Bissig bleiben, wütend bleiben: Zwei Jahre Online-Radio „detektor.fm“

Veröffentlicht am 19. Sep. 2011 von unter Deutschland

Redaktionsleiter Marcus Engert und Geschäftsführer Christian Bollert über das Programm, seine Entwicklung, Podcasting und weitere Pläne

Der Name klingt ein wenig analytisch – die Idee dahinter aber ist für eine deutschlandweit klaffende Marktlücke gedacht: „detektor.fm“, die junge Welle aus dem kreativen Leipziger Westen, verbindet journalistisch gemachte Inhalte mit alternativer neuer Popmusik. Vor zwei Jahren ging das ambitionierte Vorhaben im Netz auf Sendung. Wir haben dem baldigen Geburtstagskind einen Besuch abgestattet. Gestoßen sind wir dabei auf die Mitgründer Christian Bollert und Marcus Engert.

Gelegen sind die „detektor“-Räume direkt an der Weißen Elster in der Messestadt. Im Gespräch in der Radioküche über dem Fluss ging es zunächst um die Frage, was „detektor.fm“ aus der Sicht seiner Macher eigentlich ist. Christian Bollert: „Detektor FM ist ein deutschlandweites Online-Radio. Wir senden jeden Tag ein journalistisches Programm aus Politik, Wirtschaft, Kultur und Musik und beschäftigen uns mit aktuellen journalistischen Themen und kombinieren die mit moderner Popmusik aus der ganzen Welt.“

detektor.fm-Macher Christian Bollert und Marcus Engert (Bild: Bernd Reiher)

detektor.fm-Macher Christian Bollert und Marcus Engert (Bild: Bernd Reiher)

Der studierte Radiomann zur Sache, wie sich die Programmschiene seit den ersten Tagen entwickelt hat: „Wir haben nach und nach immer mehr Programm integriert. Wir haben jetzt eine Kinosendung und eine Hiphop-Sendung. Wir haben mit dem ‘Talk in der Taverne’ ein Satireformat und beispielsweise laufen bei uns auch die ‘Popsplits’, die man von Radio eins kennt.“ Man sei dabei, das Programm immer weiter auszubauen. Das Ziel sei schon, auch noch mehr Spezialsendungen zu bekommen. Aktuell arbeite man an einer Literatursendung.

In den ersten zwei Jahren seit seinem Start hat der Sender, hinter dem kein großer Verlag oder Konzern steht, schon einige Preise eingefahren. Eine Auszeichnung kam vom Bundeswirtschaftsministerium für die beste Webseite von Klein- oder mittelständischen Unternehmen. Weiterhin geehrt worden sei man als „Kultur- und Kreativpiloten“ sowie für die Idee und das Konzept beim sächsischen Businessplanwettbewerb „future sax“. Bisheriger Höhepunkt: Nominierung für den „Grimme Online Award“ im Jahr 2011.

Gerade letztere Anerkennung sei schon etwas wie ein „journalistischer Ritterschlag“ gewesen, merkt Bollert nicht ganz ohne Stolz an. Eher Magengrummeln gibt es aus seiner Richtung allerdings zu vernehmen, wenn es um einen anderen Wettbewerb in der bundesrepublikanischen Medienwelt geht, den Deutschen Radiopreis. Der war erst am 8. September mit großem Bohei zum zweiten Mal über die Bühne gegangen.

Bollert zur Frage, warum genau er ein Problem mit diesem Deutschen Radiopreis hat: „Was uns aufgefallen ist: dass viele Internetradioprojekte dort gar keinen Platz finden – sobald sie nicht zu öffentlich-rechtlichen Häusern oder großen Privatradiokonzernen gehören. Das ist uns aufgefallen – und nicht nur uns, sondern auch vielen anderen Journalisten – dass dort ganz offenbar die Preise ein bisschen nach Proporz vergeben werden – die Hälfte kriegt die öffentlich-rechtliche Hand, die andere die große private Hand.“

So sei das halt oft bei Preisen, fügte der Diplom-Journalist hinzu. Warum? Bollert: „In dem Fall: Weil die beiden natürlich das veranstalten. Klar, dass die sich dann auch selber auszeichnen wollen.“

Christian Bollert und Marcus Engert im Sendestudio (Bild: Bernd Reiher)

Christian Bollert und Marcus Engert im Sendestudio (Bild: Bernd Reiher)

Im weiteren Gespräch ging es um das mittlerweile doch schon recht üppige Detektor-FM-Audioarchiv und die Frage, warum die Leipziger Radiomacher beim Thema Podcasting bisher so konsequent drangeblieben sind. Am Ende des Interviews sprachen wir aber auch über die Pläne für die Zukunft und die Wünsche der Detektor-Betreiber für das weitere Werden ihrer Welle.

Marcus Engert über seine Vorhaben und Ziele in Sachen „detektor.fm“: „Ich wünsche mir für uns, dass wir unseren Biss nicht verlieren. Dass wir mutig bleiben. Dass wir auch ein bisschen wütend bleiben über die Radiolandschaft, wie sie sich entwickelt hat. Denn, deswegen machen wir das hier alles: weil das Radio einfach zu gleich klingt und die öffentlich-rechtlichen Sender gewisse Zielgruppen nicht genügend bedienen.“ Das seien Menschen, die Interesse haben an neuer Musik und hintergründiger Information.

Es muss nicht immer ein On Air-Schild sein.

Es muss nicht immer ein On Air-Schild sein.

Darüber hinaus wünsche er sich, dass gewisse „PR-Botschaften“, zum Beispiel beim Thema „DAB“, ein bisschen mehr Ehrlichkeit finden. Engert: „Wenn man das Geld, das in DAB versenkt ist, gesteckt hätte in den Ausbau einer Netzstruktur – offene Netze in Städten, Internet überall, Wissenstransfer – das sind alles Sachen über die wir nachdenken und die wir ein bisschen vermissen. Wenn wir ein kleines bisschen dazu beitragen können, dass darüber diskutiert wird – dann sind wir zufrieden.“ Mehr von den beiden im kompletten Audio-Interview, das Bernd Reiher geführt hat.

 

 

Detektor.fm im Netz:
www.detektor.fm

 

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