Webradio-Studie untersucht erstmals Macher und Nutzer parallel

Veröffentlicht am 16. Dez. 2012 von unter Buch-Tipps

  • Hörer und Macher überdurchschnittlich jung
  • Werbefreiheit und Programmvielfalt sind initiierend
  • Orts- und zeitunabhängige Nutzung beliebt
  • Arbeitszimmer und Büros dominieren Nutzung

In einer Pilotstudie wurden erstmals Macher und Hörer von Webradios eines Bundeslandes parallel in einer Studie befragt. Die von der Sächsischen Landesmedienanstalt (SLM) beauftragte und von einem Team aus Wissenschaftlern und Praktikern gemeinsam durchgeführte Studie konnte ein umfassendes Bild über sämtliche Aspekte der Produktion und Rezeption von Webradios erarbeiten.

Die Macher & das Programm

Es wurden 22 Angebote betrachtet; diese konnten in drei Gruppen (Professionell, Semi- Professionell und Amateur) aufgeteilt und beschrieben werden. Dabei wurde deutlich, dass der Bereich nicht mehr allein mit dem Verweis auf einen Hobby-Betrieb betrachtet werden kann. Selbst bei semi-professionellen und Amateursendern fanden sich entwickelte Arbeitsabläufe, Positionierungen zur Marktentwicklung und Refinanzierungsbemühungen.

Neben Fragen nach Finanzierungsformen, Struktur der Einnahmen und Ausgaben oder genutzten Werbeformen wurde auch untersucht, wer bei den Webradios eigentlich arbeitet und wie. So sind die Mitarbeiter der Webradios überdurchschnittlich jung: 58% der bei den 11 befragten Sendern insgesamt arbeitenden 127 Personen sind zwischen 21 und 30 Jahren alt.

Es wurde auch untersucht, über welche Formen und in welchem Formaten die Streams verteilt werden, für welche Plattformen Apps betrieben werden und welche sozialen Netzwerke wie genutzt werden.

Auch eine umfassende Analyse der publizistischen Leistungen wurde in der Studie vorgenommen. Hier wurde bspw. die Verteilung von Wort und Musik betrachtet, aber auch Live-Anteile gemessen und die Höreransprache, Moderationsstile und Darstellungsformen erfasst. Auch hier konnten professionelle Anbieter identifiziert werden. Weiterhin konnte die Verteilung der Musikgenres erfasst werden sowie ein Vergleich der publizistischen Leistungen mit denen der klass. UKW-Sender vorgenommen werden.

Die Hörer & die Nutzung

In den Hörerbezogenen Modulen der Untersuchung wurden die Reichweiten der sächsischen Webradioanbieter untersucht. Als potentielle Reichweite sächsischer Webradios wurden 275.000 Sachsen identifiziert (davon 170.000 Berufstätige bzw. 132.000 Technikbegeisterte, 125.000 Intellektuelle). Der durchschnittliche Hörer ist 32,2 Jahre alt. Als tatsächliche Hörer originärer Webradios wurden für Sachsen ermittelt: 42.000 Menschen bis 45 J., 15.000 bis 65 J. und 3.000 über 65 J.

Darauf aufbauend konnte in Befragungen auch eine Typologie der Hörer erstellt werden: diese lassen sich einteilen in “Unterhalter”, “Nostalgiker”, “Vielseitige” und “Selektive”. Die Studie zeigt deren Anteile an der Grundgesamtheit sowie die jeweils favorisierten Sender. Weiterhin wurde belegt, dass Webradiohörer in Sachsen häufig berufstätig oder in hochschulischer Ausbildung sind.

In Bezug auf die Erwartungen an ein Radioprogramm konnte gezeigt werden, dass Webradiohörer klare Festlegung auf einen der beiden Pole “Wort” oder “Musik” weitgehend vermeiden. Die Ergebnisse deuten eher darauf hin, dass bei Webradiohörern ein Verständnis für die Multifunktionalität von Radioangeboten besteht. Musik bleibt das wichtigste Programmelement. Aber auch Aktualitäten und Berichte werden durchweg geschätzt.

Die Nutzerbefragung kristallisierte heraus, dass Webradios vor allem aus folgenden empfundenen Mehrwerten heraus genutzt werden:

  • Sendervielfalt (eingeschlossen der Empfang ausländischer Sender)
  • Qualität der Sender (insbes. als Gegensatz zu Werbung und Gewinnspielen)
  • Zusatznutzen (Downloads, Podcasts, Partizipationsmöglichkeiten) – Handling (Handhabung, Empfangsqualität, parallele Nutzung)
  • Musikauswahl (Sortierbarkeit nach Genres, Breite, Vielfalt)

Vor allem jüngere Hörer betonten die Werbefreiheit stärker. Die Beschreibung der Vorzüge erfolgte in den Gruppendiskussionen mit dem stetigen Verweis, dass herkömmliche bzw. am Heimatort empfangbare Radioprogramme nicht den persönlichen Präferenzen der Teilnehmer entsprechen, so dass dies als ein wesentliches initiierendes Moment zur Nutzung von Webradio betrachtet werden kann. Auch die Möglichkeit orts- und zeitunabhängiger Nutzung und direkte Verfügbarkeit von Zusatzinformationen werden als starke Mehrwerte herausgehoben.

Was die Nutzungszeit betrifft, konnten Befunde früherer Studien noch untermauert werden: am häufigsten (70%) wird der Nachmittag von 14-18 Uhr genannt, gefolgt vom Abend (18- 22 Uhr) mit 67%.

Auffällig ist auch, dass Webradio meist bei der Arbeit gehört wird: neben dem Wohnzimmer (gesamt: 48%) dominieren das Arbeitszimmer (gesamt: 47%) und das Büro mit 24% als Raum der Webradionutzung.

Die Studie gibt eingangs definitorische Bestimmungen und eine Verortung von Online- Rundfunk. Ausführungen zur Radioentwicklung, Gemeinsamkeiten und Unterschiede von klassischem und IP-basiertem Rundfunk runden die Einführung in das Themengebiet ab.
Mit einer Betrachtung zu den Zukunftspotentialen der Webradios, einer Auflistung möglicher Förderinstrumente für den Bereich sowie 8 Handlungsempfehlungen an Anbieter, die aus der Beobachtung erfolgreicher Praxisbeispiele abgeleitet wurden, schließt die Publikation.

Zur Struktur der Studie

Kap 1: Einleitung
Kap 2: Webradioanbieter in Sachsen
Kap 3: Programmstruktur, Programminhalte und publiz. Leistungen Kap 4: Reichweiten
Kap 5: Publikum der Webradios
Kap 6: Zukunft der Webradios in Sachsen

Die Autoren

Markus Schubert ist Geschäftsführer der Kontur 21 Gesellschaft für Marktforschung und Vorstand des Zentrums für Wissenschaft und Forschung und war Forschungsgruppenleiter der Untersuchung.

Prof. Dr. Hans-Jörg Stiehler und Benjamin Bigl lehren und forschen am Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaft der Universität Leipzig, u.a. zum Medienwandel und Radiokonsum.

Christian Bollert und Marcus Engert sind Gründer von detektor.fm und lehren u.a. im Master-Programm „Online Radio“ der Martin-Luther-Universität Halle sowie verschiedenen Aus- und Fortbildungseinrichtungen für Journalisten.

Die Studie „Internetradios in Sachsen – Eine empirische Untersuchung sächsischer Webradioangebot“ ist erschienen als Band 23 der Schriftenreihe der SLM. Sie ist ergänzt um die zusammengefassten Ergebnisse der „R@diostudie 2011“.

Link
Internetradios in Sachsen

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