Neue Programmvielfalt auf DAB+? RADIOSZENE hat durchgehorcht

Veröffentlicht am 06. Sep. 2011 von unter Deutschland

Nur fünf wirklich neue Wellen sind es im neuen bundesweiten DAB+-Programmpaket geworden. Ist das die angekündigte neue Programmvielfalt? Wir haben reingehört. Ergebnis: Es lohnt.

Am 1. August ist das neue DAB+-Radio auf Sendung gegangen. Eines der Versprechen: Mehr Programmvielfalt durch neue nationale Sender. Weil es am Ende aber nur fünf wirklich neue waren, haben wir die Probe auf´s Exempel gemacht: Wir haben Probe gehört, um zu erfahren, was hinter den Ankündigungen steckt – immerhin sind diese Wellen auch so etwas wie Zugpferde für DAB+.

Der Hörtest lief von Mitte August bis Anfang September. Fragen dabei waren unter anderem: Was sind das eigentlich für Sender? Wie haben sie sich seit dem Sendestart entwickelt? Und: Bietet DAB+ wirklich einen programmlichen Mehrwert, der die Hörermasse in die Läden locken könnte?

Mit dabei waren „DRadio Wissen“, „Radio BOB!“, „Lounge FM“, „Absolut Radio“ und die Kickerwelle „90elf“. Angebote wie „Kiss FM“ oder „Klassik-Radio“ blieben außen vor, weil sie auch auf DAB+ nur Inhalte verbreiten, die schon auf UKW zu hören sind.

Getestet haben wir mit einem „DAB 43“ von der Firma „Dual“. Der Preis für diesen Apparat soll 79,00 Euro betragen. Wir haben uns für ein Gerät aus der unteren Preisklasse entschieden, um zu sehen, wie viel von der neuen Radiowelt man auch schon mit einem Einstiegsmodell haben kann.

 

Los ging es mit dem Fußballradio „90elf“, denn mit der weggefallenen Frequenzskala werden die Sender im Radio jetzt alphabetisch geordnet. Vor das „A“ programmierten die Entwickler von „Dual“ die Zahlenfolge null bis neun – allein durch die Namenswahl haben die „90elf“-Macher also ihre Welle bei den meisten Digitalradios auf Programmplatz eins gesetzt.

Die Kickerwelle „90elf“ ist seit August 2008 am Start und hat bisher hauptsächlich im Netz gefunkt. Produziert wird sie vom Radiokonzern Regiocast in dessen Räumen am Leipziger Markt. Mittlerweile ist sie für den Deutschen Radiopreis nominiert. Kategorie: Beste Innovation.

Das Programm des Fußballsenders ist tatsächlich konsequent auf das runde Leder ausgerichtet. Nachrichten alle 15 Minuten. Rubriken tragen solch sportliche Namen wie „Bolzplatz“. Interviews, Beiträge und Hintergrundberichte über Mannschaften, Spieler und Clubs haben wir auch an fußballfreien Tagen morgens, mittags und abends gehört. Die Regiocast zeigt hier journalistische Qualitäten, von denen wir auf ihren UKW-Wellen schon lange nur noch träumen dürfen.

Zwischen den vielen Worten mit dem für ein Privatradio ungewöhnlich hohen Anteil läuft auch bei „90elf“ ordentlich Musik. Ihre Auswahl lässt sich am besten mit „Männermugge“ umschreiben. Auf der Playlist sind unter anderem Bon Jovi, Depeche Mode, U2, Grönemeyer und Queen zu finden.

Weiter im Hörmarathon ging es mit „Absolut Radio“. Der neue Sender aus dem Funkhaus Regensburg versteht sich als „albumorientiertes“ Musikformat. Hinter der Welle stehen die Medienunternehmer Gunther und Michael Oschmann. Hier stehen unter anderem solche Namen wie Rosenstolz, Leonard Cohen, Pet Shop Boys, Phil Collins und Gary Moore auf der Titelliste.

Die Nachrichten finden jeweils zur 45. Minute statt. „Moderierte Sendungen“ soll es immer von 8.00 bis 18.00 Uhr geben, hieß es in einem Artikel in der Mittelbayerischen Zeitung zum Start. Gehört haben wir davon Anfang August noch nicht viel – am Ende des Monats kaum mehr.

Ebenfalls wenig zu merken war von angekündigten Programmvorhaben für die Abendstunden. „An weiteren Formaten wie Talk-Sendungen oder Abendshows wird bereits  getüftelt“, verkündete die Mittelbayerische noch in ihrem Bericht zum Sendestart. Weil diese noch Ende August auf sich warten ließen, schickten wir eine Mail an die Absolut-Radio-Redaktion. Christian Lang bestätigte daraufhin, dass es sich nur um eine Verzögerung handeln soll: „Unser Vorhaben, Talkformate ins Programm zu integrieren haben wir nicht verworfen. Wir planen und konzeptionieren derzeit schon Formate, die in baldiger Zukunft zu hören sein werden“

Testkandidat Nummer drei: „Radio Bob!“. Er wird ebenfalls vom Radiokonzern Regiocast auf die DAB-Antennen geschickt. Im August allerdings hatte er seine Digitalradio-Hörer noch vertröstet. Der eigentliche Programmstart ging am 5. September über die Bühne.

Dass es sich hier um ein Privatradio handelt, hört man auch „Bob!“ nicht sofort an. Moderatoren und Gesamteindruck sind lässig und unaufgeregt. Musik spielt die Hauptrolle, vor allem wenn sie rockig ist. Avril Lavigne, Led Zeppelin und Bruce Springsteen waren am ersten „BOB!“-DAB-Tag zu hören. Der  Schwerpunkt lautete: „1000 Rock-Songs, die man gehört haben muss, bevor die Welt untergeht.“ Studiogast war am ganzen Tag: Henning Wehland von den „H-Blockx“.

Station Nummer vier beim Hörmarathon der neuen Wellen im bundesweiten Digitalradiopaket: „DRadio Wissen“. Der neue Sender ist der dritte Spross aus dem Hause Deutschlandradio. Gestartet wurde er Anfang 2010. 2011 folgte ein Grimme-Online-Award. Zielgruppe sind jüngere netzaffine wissbegierige Menschen. Der Schwerpunkt liegt bei Bildung, Lehre und Wissenschaft.

Ein weiteres Thema bei „DRadio Wissen“ ist: Musik. Tagsüber laufen hauptsächlich elektronische Titel, vorrangig als Übergangsbeschallung für die Zeit bis zum nächsten Beitrag. Am Wochenende hat sich die Welle im letzten Jahr zum Mekka klanglicher Jugend- und Popkultur entwickelt. Der jüngste Coup: die „Byte FM Groovebox“ immer am dritten und vierten Sonntag des Monats. Bei „Lärm live“ begegnete uns am 13. August ein Konzertmitschnitt von Billy Talent in einer Übernahme vom österreichischen Jugendsender FM4. Am 14. August lief „Hercules and Love Affair“ – ebenfalls eine Übernahme von FM4.

Letzter Neu-Kandidat im bundesweiten Multiplex: „Lounge FM“. Viel zu sagen gibt es zum deutschen Ableger des österreichischen Originales nicht – bei „Lounge FM“ gibt es scheinbar keine Nachrichten, keine Beiträge und keine Moderation. Wir hörten bei „Lounge FM“ außer Jingles tatsächlich nur Musik – was den Sender im deutschen Äther wiederum zu einer Neuheit macht.

Als Leitspruch haben seine Macher „Listen and relax – Das neue entspannte Radio für Deutschland“ gewählt. Werbung hatten wir Mitte August noch keine gehört. Der „Lounge“-Begriff ist sehr weit gefasst. Wir haben auch solche Perlen wie Herbie Hancocks „Rockit“, Jimmy Smith mit „The Cat“, Grace Jones „La vie en rose“, Hildegard Knef „Lass das Vergangne“ und den Buena Vista Social Club gefischt.

Heißt unter´m Strich: Die Hürde ist hoch. 50,00 Euro minimum für ein neues DAB-Radio können viel Geld sein – vor allem, wenn man schon sechs oder neun UKW-Geräte in der Wohnung stehen hat. Wer diese Hürde aber nimmt, kann auch mit den fünf neuen Wellen im bundesweiten DAB+-Paket neue Radiowelten für sich entdecken. Und ein neues Stück Freiheit – denn DAB+ macht ein gewisses Maß an neuer Radiovielfalt auch ohne Internet und ständig leerem Handy-Akku möglich.

Wir dürfen also üben, das Unken der Zeitungen über das neue Digitalradio getrost zu ignorieren. Das Online-Magazin „Satelli-Fax“ hat übrigens herausgefunden, welche Ursachen es für diese auffällige Negativ-Berichterstattung geben könnte. Die Redakteure schrieben am 22. August: „In vielen Tageszeitungen fällt die Berichterstattung über den Neustart des digital-terrestrischen Hörfunks (DAB+) in Deutschland nicht positiv aus. Insider vermuten dahinter jedoch Methode: Viele Tageszeitungen sind an gut verdienenden UKW-Privatradios maßgeblich beteiligt.“ Durch DAB+ drohe nun massiv Konkurrenz.

Fotos des „DAB 43“ von der Firma Dual: © Bernd Reiher

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