Was guckst Du? Radio!

Veröffentlicht am 04. Apr. 2012 von unter Deutschland

Von Sandra Müller

Wie Audio-Slide-Shows Radio ins Netz verlängern.
Warum sie besser zum Radio passen als Videos.
Was Radiomacher alles mit Audio-Slide-Shows machen können.

“Die größte Stärke des Radios ist seine Beschränkung: es hat keine Bilder. Radio zwingt Dich also einfallsreich zu sein, auf Worte, Klänge, Sprache zu achten,” schreibt Joe Richmann von NPR.

Er hat recht. Radio ist viel persönlicher, emotionaler als Fernsehen es je sein könnte, eben weil keine Bilder ablenken vom Wesentlichen.

Doch im Netz gehen Radiobeiträge ohne Bilder oft unter, weil das Auge auf Reisen geht: Hier eine Textstrecke, da ein Video und ein Klickbutton zwei Zeilen weiter. Zuhören, ohne zu wissen, wohin man den Blick richten soll, fällt vielen Usern schwer.

Die ARD/ZDF-Onlinestudie 2011 jedenfalls belegt:
Internet-User hören zwar zunehmend übers Netz Radio. Das zeitversetzte Hören aber stagniert. Auch Podcasts werden immer weniger genutzt. Im Unterschied dazu nutzen Internet-User immer häufiger Videoportale und schauen zeitversetzt fern. Die Zuwachsraten sind enorm.

Müssen wir Radiomacher also mehr Videos ins Netz stellen? Ich denke: Nein. Denn viel besser als Videos passen Audio-Slide-Shows zum Radio. Sie geben einem nämlich erstaunlicherweise das Gefühl, “Radio zu sehen” und können vielfältig eingesetzt werden, wie BBC, NPR und DRS beweisen.

Die BBC zeigt wie's geht: Bebildertes Radio-Backselling im Netz nach einem Tag mit viel Eis und Schnee. Man schaut, hört aber vor allem. Und weiß: Das kann nur Radio!

Ganz allgemein hat die Audio-Slide-Show viele Stärken:

  • Kein unruhiges Bewegt-Bild
  • Kein Zwang zu nichtssagenden Videofüllbildern
  • Bildstark und eindrücklich auch auf kleinen, mobilen Geräten wie iPads und Smartphones

Doch mich als Radiomacherin begeistert vor allem, dass O-Töne und Audios noch intensiver wirken, wenn sie mit ruhigen Momentaufnahmen kombiniert werden. Ich empfinde das, als würde man dem Radio einen Turbo einbauen. Plötzlich sind emotionale O-Töne noch stärker, noch eindrücklicher, noch packender als eh schon. Wer – wie NPR – die Audio-Slide-Show dann auch noch als Teaser aufs “normale” Radio-Programm einsetzt, macht gleich doppelt Werbung für sein Medium:

Wie zu sehen, lassen sich solche Audio-Slide-Shows wie Videos ins Netz hochladen. Sie lassen sich vertwittern (im Unterschied zu reinen Audios) und verfacebeooken. Sie machen Lust auf Radio, stellen seine Stärken heraus, verlängern seine Wirkung ins Netz, ohne ihre Radio-Herkunft zu verleugnen.

Radio-Videos haben dagegen oft ein Problem: Sie wirken nicht mehr wie Radio.

Sie wirken wie junges hippes Fernsehen. Und sie vermitteln unterschwellig: Dem Radio fehlt was. Das Bild. Aber das stimmt ja nicht. Radio hat was: Den Ton. Die Nähe zum Menschen. Den Klang. Die größere Intensität. Und wenn sich Radio (im Netz) behaupten will, dann müssen wir Radiomacher den Mut haben, genau diese Besonderheit unseres Mediums herauszustellen. Dann müssen wir genau dafür werben. Mit einer Form, die den Ton zur Geltung bringt und Lust aufs Zuhören macht. Eben mit Audio-Slide-Shows.

Erstaunlicherweise aber überlassen die Radiosender dieses Feld bislang weitgehend den Zeitungen. Die setzen Audio-Slide-Shows längst als Erzählform ein und werden dafür regelmäßig in den medien-feuilletonistischen Himmel gehoben (in dem das Radio schon lange nicht mehr vorkommt). Beispiele:

Klar: Bei der Zeitung ist das Format aus einem Überschuss an Bildern entstanden. Die Fotos waren da, aber nur wenige kamen ins Blatt. Also experimentierten Fotografen mit Möglichkeiten, was aus dem Rest zu machen, und landeten bei Audio-Slide-Shows. Den Ton haben sie sich als neue Dimension erarbeitet. Mehr oder weniger erfolgreich.

In der Tat ist es oft der Ton, der Audio-Slide-Shows so beeindruckend macht. Brian Storm zum Beispiel – berühmt geworden mit “Hollywood-Slide-Shows”, wie ich sie gerne nenne (warum, sieht man auf seiner Plattform mediastorm.com) – wird gerne zitiert mit dem Satz:

Wenn Sie ein schlechtes Audio haben und tolle Bilder, dann haben Sie nichts. Wenn Sie ein tolles Audio haben und schlechte Bilder, dann haben sie zumindest eine Dokumentation.

Oft genug fällt einem als Radiomacher ja auch genau das an Audio-Slide-Shows auf: der miserable Ton, das schlechte Atmo-Timing, die unpassende Mischung, der falsche Musik-Einsatz, die ungeübte Spreche. Und schon ist die Wirkung futsch:

Audio-Slideshow (Süddeutsche Zeitung)

Schlecht ver­tonte Audio-Slide-Show der SZ: Das könn­ten Radiomacher besser!

Umso erstaunlicher, dass nicht mehr Radiomacher die Audio-Slide-Show für sich entdecken. Stattdessen lassen wir uns den Ton aus der Hand nehmen. Von Fotografen, die quasi gebaute Beiträge zu ihren Bildern machen:

Audio-Slideshow (Frankfurter Allgemeine Zeitung)

Sieht aus wie eine Fotoreportage. Klingt wie ein Radio-Feature. Bei der FAZ machen Fotografen gebaute Beiträge mit Bild.

Ich finde jedenfalls: Es wird Zeit. Lange schon. Für mehr Audio-Slide-Shows von Radiomachern. Denn machen lässt sich sich viel:

  • Interviews fürs Netz bebildern (wie die BBC)
  • Live-Einblendungen nachträglich fürs Netz aufmotzen (wie das Schweizer Radio DRS)
  • Erklärstücke fürs Netz mit Bild/Schrift/Musik ausbauen (wie die BBC)
  • Einzelne starke O-Töne textlich ins Bild setzen (wie David Shiyang Liu)
  • Gesprächspartner vorstellen mit einem bebilderten Teaser-O-Ton (wie das Schweizer Radio DRS)
  • und, und, und…

Auf dass es mal normal werde, auf die Frage “Was guckst Du?” zu antworten: “Radio natürlich!”

 

Sandra Müller (Bild: Thomas Giger)

Sandra Müller (Bild: Thomas Giger)

Sandra Müller ist leidenschaftliche und frei schaffende Hörfunkerin. Sie lebt in Tübingen und arbeitet als Redakteurin, Moderatorin und Reporterin überwiegend für den Südwestrundfunk. Gelegentlich macht sie da auch Fernsehbeiträge.

Sie ist Mitbegründerin der Initiative FAIR RADIO, die sich für mehr Glaubwürdigkeit im Hörfunk einsetzt.

Im August ist ihr Buch “Radio machen” erschienen. Im gleichnamigen Blog gibt Sandra Müller Tipps zum Radio machen.

 

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