Wenn Radiomärkte Tiere wären…

Veröffentlicht am 17. Mai. 2009 von unter Schalt-Report

Schaltreport_250Wäre die Radiowelt ein Zoo und die einzelnen Radiomärkte Tiere, dann hätte man Schwierigkeiten, argumentativ zu verhindern, dass der deutsche Markt als Schneckengehege oder – mit etwas mehr Wohlwollen – als Streichelzoo wahrgenommen würde. Die Raubtierattraktionen blieben anderen Ländern vorbehalten.

Verglichen mit den anderen großen Märkten der westlichen Welt, gibt es kaum einen Markt, der sich auf ähnlich behäbige Weise vielen Trends und Innovationen verschließt: Digitalradio hat – aus vielen sinnvollen, aber auch aus einigen schwer nachvollziehbaren – Gründen in Deutschland eine schwere, möglicherweise gar keine Zukunft vor sich.

Streamingreichweiten sind selbst Jahre nach der Etablierung von Webradio unbekannt; das Internet mit seinen zahlreichen, neuen Möglichkeiten bleibt von vielen Radiomacherinnen und Radiomachern in Deutschland nach wie vor unentdeckt oder ungenutzt.

Immerhin das iPhone als Radioplattform wurde mittlerweile erobert, die Radio-Apps füllen den deutschen iTunes-Store mittlerweile bis zum Rand an. Und auch Facebook ist in Deutschland keine Unbekannte mehr, selbst Dinosaurier der alten Medienwelt wie Arno Müller haben mittlerweile Mitarbeiter abgestellt, die ihn ihrem Namen twittern und im Minutentakt Statusmeldungen bei Facebook posten (…die letzte Woche in der wir jeden Tag ein Smart-Cabrio verschenken hat begonnen….die ersten Hinweise wo es heute versteckt ist gibt es um 7.05 Uhr…).

Am erstaunlichsten ist jedoch, wie resistent der deutsche Radiomarkt gegenüber Innovationen im Kerngeschäft ist. Mit welcher Konstanz die immer gleichen Programme senden, wie wenig neue Programme hinzukommen. Formatwechsel, die in anderen Ländern an der Tagesordnung sind, das Etablieren neuer Marken, sind in Deutschland gänzlich unbekannt. Es gab in den letzten Monaten Radio Bob, ansonsten liegen die Innovationen schon ein paar Jahre zurück: Rocksender wie STAR FM oder Rockantenne, harmony.fm, planet radio, sunshine live, YOU FM, Jump. Alles noch – innovative – Gründungen des letzten Jahrtausends.

Anders in anderen Ländern.

England: Aus Virgin Radio wird Absolute Radio, Jack FM startet in Oxford, BBC und Privaten entwickeln unzählige Digitalbrands wie 1Xtra, Radio 7, Chill oder Q.

Frankreich: Europe 2 wird Virgin Radio.

USA: In New York und Los Angeles starten neue CHR-Programme, jeweils unter einem anderen Brand: In New York als Now, in LA als Amp Radio, beide eng verknüpft mit ihren Websites.

Schon in den letzten Jahren begann der Trend zu neuen Formaten, die durch Radioberater entwickelt und eingeführt wurden: SparkNet mit Jack FM, Alan Burns mit Movin´ oder Guy Zapoleon mit Generations.

Nun ist ja Konstanz nichts per se Schlechtes und viele Fehler, die im Radio begangen wurden, haben mit zu wenig Konstanz zu tun. Allerdings: in einer neuen digitalen Welt der sich schnell veränderten Nutzungsgewohnheiten und einem permanent Innovationen ausspuckenden Internet, braucht auch eine klassische Branche wie die Hörfunkbranche ein regelmäßiges Maß an Innovation.

Dies muss ja nicht einhergehen mit großen Investitionen und daher großem Risiko, viele der neuen Ansätze in den anderen Ländern sind ja gerade überschaubare Investments bei Stationen mit bisher mäßigem Erfolg.

Getreu dem Silicon Valley-Mantra: “Fail fast, fail cheap, and move on.”

Neue Radiobrands in aller Welt:
Amp Radio All The Hits
92.3 NOW FM
Virgin Radio – Rock Star Music
Absolute Radio UK
Jack FM Oxfordshire
RADIO BOB!

Christian Schalt

(Programmdirektor KISS FM Berlin)

Kontakt: http://www.xing.com/hp/Christian_Schalt

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