Polizei dreht Digitalradio in Dortmund ab – Eingriff in die Rundfunkfreiheit?

Veröffentlicht am 02. Sep. 2011 von unter Deutschland

Probleme beim Digitalradio-Neustart: Polizei Dortmund, Kabel-TV-Zuschauer und Radiomacher sind verärgert

Das neue Digitalradio DAB+ sorgt bei vielen Radioenthusiasten für Freude und Zufriedenheit, schließlich sind in fast allen Bundesländern nun neue Radioprogramme wie etwa das Fußballradio 90elf, das Musikprogramm “Absolut Radio” oder die drei Wellen des Deutschlandradios in digitaler Qualität mobil zu empfangen. Zur heute startenden Internationalen Funkausstellung sollte DAB+ dem Publikum schmackhaft gemacht werden – ein Vorhaben, was nun noch zäher als sowieso schon zu bewerkstelligen sein dürfte.

So haben einige Fernsehzuschauer mit Störungen auf verschiedenen TV-Kanälen zu kämpfen. Dies betrifft diejenigen, die noch einen analogen Kabelanschluss nutzen und deren Hausverkabelung nicht auf dem neuesten Stand der Technik ist. Auch wenn es vielerorts anders kommentiert wird: Das digitale Radiosignal ist bezüglich der Kabel-Störungen eigentlich nicht als “Störsender” zu verstehen, denn die Sendefrequenzen und Sendeleistungen für DAB+ wurden von der Bundesnetzagentur koordiniert und festgelegt. Das Problem liegt vielmehr bei den Kabelnetzbetreibern und den TV-Zuschauern selbst. Mögliche Abhilfen wären nämlich entweder ein Kanalwechsel der TV-Sender, ein Umstieg auf Digitalkabel oder eine Erneuerung der heimischen Verkabelung. Häufig genügen schon besser abgeschirmte Kabelverbindungen von TV-Dose zum Fernseher, um dem stark einfallenden DABplus-Signal zu entgehen. Im Übrigen sind auch in verschiedenen Städten Orte zu beobachten, an denen analoges und digitales Radio durch schlecht abgeschirmte Kabelnetzanlagen gestört wird.

Mit größeren Problemen hat die Polizei im Raum Dortmund zu kämpfen, wie das Deutschlandradio berichtete. Durch das neue, digitale Radiosignal würden die analogen Funkgeräte der Polizei gestört. Aufgrund einer Großdemonstration am Wochenende mit entsprechend großem Polizeieinsatz müsse das Radiosignal nun temporär bis Sonntagnacht abgeschaltet werden. Anders sei eine reibungslose Verständigung innerhalb der Polizei nicht möglich. Wie aus einer Pressemitteilung der Digitalradio Deutschland GmbH hervorgeht, habe die Bundesnetzagentur den Senderbetreiber Media Broadcast gestern zu der Abschaltung aufgefordert. Bemerkenswert, da doch gerade die Bundesnetzagentur die DAB-Sendefrequenzen koordiniert und mit anderen Funkdiensten abgestimmt hatte.

“Ursache einer möglichen Störung sind die veralteten analogen Funkgeräte der Polizei, die noch nicht durch die neuen digitalen Geräte ersetzt wurden”, heißt es weiter in der Pressemitteilung.

Helmut G. Bauer

Helmut G. Bauer

“Nach den tragischen Ereignissen in Duisburg habe ich dafür Verständnis, dass Polizei und Rettungskräfte selbst den Eventualfall kleiner Beeinträchtigungen vermeiden wollen”, so Dr. Willi Steul, der Intendant des Deutschlandradio. Es stelle sich laut Steul aber auch die Frage, ob dies nicht bereits ein Eingriff in die Rundfunkfreiheit sei, schließlich seien viele Rundfunksender in Dortmund nicht mehr zu empfangen.

“Dieser Zustand ist nicht hinnehmbar und muss ein Einzelfall bleiben. Es kann nicht sein, dass die Interessen der Sicherheitsbehörden gegen die der Radiohörer ausgespielt werden”, so Helmut G. Bauer, der Geschäftsführer der DRD Digitalradio Deutschland GmbH, die die privaten Programmveranstalter vertritt. In den meisten europäischen Staaten sei der Polizeifunk längst auf ein Digitalsystem umgestellt, welches nicht von Radiosignalen gestört werde.

Zu dieser Problematik sendete Absolut Radio im Tagesprogramm folgendes Interview mit Helmut G. Bauer:
Interview Helmut G. Bauer – Geschäftsführer Digitalradio Deutschland GmbH by christianlang1 

Übrigens: Ob das DAB-Radio überhaupt jemand hört? Genaue Verkaufszahlen gibt es zwar noch keine, aber bereits im ersten Sendemonat habe z.B. der Evangeliumsrundfunk ERF über seinen Shop “mehr als 4000 Geräte verkauft”. Immerhin.

Nachtrag 02.09.2011

Im Saarland, wo man auch den Frequenzblock 5A nützt, gibt es laut der Pressestelle des Landeskriminalamts Saarland keine Störungen durch die Digitalradio-Sender.

In Schleswig-Holstein gibt es laut Auskunft des LPA Kiel ebenfalls keinerlei Probleme bei der Feuerwehr oder Polizei. Dort wird aber auch der Frequenzblock K5C verwendet.

Links
Pressemitteilung der DRD: Sender Dortmund kurzfristig abgeschaltet
Absolut Radio: Zeitweise Abschaltung des Senders Dortmund
DRadio: Deutschlandradio-Intendant zu örtlicher Abschaltung des Digitalradios: “Frage, ob dies Eingriff in Rundfunkfreiheit ist” 
 Störungen im Kabelnetz: 

Quelle der Karte: Media Broadcast GmbH

 

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