Durchbruch mit Handelsembargo: Das Digitalradio ist in der Luft

Veröffentlicht am 01. Aug. 2011 von unter Deutschland

Das politische Geschenk DAB, ein Stück deutsche Radiogeschichte und ein Neustart mit alten Dellen

Ein großer roter Taster wie einst beim Start des Farbfernsehens? Ein Kippschalter in funktionalem Mausgrau? Oder einfach eine Computerroutine, deren Ausführungsbeginn auf den 1. August 2011 vorprogrammiert wurde? Egal wie, am heutigen Montag sprang der Funke – nach zwanzig Jahren Vorbereitungsstreit ist Deutschlands erstes wirkliches Digitalradionetz auf Sendung gegangen.

DAB vom Ostseestrand bis zu den Alpen – ein Meilenstein für die Entwicklung der deutschen Radiolandschaft. Nationaler Hörfunk statt nur „Rundfunk ist Ländersache“. Erstmals die Möglichkeit, neben dem Deutschlandradio auch andere Programme bundesweit zu etablieren. Endlich auch für die bisher einzigen nationalen Hörfunker die Kapazitäten, die sie sich lange für ihren bundesweiten Versorgungsauftrag wünschten.

1. August 2011 – das neue Digitalradio ist da, es darf gejubelt werden. Seit Wochen läuft die PR-Maschine auf Hochtouren. „CD-ähnliche Klangqualität“, „großes Programmangebot“ und „störungsfreier Empfang“ waren stets die Argumente für die Technologie. Bis zum Schluss gab es aber auch von der Gegenseite keine Ruhe. UKW sei mit millionenfach verbreiteten Empfängern bestens etabliert. Ein neues Sendernetz sei zudem Geldverschwendung, weil die Technik beim Hörer schon einmal durchgefallen ist.

Mit Smartphones, Apps und billigen Mobilflatrates kam aber gerade in den letzten Monaten ein weiteres Problem hinzu: Der Mobilfunk hatte sich zu einem ernsthaften Konkurrenten für die mobile Verbreitung von Audio-Inhalten gemausert. Mit seinen neuen Potenzialen tauchte die Frage auf: Warum große Mittel für ein neues Netz, wenn andere digitale Wege schon bestens ausgebaut sind? Warum DAB, wenn fast jeder Bürger einen Empfänger für andere Netze schon in der Tasche hat und damit Podcasts und Streams in tausendfach größerer Vielfalt empfangen kann?

Wie es auch kam, am Ende ging das Rennen zugunsten von Digitalradio aus. So gesehen war es ein großes Geschenk, das die Politik dem Genre Radio in Deutschland mit den Millionen für das DAB-Netz machte. Jetzt ist es in Betrieb – automatisch ein Erfolg ist es damit nicht. Zwei sehr wacklige Beine sind es derzeit noch, auf denen das Digitalradio seinem Durchbruch entgegenhumpelt.

Einer ist der Hörer, er spielt noch ungenügend mit. Der deutsche Radiokonsument ist auf dem DAB-Ohr derzeit großteils noch taub – im Volk sind erschreckend wenige Digitalradios  unterwegs. Trotz der lautstark gerührten Werbetrommel für den Neustart haben sich auch in den letzten Wochen nicht die Anzeichen gemehrt, dass sich das in naher Zukunft drastisch ändern wird.

Mit daran schuld und damit das zweite noch sehr wacklige Digitalradio-Bein: der Handel. Hat er mit seiner Zurückhaltung schon dem ersten DAB-Start einen Bärendienst erwiesen, stehen hier die Vorzeichen für ein breiteres Engagement in der zweiten Runde kaum besser. Gerade in den großen Elektromärkten ist auch zum Neustart von Digitalradio nicht viel zu sehen. Zum Massenphänomen kann DAB aber nur werden, wenn die Masse es gerade auch dort hören, sehen und austesten kann. Die Krux: Der Handel ziert sich und bremst die Nachfrage damit zusätzlich aus. Denn: Der Kunde zweifelt, weil er selbst in den großen Märkten von DAB nichts sehen kann.

Der Handel nur als potenzieller Profiteur im Wartehäuschen von DAB? Wie dünn die Digitalradio-Decke in den Läden und Märkten der Republik noch ist und welch hanebüchenen DAB-Fachauskünfte man derzeit mancherorts noch bekommt, das lässt sich trefflich am Beispiel Leipzig beschreiben. Die mitteldeutsche Radioszene-Redaktion war Mitte Juli in den messestädtischen Elektrotempeln unterwegs, um nach den vielen vorherigen Testgeräten einen eigenen Empfänger zu erstehen. Die Filialen waren Anlaufpunkt Nummer eins, weil man im Gegensatz zum Netz hier eigentlich beraten wird und die Geräte probehören kann. Im Fall der Digitalradio-Entdeckungstour durch die Halbmillionenstadt blieb der Warenkorb jedoch leer.

Beispiel „Saturn“ im Hauptbahnhof, Tatzeit 15. Juli. Ganze drei Etagen für Elektro und Elektronik – von DAB aber keine Spur. Der Radioberater auf die Frage, wann sich das ändern wird: „Bei uns gibt es keine Nachfrage, hier im Haus geht das außerdem gar nicht. Wir warten ab und werden reagieren, wenn es mehr Interessenten gibt. Ich bin skeptisch.“ Fast dieselbe Antwort gab es in derselben Halle schon einmal im Jahr 2002.

DAB Sangean: Einziger DAB-Empfänger im Leipziger Conrad-Elektrohaus im Juli 2011 (Bild: B. Reiher)

DAB Sangean: Einziger DAB-Empfänger im Leipziger Conrad-Elektrohaus im Juli 2011 (Bild: B. Reiher)

Ernüchternd auch der Besuch beim Technik-Profi „Conrad“ in der Innenstadt. Online hat der immerhin ganze 13 Empfänger im Angebot – lediglich einer davon war auch im Leipziger Regal zu finden. Funktioniert hat er nicht. Die Frage an den Fachberater ergab: Selbst wenn die Batterien noch im Gerät wären, gäbe es im Haus keinen Empfang. Seine Antwort auf die Sache, wann sich das DAB-Angebot anlässlich des Neustarts in seinen Regalen ändern würde:  „Keine Ahnung!“ Ein Anruf in der „Conrad“-Presseabteilung ergab allerdings: Beim Hirschauer Elektronikriesen wird das Hauptgeschäft im Netz gemacht. Man denke aber nach, das DAB-Angebot in den Filialen in den nächsten Wochen zu vergrößern.

Dritte Anlaufstelle: „Karstadt“, ebenfalls Innenstadt. Hier ist die Technikabteilung übersichtlicher als die von „Saturn“ und „Conrad“. Immerhin waren ganze zwei Geräte zu finden – auch sie allerdings weit weg von Strom und jeder Funktion. Das sei sinnlos, meinte auch hier der Berater. DAB-Signale könnten derzeit auch im Haus an der Petersstraße nicht empfangen werden. Er hoffe, dass er mit dem Neustart ab 1. August auch mehr Geräte in die Abteilung kriegt. Sollte das Signal auch danach im Haus zu schwach sein, würde man aber über eine Dachantenne nachdenken.

Vierter Testkauf: „Alphatecc“ im „Globus Wachau“ – ein Gewerbegebiet vor den Toren der Stadt. Hier kaufen schon nicht mehr nur Messestädter, sondern auch Leute aus solch eher ländlich geprägten Regionen wie Borna, Grimma oder Großpösna ihre Technik ein. Frage an den Mann in der Radioecke: „Wo finde ich Digitalradio-Empfänger?“ Antwort: „Meinen Sie Internetradio?“ Am Ende folgte der Hinweis, in der Hifi-Abteilung zu fragen. Der Berater dort: „DAB – was ist das? Achso – Radio. Da sind Sie falsch, hier ist Hifi. Bitte in der Radioabteilung fragen. Hab ich dort aber noch nicht gesehen.“

Vier Beispiele aus der Halbmillionenstadt Leipzig. Beim Testkauf einige Tage später in Potsdam  fielen die Ergebnisse in den großen Elektromärkten kaum besser aus. Durchaus möglich, dass das auch im Rest der Republik nicht anders ist.

Ob das gute Voraussetzungen für den Digitalradio-Neustart sind, nachdem DAB Nummer eins in den Nuller-Jahren an ähnlichen Handelsschranken scheiterte, muss an anderer Stelle beantwortet werden. Die dortigen Strategen werden wissen, woran jetzt noch zu werkeln ist, immerhin haben sie es auch bis hierhin geschafft.

Die Zeit für Erfolgsmeldungen jedoch ist knapp. Spätestens Silvester wird erstmals die Frage auftauchen, ob das neue Digitalradio gelungen ist. Sie zu beantworten, dafür wird der Hinweis auf ein tolles Programmangebot nicht mehr reichen. Immerhin kann die derzeitige Fülle schnell wieder Geschichte sein, wenn nicht bald auch ordentliche Absatz- und damit Hörerzahlen folgen. Dafür wiederum ist der Handel gefragt. Seine Strategen dürfen sich bewusst werden, dass es im neuesten Kapitel deutscher Radiogeschichte für sie eine wichtigere Rolle gibt, als nur die des Profiteurs.

Alle Bilder: Bernd Reiher

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Archivierte Kommentare

  1. uachtaran

    01. Aug. 2011

    Guter Artikel, deckt sich leider auch mit meinen Erfahrungen. Teilweise sind noch nicht einmal die auf digitalradio.de beworbenen Geräte erhältlich, das einzige im Pocketformat (von Dual) selbst im Internetshop des Herstellers nicht. Ich befürchte also fast, das wird wieder nichts, obwohl’s ja für die mobile Nutzung (also nicht nur im Auto) schon schön wäre, zumal ja das Streaming ausgerechnet dann an seine Grenzen stoßen dürfte, wenn die Nutzerzahlen stark steigen. Was ich mich allerdings frage: Woher haben Sie die im Artikel mehrfach geäußerte Behauptung, die Werbetrommel sei ja werweißwie gerührt worden? Ich habe davon jedenfalls nichts bemerkt. Wenn man googelte, fand man wohl was, aber auch nur dann. Vielleicht sollte damit irgendwie dieses dumpfe Gefühl von “Das braucht doch keiner, da werden nur wieder Gebühren verschwendet”, das speziell in Deutschland so verbreiet ist, bedient werden? Ich finde, das kann man ja so meinen. Aber wenn man diesen Leuten immer gefolgt wäre, gäbe es heute wahrscheinlich noch nichtmal Mittelwelle.

  2. Christoph Lemmer

    01. Aug. 2011

    Sehe ich gänzlich anders. Wenn das die Mentalität wäre, dann hätten wir kein iPhone, keine Xbox, keinen PC, keinen Walkman, keinen Plattenspieler, keinen Farbfernseher, etc. Der Unterschied zu DAB mit oder ohne plus ist simpel der: Es bringt keinen wirklichen Vorteil für den Nutzer. Mittelwelle brachte den. Und darum gab es eines Tages eben Mittelwellenempfänger, die dank hörbar besseren Klangs (HiFi, Stereo) von UKW verdrängt wurden.

  3. Jean-Pierre Wüthrich

    02. Aug. 2011

    Hallo ihr lieben DAB+-Autoradio-Fan, DAB+-Fan,

    Ich wohne in der Schweiz und da ist DAB/DAB+ seit längerer Zeit im Vormarsch. Per 15.10.2009 wurde der private 2. Layer hochgeschaltet. Ich war auch gespannt, wer und wo man die ersten DAB+-Autoradios kaufen kann.
    Letzten Samstag nützte ich die Gelegenheit und ging in den Saturn-Markt in der Nähe von Bern/Schweiz und nur ein DAB+-Autoradio (Bluestate RA 558) war im Regal, keine weiteren DAB+-Autoradios waren dort. Normale DAB+-Geräte und auch mit Internet waren zahlreich vorhanden.
    Als damals per 15.10.2009 der private 2. Layer auf aufgeschaltet wurde, wussten die Verkäufer/Verkäuferin nichts, dass es noch mehr Sender gibt.
    Gruss
    DAB+-Autoradio-Fachmann wie mich einige nennen.