Dietmar Wischmeyer: “Wer sich ein Ohr abschneidet, gewinnt Hundert Mark” (Abschied vom Radio)

Veröffentlicht am 30. Jun. 2004 von unter Standpunkte


Dietmar Wischmeyer

Dietmar Wischmeyer

Im Radio des ausgehenden Jahrtausends wird die mühsam errungene Kulturstufe der Menschheit täglich 24 Stunden lang negiert. Unbemerkt haben sich verbrecherische Kräfte des Hörfunks bemächtigt und die Königin des Äthers in eine Sickergrube verwandelt. Sogenannte Moderatoren spucken elliptische Satzrümpfe in die Mikrophone, deren Ähnlichkeit mit deutscher Sprache auf purem Zufall beruht. Inhaltlich geht es entweder um Gewinnspiele oder um die Penetrierung eines »CIaims«. Damit meinen die Schurken in den Formatradios einen Slogan, der fünfzigmal pro Stunde in die Köpfe der Hörer geprügelt werden muß. »Der beste Oldie-Mix und die Superhits der 80er und 90er Jahre mit mehr Abwechslung« ist so ein typischer »Claim«, der allerdings auch durch pausenlose Wiederholung nicht an poetischer Kraft gewinnt. Wenn also das moderne Radio schon nicht mehr zu uns spricht, bleibt ja noch die Musik. Doch auch in der Plattenküche ist Schmalhans Küchenchef. Von mehreren hunderttausend spielbaren Popsongs sucht sich der Formatgestalter die dreihundert langweiligsten aus und nudelt sie durch seine »hot rotation«. Kaum glaubt man eine langweilige Ballade überwunden, quillt dieselbe nölige Lala schon wieder aus dem Lautsprecher. Einzige Bedingung an einen Radiotitel ist dessen über Jahre ausgewiesene Mittelmäßigkeit. Formatradio ist Fast food fürs Ohr: Es schmeckt nicht richtig ekelig, aber eben auch nicht gut. Warum tun Menschen sowas, warum gehen sie keinem anständigen Gewerbe nach, machen einen Minibagger-Verleih auf oder füllen Kondomautomaten nach? Weil im Werbeumfeldradio natürlich eine Menge Geld verdient wird. Nicht an der Front, wo die armen Würstchen arbeiten, sondern da, wo die Besitzer die Coupons schneiden. Ist ja an sich auch nix gegen zu sagen: Mäuse machen mit Mittelmaß. Die allermeisten Konsumprodukte heute auf dem Markt sind Schund, warum sollten ausgerechnet Radioprogramme besser sein? Weil es auf diesem Markt kein freies Zutrittsrecht gibt. Da darf nicht jeder einfach seinen Mumpitz in den Äther husten und damit Kohle machen. Radiofrequenzen stehen entweder unter öffentlich-rechtlicher Verwaltung oder werden als Lizenzen vergeben. Über die Vergabe und Kontrolle befinden die Landesmedienanstalten.

Die Ergebnisse sind erschütternd: So nimmt der länderübergreifende Konzentrationsprozeß unter den Radiosendern zu, bundesweit hört sich alles gleich an, und die Lizenznehmer tanzen den Kontrollorganen auf der Nase herum. Da wird die Frequenz für eine Jazzwelle vergeben, die sich über Nacht in ein 08/15-Popformat wandelt, und niemand stört sich dran. Da werden Werbung und redaktionelle Beiträge überall frech durchmischt, und niemand greift ein. Von alldem weiß der normale Hörer natürlich nichts, nur eines ahnt auch er: Täglich gibt ihm das Radio zu verstehen, daß er bestenfalls ein gescheiterter Hilfsschüler ist, der sich durch primitive Gewinnspiele ködern läßt und keinen Wert auf intelligente Ansprache legt. Die weltweit operierende Formatmafia hat das Radio in ein Junkmedium verwandelt. Und weil die Radioschaffenden tief im Inneren ahnen, welches Geschäft sie da betreiben, tunen sie ihr banales Wirken mit allerlei Gefasel aus der Marktforschung. Und weil im Radio Herr Kaiser seine neuen Kleider trägt, muß der Angelsachse mit trendigem Vokabular aushelfen: Der Wortbeitrag wird zum »event«, der Programmhinweis zum »preseller«, der Schmierzettel zur »linercard«, und uralte Witze zwischendurch sichern die »Fun-Kompetenz«. Um nun komplett sicherzugehen, daß einem garantiert nichts Neues eingefallen ist, wird jeder Musiktitel, jede Moderationsstimme »getestet«, d.h. einer Zufallshorde als 15-Sekünder um die Ohren gehauen. Und wenn man dann alle getesteten Programmelemente beisammen hat, dürfen sie immer noch nicht ausgestrahlt werden. Wie der Teufel das Weihwasser scheut der Formatradiot das »trockene Wort«. Wenn Sprache droht, wird an- und abgejingelt und im Verlauf monotone Scheppermusik druntergequirlt. Wem das alles nicht längst zu den Ohren wieder rausgekommen ist, der gehört zu den 85% der Bevölkerung, die sich genau dieses Radio täglich anhören. Das ist die andere Seite der Wahrheit. Schade ist es nur um ein wundervolles, einfaches Medium, das unseren Geist mehr beflügeln könnte als das dumme, teure Fernsehen.

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