Hitler lebt…

Veröffentlicht am 09. Aug. 2012 von unter Bitter Lemmer

…und Dummheit ist eben doch strafbar. Jedenfalls die falsche Dummheit. Ein vermutlich launig gemeintes Radio-Sprüchlein wie jetzt bei Gong in München, das da lautet, “Arbeit macht frei”, gehört definitiv dazu. Dieser Spruch ist kontextbedingt derart dumm, das sich vermutlich jeder in der näheren Umgebung der betreffenden Moderatorin die Frage stellt, wie um Herrgottswillen sie darauf gekommen ist. Und vermutlich wird sie darauf keine zufriedenstellende Antwort finden. Versuchen wir uns also in der beliebten Disziplin der Ferndiagnose ohne persönliche Kenntnis der Person, freilich unter Berücksichtigung gewisser gesellschaftlicher, politischer, historischer und rechtlicher Aspekte.

Zunächst eine Vermutung: Die betreffende Moderatorin gehört sicher nicht zu denen, die in ihrer Wohnung heimlich Nazi-Propaganda produzieren und vom Endsieg träumen. Vermutlich gehört sie eher zu denen, die sich im alltäglichen Leben für die genannten gesellschaftlichen, politischen, historischen und rechtlichen Aspekte nicht besonders interessieren. Dasselbe gilt wohl auch für ihre Sendeassistentin, die einem Anrufer gesagt haben soll, er solle den “Arbeit macht frei”-Spruch doch mit Humor nehmen. Vermutlich handelt es sich also um zwei junge Damen, denen Humor wichtig ist. Das ist normalerweise sicher recht sympathisch, aber eben nur normalerweise.

Bewegt man sich vom Schicker-Kontext auf das gesellschaftliche, politische, historische und juristische Parkett, wirkt die falsche Sorte Dummheit fatal. Juristisch gesehen geht es um Paragraf 130 des Strafgesetzbuches. Er ist mit dem Wort “Volksverhetzung” überschrieben. Man kann politisch und gesellschaftlich gern darüber streiten, ob die Moderatorin tatsächlich das Volk verhetzen wollte (vermutlich nicht) oder hat (vermutlich auch nicht), aber man kann kaum darüber streiten, dass “Volksverhetzung” ein strafrechtlich klar definiertes Delikt ist. Demnach ist es strafbar, Menschen aufgrund einer Gruppenzugehörigkeit mit Hass, Verachtung oder ähnlichem zu überziehen. Freilich muss eine “böswillige” Absicht erkennt sein, und der “öffentliche Frieden” muss gestört sein. Die Staatsanwaltschaft München I dürfte wohl zu dem Schluss kommen, dass sie bis auf Dummheit kein Motiv beweisen kann und das Verfahren darum möglichst geräuschlos einstellen.

Viel spannender finde ich eh die Frage, woran es liegt, dass dieser Hitler einfach nicht totzukriegen ist und periodisch immer mal wieder öffentliche Konjunktur hat. Dummheiten verbreiten ja nicht nur die, die mit ihren Sprüchlein die Karriere und die Reputation entgleisen lassen. Nicht weniger dumm war etwa der Spruch von Fernsehmoderator Johannes B. Kerner, den er der ebenfalls nicht überbelichteten Eva Hermann entgegenschleuderte: “Autobahn geht gar nicht.” Es war halt nur die korrekte Form der Dummheit. Und aktuell haben sich NDR und Die Welt damit hervorgetan, die Ruderin Nadja Drygalla fast schon gewaltsam zur Nazi-Braut zu erheben. Man hat das Gefühl, ihre Distanzierung von rechtsextremer Gesinnung habe bei manchen nicht Erleichterung ausgelöst, sondern Enttäuschung.

Mag sein, dass das manchen zum Widerspruch reizt, der dem nicht gewachsen ist. Ob die Gong-Kollegin die Drygalla-Debatte verfolgt hat? Womöglich empört ist über den Umgang mit der Ruderin? Womöglich nicht wusste, wie sie das aussprechen sollte, ohne sich selber in die Nesseln zu setzen? Und dass ihr dann das “Arbeit macht frei” rausrutschte, quasi als Ventil? Das wäre dazu noch unprofessionell.

Wie auch immer – jeder, der in München zur Schule ging, hat vermutlich einmal das ehemalige KZ Dachau besucht, auch da steht “Arbeit macht frei” an der geschmiedeten Eingangspforte. Dieser Spruch ist nicht dasselbe wie “Autobahn”. Er existiert allein im Nazi-Kontext. “Arbeit macht frei” geht gar nicht, schon gar nicht im Radio, und noch weniger als Humoreske.
Aber das wird die Kollegin vermutlich längst verstanden haben. Sollte sie irgendwann wieder Lust verspüren, sich auf gesellschaftlich-politisch-historisch-rechtliches Terrain zu begeben – sie wird es sich besser überlegen als diesmal.

Diskussion auf radioforen.de
Gong 96,3: Radiomoderatorin wegen Nazi-Zitat entlassen



Christoph Lemmer arbeitet als freier Journalist.

E-Mail: christoph@radioszene.de

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