Radio-Nachrichten: Ist ihre Zeit abgelaufen?

Veröffentlicht am 13. Apr. 2013 von unter BUNSMANN

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Ulrich Bunsmanns Gedanken zum Radio

Es ist schon erstaunlich, wie die persönliche Situation die Wahrnehmung beeinflusst: Hat man sich ein Auto einer bestimmten Marke gekauft, sieht man ständig Autos genau dieser Marke. Ist man gesund und auch im direkten Umfeld nicht mit schweren Krankheiten konfrontiert, scheint es nur relativ wenige kranke Menschen zu geben – was sich scheinbar schlagartig ändert, wenn solche schweren Krankheiten ins eigene Leben eindringen.

Das gilt auch für das Arbeiten beim Radio. Eingebunden in den nie stillstehenden Kreislauf der 24/7-Programmerstellung, fällt die Wahrnehmung des gesendeten Produkts oft völlig anders aus, als wenn man mal für eine geraume Zeit Abstand gewinnt und sich wieder etwas mehr dem annähert, was ein normaler Hörer hört.

Ein Beispiel dafür sind für mich persönlich die Nachrichten im Radio. Ich ertappe mich jetzt immer öfter dabei, dass ich bei den Nachrichten der privaten oder öffentlich-rechtlichen „Tagesbegleitprogramme“ ab- oder auf Musikquellen umschalte. Und frage mich, warum? Denn mein Interesse an interessanten Neuigkeiten – egal ob bedeutsam oder unterhaltsam – hat auf keinen Fall gelitten, eigentlich sogar eher zugenommen.

Der Grund dafür ist aus Sicht eines Radiomachers eher ernüchternd: die Radio-Nachrichten sind allzu oft einfach keine Neuigkeiten mehr, sie sind zu einem Ritual innerhalb festgezurrter Stundenuhren und Sendeabläufe geworden. Das Radio hat allein dadurch schon seinen Stellenwert als schnellstes Medium verloren. Denn wenn es wirklich interessante Neuigkeiten gibt, habe ich die meistens schon über einen der zahlreichen Internet-Kanäle erfahren, bevor den Radio-Nachrichten mal wieder die Stunde schlägt.

Außerdem langweilt es mich – wie es allzu oft passiert -, die gleiche Information mehrere Stunden lang in oftmals nur minimal veränderter Form im typischen Nachrichten-Deutsch präsentiert zu bekommen. Mir ist natürlich auch klar, dass viele Geschichten relativ schnell auserzählt und wirklich neue Aspekte dann kaum zu finden sind. Aber ist das ein Grund, die alten Informationen ständig zu recyceln? Frei nach dem Motto: Das Beste aus den 6, 8 und 10 Uhr-Nachrichten?

Vermutlich habe ich jetzt etlichen Kolleginnen und Kollegen, die tagtäglich an der „Nachrichten-Stanze“ (übrigens die Formulierung eines Nachrichten-Chefs) ihr Bestes geben, kräftig auf die Füße getreten. Aber wäre es nicht wirklich an der Zeit, auch die Radio-Nachrichten an die sich radikal verändernde Medienwelt anzupassen?

Wobei es eigentlich keinen fairen „Wettkampf der Systeme“ zwischen Privaten und Öffentlich-Rechtlichen geben kann. Denn dieser Wettkampf ist schon entschieden, bevor er begonnen hat. Immer dann, wenn es wirklich ernst wird (z.B. zum 11. September, beim Beginn des Irak-Kriegs, während der Atom-Katastrophe in Fukushima, aber auch an Wahlabenden), sind die Privaten im Nachrichten-Geschäft chancenlos, weil die Radiohörer und TV-Zuschauer dann bei den Öffentlich-Rechtlichen die größeren Ressourcen und damit die größere Verlässlichkeit vermuten.

Sollten die Privaten deshalb ganz auf den Bereich „Nachrichten“ verzichten, weil er sich schlicht nicht rechnet, wie es etwa der Vorstandsvorsitzende von ProSiebenSat.1 vor einiger Zeit mal ins Gespräch gebracht hat? Wenn ich mir etwa Alibi-Veranstaltungen wie die RTL 2-News angucke, könnte man schon auf diesen Gedanken kommen.

Aber die privaten Radiosender würden sich meines Erachtens mit einer solchen Überlegung einer großen Chance begeben. Denn es gibt durchaus ein Spielfeld für Neuigkeiten im Radio, und dieses Spielfeld wird in Zukunft eher grösser werden: die Regional- und Lokalberichterstattung. Ein Spielfeld, auf dem die großen Player im Neuigkeiten-Geschäft gar nicht antreten und auf dem die Aussichten des einzigen echten Konkurrenten, der lokalen Tageszeitung, in den kommenden Jahren zunehmend düsterer werden.

Ich plädiere natürlich nicht für den BmE vom Feuerwehrball oder der Jahreshauptversammlung des Taubenzüchtervereins (vielleicht noch mit Fotos auf der Sender-Homepage und bei Facebook) – das interessiert ja auch heute in der Tageszeitung kaum jemanden außer den unmittelbar Beteiligten. Aber Radio hat eigentlich schon heute viel bessere Möglichkeiten, lokale Themen spannend und emotional aufzubereiten.

Es war zugegebenermaßen mit der Hamburger Morgenpost eine Tageszeitung, die das Thema ausgegraben hat, an dem mir klar wurde, was Radio sich heute mit seiner Fixierung auf die formalisierten News zur Stunde entgehen lässt: In der Nähe von Hamburg wurde einem vierjährigen Jungen mit einer Frist von 14 Tagen der Platz in der Kindertagesstätte gekündigt, weil er entgegen den Essensrichtlinien des Trägers Butterkekse in seiner Frühstücksdose hatte. Was wäre das für ein Thema für ein Lokalradio gewesen: O-Töne der Eltern, die beide berufstätig sind und auf den Kita-Platz angewiesen waren, die Stellungnahme des Trägers, Hörer-Call-ins, ein Voting, die Suche nach einem neuen Kita-Platz …

Machen wir uns nichts vor: so etwas würde nicht einfach. Gerade im regionalen und lokalen Bereich sind die Verflechtungen – nicht zuletzt auch in finanzieller Hinsicht – eng und es gäbe sicher immer wieder Themen, bei denen daraus Widerstände erwachsen können.

Die erforderliche Neuorganisation der Arbeitsabläufe in den Radiostationen würde zudem sicher erhebliche Reibungen produzieren. Keine standardisierten Nachrichten zur vollen Stunde mehr? Stattdessen einerseits „Breaking News“, wenn es denn wirklich welche sind, zum anderen redaktionell immer wieder frischaufbereitete Geschichten? Recherche-Redaktion statt Agentur-Verwertung?

Und – wir kennen das alle leidvoll – die Anteilseigner würden immer wieder scheel auf die dafür erforderlichen Kosten gucken und Sparpotentiale wittern.

Aber in einem Umfeld unübersehbarer vieler Musik-Streams und einer damit verbundenen Fragmentierung der Radiomärkte könnte lokales und regionales Radio perspektivisch an Relevanz und Alleinstellung zurückgewinnen. Was sicher auch nicht schlecht für das Geschäft wäre. Mal ganz abgesehen davon, dass es mehr Spaß machen dürfte als die „Nachrichten-Stanze“.

11.4.2013/ub

 

Ulrich Bunsmann, seit 25 Jahren Radio-Profi, schreibt regelmäßig für RADIOSZENE seine Gedanken zum Radio aus der deutschen Medienhauptstadt Hamburg.

E-Mail: bunsmann@radioszene.de

 

 

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