Der allzu diskrete Charme von DAB+

Veröffentlicht am 10. Sep. 2012 von unter BUNSMANN

Ulrich Bunsmanns Gedanken zum Radio

Jetzt also wieder mal ein neuer Verein: „Digitalradio Deutschland e.V.“. In diesem Verein wollen ARD, Deutschlandradio, die Media Broadcast sowie die Privatsender-Gesellschaft Digitalradio Deutschland GmbH diesmal ganz bestimmt „Digitalradio mit noch mehr Marketing-Power deutschlandweit im Markt ein(…)führen und bei den Hörern bekannt (…) machen“.

Ich weiß wirklich nicht, ob ich ob dieser vollmundigen Ankündigung gelangweilt gähnen (die wievielte Ankündigung dieser Art ist das eigentlich, seit ich wohl 1991 das erste Mal an einem DAB-Workshop teilgenommen habe?) oder ob der scheinbaren Ahnungslosigkeit solch wichtiger deutscher Medienmanager in Tränen ausbrechen soll.

WDR-Hörfunkdirektor  Schmitz hat – das kesselt! – einen TV-Spot über Digitalradio für alle dritten ARD-Programme produziert, Deutschlandradio-Intendant  Steul beschwört mal wieder das Digitalradio als das Radio der Zukunft.

Das ist natürlich Blödsinn. Das Radio der Zukunft ist – Überraschung! –  keine Übertragungstechnik, sondern: das Radio. Was verstehe ich mal ganz theoretisch betrachtet unter dem Begriff „Radio“?

Radio ist eine auf unterschiedliche Weise erstellte Zusammenstellung von Audio-Elementen (Wort, Musik, Sounds), die von einer zentralen Koordinierungsstelle  zum Abruf durch den daran interessierten Nutzer bereitgestellt und an diesen live oder zeitversetzt zur linearen Nutzung übertragen wird. Radio ist nicht Fernsehen, es beruht auf Audio-Elementen.

Radio war, ist und bleibt ein “One to Many”-Angebot, auch personalisierte Angebote wie Last.FM, Spotify usw. basieren  letztlich auf einem generalisierten Algorithmus.

Radio benutzt – anders als in der LW/KW/MW/UKW-Vergangenheit – zur Bereitstellung und Übertragung seiner Inhalte und Angebote unterschiedliche technische Übertragungswege (drahtlose wie UKW, DAB+, W-Lan, UMTS, LTE und drahtgebundene wie die Kabel-Netze oder das leitungsgebundene Internet), für deren Empfang unterschiedliche Empfangstechniken benötigt werden, die sich sowohl in jeweils unterschiedenen Geräten wie auch in Kombinationsgeräten, die zwei oder mehrere Empfangstechniken bündeln, finden.

Will das Digitalradio DAB+ in dieser diversifizierten Technik-Landschaft auf Dauer seinen Platz finden, müssen die Befürworter und Förderer von DAB+ endlich erkennen, dass Marketing-Maßnahmen, die sich im Wesentlichen auf die Digitalradio-Technik beziehen, die reine Ressourcen-Verschwendung sind.

Seit ich das erste Mal über DAB diskutiert habe (ich muss es leider noch mal erwähnen – es war wohl 1991), sage ich fast gebetsmühlenartig dasselbe: Digitalradio wird sich beim Hörer nur dann durchsetzen, wenn es Angebote beinhaltet, die es anderswo nicht gibt und die für eine hinreichend große Zahl von potentiellen Käufern interessant und attraktiv genug sind, um einen Kaufanreiz auszulösen.

Das schließt logischerweise massen- und mainstream-orientierte Programme aus – davon gibt es über UKW genug, dafür kauft sich niemand ein neues Radio, solange sein altes noch funktioniert. Und es schließt auch Special Interest-Programme  (wie z.B. klassische Musik, aber auch Nachrichten- und Info-Programme) aus, für die es bereits hinreichende Angebote gibt.

Gibt es im aktuellen DAB+-Programm-Bouquet auf nationaler Ebene (nebenbei bemerkt: der Start auf nationaler Ebene war eine der wenigen sinnvollen Maßnahmen zum Thema Digitalradio) – gibt es also im nationalen DAB+-Bouquet solche interessanten und attraktiven Angebote für eine hinreichend große Zahl von Radiogeräte-Käufern?

Vorsichtig formuliert: nicht allzu viele. Das Fussball-Radio 90elf spricht mich als Fußball-Fan schon an (allerdings gucke ich dann doch lieber die Sky-Konferenz), ich mag AbsolutRadio, weil es ein bisschen anders ist (aber ob das reicht?), bei Sunshine Live bin ich unsicher, ob es immer noch im Trend liegt, die religiösen Programme ERF und Radio Horeb sind so gar nicht mein Ding, sollten aber ihre eigene Zielgruppe haben. Vielleicht noch lounge.fm .

Aber das war’s dann auch schon: Unabhängig von ihrer Programmqualität (die ich gar nicht in Zweifel ziehen will) sind KISS, BOB!, ENERGY, Klassik Radio, Deutschlandfunk und Deutschlandradio Kultur nichts, was es nicht so oder ähnlich auf UKW auch gäbe. Sie fallen daher als Treiber für DAB+ weitestgehend aus.

Aber setzt das Marketing für das Digitalradio dann wenigstens auf die wenigen Angebote, die als Treiber funktionieren könnten? Weit gefehlt! In der Werbung geht es um „glasklaren Sound“, „keine Frequenzsuche“, „das Radio der Zukunft“, abstrakt um „jede Menge neue Programme“ (nur welche?).

Gäbe es einen anderen Weg? Ich weiß, das grenzt an die Quadratur des Kreises und dürfte das aktuelle Radio-Deutschland komplett überfordern. Aber wenn die vereinigten deutschen Radio-Betreiber Digitalradio wirklich befördern wollten, dann müssten sie die Werbezeiten, die sie jetzt nutzlos für generalisierende Radio-Technik-Spots einsetzen, konkret für die Bewerbung der Programme einsetzen, die Digitalradio attraktiv und interessant machen. Also Radio Horeb-Spots bei NDR 2, AbsolutRadio-Spots bei FFH, 90elf-Spots bei Antenne Bayern, Sunshine Live-Spots bei EinsLive und und und … Und vielleicht würden sich dann auf einmal auch mehr Treiber-Angebote im Digitalradio-Bouquet finden: ein nationales Jazz-Radio, das erste nationale deutsche Talk-Radio, ein nationaler Sport-Kanal oder auch ein Kanal für die immer heimatloser werdenden Schlager-Fans. Der Fantasie sind da keine Grenzen gesetzt – außer den leidigen finanziellen natürlich.

Auf freiwilliger Basis wird das natürlich nicht funktionieren. Aber vielleicht könnte der neue „Digitalradio Deutschland e.V.“ mit seinen vielen Medien-Managern und deren guten Kontakten zur Politik ja auch mal was Nützliches tun und als industriepolitische Maßnahme einen Digitalradio-Staatsvertrag in die Diskussion bringen. In dem würden dann alle UKW-Radio-Sender (ö/r und privat) zur Ausstrahlung eines entsprechenden Werbespot-Volumens zugunsten einzelner Digitalradio-Programme verpflichtet. Das dürfte für die bisherigen privaten UKW-Radio-Sender immer noch billiger kommen als in Großbritannien, wo die UKW-Lizenzvergabe mit der Verpflichtung zur Produktion eines Digitalradio-Programms verbunden wurde. Und die Öffentlich-Rechtlichen kämen damit einfach mal ihrem öffentlichen Auftrag nach.

Klar, das ist völlig neben der Spur gedacht. Aber auf den bekannten ausgetretenen Pfaden sehe ich für Digitalradio leider einfach keine Zukunft!

9.9. 2012/ub

 

Ulrich Bunsmann, seit 25 Jahren Radio-Profi, schreibt regelmäßig für RADIOSZENE seine Gedanken zum Radio aus der deutschen Medienhauptstadt Hamburg.

E-Mail: bunsmann@radioszene.de

 

 

 

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