausstrahlen. Hören konnten das nur ein paar Seeleute, die vor der Ostküste kreuzten und ihre Funkgeräte auf Empfang geschaltet hatten. Sie wurden Zeugen der Geburt des erfolgreichsten Mediums aller Zeiten. Radio ist ein Ewigkeitsmedium. Reden und Musik. Kein Bild, kein Text. Zeitungen mögen älter sein, aber angreifbarer. Als das Fernsehen aufkam drückte es die Zeitungen auf Platz 2. Jetzt drückt das Internet Fernsehen und Zeitungen zur Seite. Dem Radio ist das egal. Es drückt niemanden weg und lässt sich von niemandem wegdrücken. Radio hat etwas besonderes an sich. Ob mit oder ohne Internet – jeder Mensch hört Radio. Und keine Band wagte es,  den historischen Irrtum der One-Hit-Wonder-Truppe Buggles zu wiederholen – Video killed the Radio Star. 

Die Märkte im Einzelnen

NORD

Klarer Gewinner ist NDR 2 mit einem Plus von 14,2 Prozent und einer Stundennettoreichweite von 254.000 Hörern.
In Schleswig-Holstein konnte der öffentlich-rechtliche Großsender seinen privaten Konkurrenten aber keine Hörer abnehmen – im Gegenteil. RSH gewann 6,6 Prozent dazu. Nur delta-Radio musste 2000 Hörer abgeben, was ein Minus von 3,6 Prozent ausmacht.

In Mecklenburg-Vorpommern legte die Ostseewelle ordentliche 7,6 Prozent zu. Die kleinere Antenne MV verabschiedete sich von satten 20,8 Prozent.

Bitterlemmer meint: Die Marke macht‘s. Die Antenne ging im Wettbewerb unter. Ein Typisches Problem der Kleineren: Sie können im Vergleich zu den Großen nur wenig Reichweite für ihre Promotions in den Markt werfen.

 

In Hamburg meldet sich – wie eigentlich jedes Jahr – das Phänomen Radio Hamburg zu Wort – plus 8,0 Prozent. Alsterradio ist der Verlierer des Jahres mit einem minus von 53,1 Prozent. Energy ist in Hamburg – und nicht nur hier – klarer Gewinner mit plus 33,3 Prozent.

Bitterlemmer meint: Ich bin RHH-Fan. Für die Konstanz und die Substanz, die diese Truppe zeigt. DAS Hamburg-Radio. Der Alterradio-Misserfolg ist hausgemacht, und das liegt an den Eigentümern. Hektisches Gefummele statt RHH-typische Professionalität. Und Energy, tja, mal geht‘s runter, jetzt wieder rauf. Allerdings diesmal an praktisch allen Standorten. Hat‘s diesmal Bestand?

 

In Niedersachsen war‘s für die landesweiten Privaten keine dolle MA. Minus 16,5 Prozent für die Antenne, minus 10,2 für ffn, das damit aber immerhin Platzhirsch bleibt. Radio 21 verlor kräftig (-22,2 Prozent).

Bitterlemmer meint: Man möchte der Antenne und ffn zurufen: Mehr Mut! Mit Handwerk allein ist NDR 2 nicht zu knacken, da muss noch was Spezielles obendrauf. Und Radio 21 bleibt ein Problemfall. Mit Schlagworten wie „Crossmedialität“ mag man einen Hinhörer für Brancheninsider setzen, aber nicht für Hörer.

Und in Bremen gab‘s für Radio Bremen auf die Mütze, Energy gewann auch hier.


WEST

In Nordrhein-Westfalen verloren – bis auf WDR 4 (+ 9,2 Prozent) – alle. Das Radio-NRW-Netz gab 9,3 Prozent ab. WDR 2 verlor 4,2 Prozent, WDR 4 machte ein Minus von 10,8

Bitterlemmer meint: Immer dasselbe mit NRW. Kein Wettbewerb, kein Spaß, keine Einfälle, politisch verordnete Quoten. Langweilig.


OST

In Berlin-Brandenburg sitzt mit Radio Teddy nicht nur der größte Zugewinnler (+ 76,2 Prozent). Hier tat sich auch sonst viel. Star FM hat mit seiner inzwischen durchgehend erkennbaren Edelproll-Attitüde 33,9 Prozent dazugewonnen und – wichtiger noch – mit dem Sprung über die 80.000-Hörer-Marke eine Position erobert, mit der sich erstmals eine stabile Basis für Bekanntheit und Promotion bauen lässt. Besonders krass wirkt der Star-FM-Erfolg im Vergleich mit rs2. Der langjährige Marktführer fiel auf nur noch 65.000 Hörer mit einem Minus von neuerlich 13,3 Prozent. Der alte Rivale von einst, 104.6 RTL, musste zwar auch ein paar Federn lassen (- 15,3 Prozent), bleibt aber King of AC an der Spree. Ziemlich wacker haben sich die rbb-Programme geschlagen, die allesamt dazugewonnen haben, am stärksten Radio 1 (+ 36,2 Prozent). Fritz bleibt das Sorgenkind der Preußen-Öffis und gewinnt mit 1,1 Prozent nur wenig dazu. Offenbar rechnete da niemand mit der neuen Stärke von Energy – auch in Berlin-Brandenburg mit einem Plus von 32 Prozent.

Bitterlemmer meint: Nicht ganz zufällig, dass Berlin-Brandeburg gleich hinter NRW steht. Auf den langweiligsten folgt der spannendste Radiomarkt – und der gemessen an Bevölkerung und Wirtschaftskraft lukrativste. Marktwirtschaft statt Planwirtschaft. Über die Jahre immer klarer positionierte Marken und immer eindeutiger definierte Segmente. 

 

In Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen legte MDR Jump um 36 Prozent zu.

In Sachsen heißt der klare Marktführer dennoch nach wie vor Radio PSR – mit jetzt fast 180.000 Hörern Reichweite (+ 4 Prozent). Und dann wäre da noch Energy Sachsen zu erwähnen – plus 52,9 Prozent.

In Thüringen verlor die Antenne 9,6 Prozent, bleibt aber immerhin an der Spitze. MDR Thüringen har auf der Verfolgungsjagd 26,1 Prozent dazugewonnen.

Bitterlemmer meint: Antenne ist nicht gleich Antenne. Und Thüringen ist nicht gleich Bayern.

In Sachsen-Anhalt verloren alle – Radio Brocken und MDR Sachsen-Anhalt beide je um die 20 Prozent. Radio SAW konnte seine Position halten, aber auch nur mit einem Minus von 6 Prozent.

bitterlemmer meint: Schwieriges Land mit viel einstrahlender Konkurrenz. Was wäre mit Radio SAW passiert, wenn‘s in Magdeburg auch ein Energy gäbe?

 

SÜDWEST

SWR 3 bleibt Platzhirsch mit einem leichten Minus in der Zielgruppe von 0,8 Prozent. Allerdings bleibt die Station westlich von Schwaben mit insgesamt 1,15 Millionen Hörern in Höhen, die für die Mitbewerber unerreichbar sind. Am jungen Ende holt Big FM ein leichtes Plus von 4,6 Prozent.

In Rheinland-Pfalz sind sind die öffentlich-rechtlichen Programme die klaren Sieger. Auch SWR 1 und SWR 4 legen deutlich zu. RPR1 verliert dagegen 9,1 Prozent, Rockland 6,3 Prozent.

In Baden-Württemberg sieht‘s etwas anders aus. Bei den Privaten verliert Antenne 12,4 Prozent. Die anderen Privaten halten ihre Reichweite oder gewinnen dazu, natürlich – auch hier – Radio Energy mit plus 30 Prozent. SWR 1und SWR 4 verlieren 9,4 und 18,1 Prozent.

Im Saarland heißt der Gewinner Big FM (+ 22,2 Prozent). Der Rest läuft unter ferner liefen.

 

SÜD

In Hessen kann eigentlich nur FFH zufrieden sein. In der Zielgruppe bleibt‘s bei 350.000 Hörern, im Ganzen bei 550.000. Bei Radio Bob bloppen heute wohl auch die Sektkorken dank eines Plus von 7,8 Prozent. Aus dem Rahmen fällt – wieder einmal der Hessische Rundfunk mit seinen Programmen – bis auf HR 3 (Minimalplus) haben alle verloren, teils kräftig.

Bitterlemmer meint: Bei der nächsten Intendantenkonferenz der ARD dürfte Helmut Reitze die Zielscheibe der Spötter werden. Aber immerhin: Ganz allein wird er nicht sein. Denn es folgt: Bayern.

In Bayern ticken die Uhren wieder mal etwas anders als im Rest der Republik. Antenne Bayern hat seinen Stand gehalten, obwohl das Ergebnis im letzten Jahr von manchen als Ausreißer nach oben verstanden wurde – war es aber nicht. Es gab ein Minimalminus von 1,2 Prozent, eine Reichweite von 891.000 in der Zielgruppe und von 1,288 Millionen im Ganzen. Damit ist Aby weiter das meistgehörte Programm in Deutschland. Das lange als unschlagbar geltende Bayern 1 verliert in der Zielgruppe 17,6 Prozent und aufs Ganze immer noch 6,1 Prozent und hat damit die Reichweiten-Million aus den Augen verloren. Bayern 3 hat immerhin seinen Sinkflug gestoppt. Das Nachrichtenprogramm B5 legte kräftig zu – plus 40 Prozent in der Zielgruppe. Erwähnenswert in Bayern ist – wie auch in den anderen Bundesländern – das junge Segment. Radio Galaxy legte satte 35,5 Prozent zu. Wo Galaxy nicht so gut läuft, holte Energy den Zugewinn – in München 34,6 Prozent.

Bitterlemmer meint: Was Radio Hamburg in Hamburg, dass ist Antenne Bayern in Bayern. Ein Phänomen. Konstanz, Beständigkeit, Professionalität. Mit einer Über-Positionierung als Bayern-Radio, die der Konkurrenz nur die Untersegmente lässt. (Anmerkung: Ich bin Antenne Bayern beruflich verbunden.)

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Christoph Lemmer arbeitet als freier Journalist.

E-Mail: christoph@radioszene.de

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