“Für uns gehört Facebook zum Redaktionsalltag”

Veröffentlicht am 01. Jul. 2011 von unter Deutschland

Auch Radiosender lieben Facebook

Best-Practice-Beispiel: Radio Bielefeld
Von Inge Seibel-Müller

Obwohl kaum ein Tag ohne Schlagzeilen über die Social-Web-Protagonisten “Twitter” und “Facebook” vergeht: Journalisten und PR-Fachleute haben angeblich noch immer Nachholbedarf in Sachen Social Media. Doch viele Radiosender, gerade auch lokale, nutzen die sozialen Netzwerke immer selbstverständlicher als weitere Möglichkeit zur Hörerbindung.

Twitter und Co. seien zwar in den Redaktionen und Pressestellen als “wertvolles Arbeitswerkzeug” angekommen, aber die Wahrnehmung als “notwendiges Übel” noch immer weit verbreitet. Gut jeder dritte Journalist empfindet Social Media als “Nervkram” (38 Prozent). Das gilt vor allem für Journalisten aus Zeitschriften- (46 Prozent) und Tageszeitungsredaktionen (39 Prozent). Erkenntnisse des Social Media Trendmonitor 2011 “Zwischen Hype und Hoffnung: Die Nutzung sozialer Netzwerke in Journalismus und PR” von der dpa-Tochter news aktuell und Faktenkontor. 5.120 Fach- und Führungskräfte aus PR-Agenturen, Pressestellen und Redaktionen haben sich an der Untersuchung beteiligt.

Chart aus dem aktuellen Social Media Trendmonitor 2011

Chart aus dem aktuellen Social Media Trendmonitor 2011

Weitere Ergebnisse der Studie: In Online-Redaktionen (61 Prozent), Nachrichtenagenturen (52 Prozent) und Rundfunksendern (50 Prozent) ist man überdurchschnittlich aufgeschlossen gegenüber Informationen aus dem Web 2.0.

Facebookcharts der Radiosender

Das meist genutzte soziale Netzwerk ist Facebook. Deutschlands Radiosender sind hier bereits in hohem Maße aktiv, auch wenn sich die Zahl der “Fans” oft noch im überschaubaren vierstelligen Rahmen hält.

Sebastian Pertsch

“Wer Follower haben will, muss regelmäßigen Content anbieten und den Kontakt zu den Hörern halten und pflegen”, sagt Sebastian Pertsch (Foto: Daniel Finger). Der Journalist hat im Februar 2011 eine eigene Studie über die Nutzung deutscher Radiosender bei Facebook und Twitter veröffentlicht. Damals zählte Pertsch 1.277.796 Fans bei Facebook und 169.426 Follower bei Twitter bei insgesamt 353 Radiosendern.

Doch die Sozialen Netzwerke wachsen in einem rasanten Tempo, Zahlen sind schnell veraltet. Mittlerweile hat sich in nur vier Monaten die Zahl der Facebook-Fans von Radiosendern nahezu verdoppelt und auch die Follower bei Twitter haben die 200.000er Grenze längst überschritten. Als Konsequenz hat Sebastian Pertsch mit radiocharts.rockbär.de eine Website eingerichtet, in der die aktuellen Statistiken der Radiosender mit zahlreichen Such- und Filtermöglichkeiten in Echtzeit abgefragt werden können (s.a. RADIOSZENE-Interview).

“Erstaunlich viele Sender haben den Trend Richtung Social Networks erkannt”, sagt Pertsch. Allerdings wüßten noch nicht alle, wie wichtig es für einen erfolgreichen Auftritt sei, die Fan-Seite auch regelmäßig zu pflegen: “Posten Sie auch mal die Nachrichten in Kurzform stündlich bei Facebook oder Twitter. Crossposten Sie Podcasts und sonstige Sendungsmitschnitte”, rät er den Sendern. “Oder wie wär’s mal mit einem exklusiven Gewinnspiel auf Facebook? Verlosung unter allen Kommentaren eines Beitrags. Gleich kommt ein spannendes Thema? Dann informieren Sie als Teaser vorab die Hörer! Die Hörerschaft ist schon längst bei den Social Networks angekommen.”

Martin Knabenreich (Bild: Radio Bielefeld)

Martin Knabenreich (Bild: Radio Bielefeld)

Das bestätigt auch Martin Knabenreich, seit 2002 Chefredakteur beim Lokalsender Radio Bielefeld, der gerade seinen 20. Geburtstag feierte. “Die Arbeitsbedingungen haben sich gewandelt wie die Erwartungen der Hörer”, stellt Knabenreich mit Blick auf die vergangenen zwei Jahrzehnte fest. “Wir sind heute dort, wo uns unsere Hörer haben wollen: mit Homepage, Smartphone-App, eigenproduzierten Videos und einer Facebook-Gemeinde.”

Twitter hingegen spielt bei Radio Bielefeld eine untergeordnete Rolle, wird als Nachrichtentool genutzt, um mindestens einmal am Tag eine aktuelle Information zu kommunizieren oder auch neue Themen zu finden.

“Für uns gehört Facebook zum Redaktionsalltag”

Seit Februar 2010 ist Radio Bielefeld mit eigener Fanpage auf Facebook, mittlerweile wird das Tool auch intensiv genutzt. Mit rund 3000 Fans belegt das NRW-Lokalradio derzeit den 7. Platz in Sebastian Pertschs Hit-Parade unter den 38 auf Facebook aktiven NRW-Lokalradios. Auf Platz 1 liegt Antenne Düsseldorf, die bald den 10.000ten Fan begrüßen dürfte. “Die Zahl der Fans ist für uns nur im Bezug zur eigenen Steigerungsrate wichtig”, sagt Knabenreich, “nicht im Vergleich mit anderen Sendern”.

Innerhalb der Redaktion von Radio Bielefeld gibt es eine feste Ansprechpartnerin, die in Absprache mit Chef vom Dienst und den Moderatoren für die Bestückung und Reaktionen auf Useranfragen bei Facebook verantwortlich ist.

Roxane Brockschnieder moderiert im Wechsel mit Timo Fratz die Morgenshow bei Radio Bielefeld.

Roxane Brockschnieder moderiert im Wechsel mit Timo Fratz die Morgenshow bei Radio Bielefeld.

Nur das Frühteam um Timo Fratz und Roxane Brockschnieder postet morgens eigenständig. Schon ab 4:30 Uhr, vor Beginn der Morningshow, wird über die Themen entschieden und ob es Aufrufe zu Interaktionen geben wird. Der interne schriftliche Leitfaden sieht vor, dass Höreranfragen schnellstmöglich beantwortet werden. Am Wochenende kann es aufgrund der dünneren Personaldecke aber auch schon mal bis zum Montag dauern, bis der Sender reagiert.

Facebook-User loben gerne ihren Radiosender

Genutzt wird Facebook für Meinungsabfragen und Diskussionen, deren Ergebnisse und Meinungsbilder auch im Radioprogramm zitiert werden. Per Facebook ruft der Sender zu Mitmachaktionen auf, wie zum Beispiel zu einer Trabbi-Parade am Tag der deutschen Einheit oder Weihnachtsliedersingen mit 100 Bürogemeinschaften am Morgen. “Facebook bietet uns die Chance zur Interaktion mit anderen Zielgruppen als z.B. bei Call-ins und Straßenumfragen. Über die Rückmeldungen bekommen wir interessante Stimmungsbilder”, sagt der Senderchef, der in dem Sozialen Netzwerk auch eine Chance sieht, für das Programm zu werben.

Zum Radiogeburtstag am 1.Juni haben zahlreiche Hörer Glückwünsche und Grüße gepostet, eine große Motivation für die Mannschaft. Foto: Radio Bielefeld

Zum Radiogeburtstag am 1.Juni haben zahlreiche Hörer Glückwünsche und Grüße gepostet, eine große Motivation für die Mannschaft. Foto: Radio Bielefeld

“Immer wieder werden wir über Facebook und Twitter auf interessante Themen und Neuigkeiten hingewiesen. Der Kontakt zu einem besonderen Kreis von ‚heavy usern’ hat sich intensiviert”, so Knabenreich, der vor allem begrüßt, dass sich auch die Form und Inhalte der Kommunikation mit den Hörern positiv verändert. “Unsere Hörer ergreifen Partei für den Sender und geben regelmäßig positives Feedback. Anrufer beschweren sich meistens, Facebook-User loben auch regelmäßig!”

Mitmachaktionen

“Hörerbeteiligung auf Augenhöhe ist für uns ganz allgemein zentral”, sagt Knabenreich. Gemeint sei damit nicht die Interaktion über Gewinnspiele oder Hörergrüße, sondern das aktive Mitgestalten von Programmstrecken. Bestes Beispiel sei “Die Radio Bielefeld Wochenaufgabe“: Die beiden Morgenteams um Roxane Brockschnieder und Timo Fratz wecken Bielefeld im wöchentlichen Wechsel. Und sie geben sich gegenseitig Aufgaben. Das Team der jeweiligen Woche erhält immer am Montagmorgen seinen Auftrag und muss ihn schon wenige Tage später am Freitag erledigt haben. Die Aufgaben sind knifflig und die Teams brauchen dafür die Hilfe der Hörer. “Das macht uns und den Hörern Spaß”, sagt Morgenmoderator Timo Fratz. “So haben wir mit 350 Hörern einen eigenen Fanblock bei Arminia-Bielefeld gefüllt, mit über 120 Hörern den ersten Innenstadt-Karnevalsumzug Bielefelds organisiert, obwohl Bielefelder in der Regel mit Karneval nichts anfangen können. Und wir haben mit 50 verkleideten Hörern vor Saisonbeginn bei 9 Grad Außentemperatur die Freibad-Saison eröffnet.”

Radio soll Spaß machen

Die erste Wochenaufgabe von Roxane an Timo in 2011 lautete: “Bis Donnerstag müsst ihr den allerersten Stau auf der A33 organisieren! Und zwar auf dem noch nicht freigegebenen Teilstück an der Buschkampstraße. Der Stau muss genau 50 Autos lang sein.” Morgenmoderator Timo Fratz hat die Aufgabe gelöst und ein Beweisvideo angefertigt. Video: Radio Bielefeld

Um die Zukunft ist Chefredakteur Martin Knabenreich nicht bange, wenn es dem Sender mit dem imposanten Marktanteil von über 40 Prozent nur gelingt, die Kernkompetenz der lokalen Hörernähe in die zukünftigen Vertriebswege wie Internet und Social Media zu überführen und gleichzeitig das klassische Radioprogramm zur kommunikativen Klammer im Sendegebiet auszubauen. Dafür engagiert sich der Sender lokal auch über das Programm hinaus. Ein Beispiel dafür ist der Bielefeld-Preis. “Hier haben wir Programm, Event, Internet, Video, Downloads, Votingtools usw. erfolgreich miteinander kombiniert und eine lokale Marke aufgebaut”, sagt Martin Knabenreich stolz. Mehr Infos dazu unter radiobielefeld.de oder www.bielefeld-preis.de.

Kontaktaufnahme per Facebook

“Timo Fratz und Lisa Schöniger hier, guten Morgen am Dienstag. Im Bielefelder Westen sind kreative Grafittis (stencils) aufgesprüht worden. Ist das eurer Meinung nach Kunst oder kann das weg? Ach und falls hier jemand mitliest, der sowas sprüht – wir hätten gerne ein Interview!” – Das schrieb die Morningcrew von Radio Bielefeld Anfang Juni an ihre Facebook-Wand. Heikles Thema. Illegale Sprayer machen sich strafbar. Dennoch: Binnen kurzem hatte Timo Fratz den ersten Sprayer am Telefon. Eine Kontaktaufnahme, wie sie so schnell vermutlich nur über Facebook und Twitter möglich ist.

Quelle
hörfunker.de

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