Fragwürdige Kürzungspläne beim Deutschen Rundfunkarchiv

Veröffentlicht am 15. Jun. 2011 von unter Deutschland

Fragwürdige Kürzungspläne: Heiko Hilker über die Bedeutung und die wacklige Zukunft des Deutschen Rundfunkarchivs (DRA) in Babelsberg

Das Deutsche Rundfunkarchiv wurde 1952 in Frankfurt am Main gegründet. Seit dem 6. Dezember 2000 hat es einen weiteren Standort in Babelsberg. In Potsdam beherbergt die Einrichtung laut Selbstbeschreibung „das audio-visuelle Gedächtnis aus der Radio- und TV-Vergangenheit der DDR“. Für die ARD-Gemeinschaftseinrichtung ist der RBB federführend. Wie lange noch ist allerdings fraglich, denn über dem Haus sind dunkle Schließungswolken aufgetaucht.

Heiko Hilker (Bild: Hilker)

Heiko Hilker (Bild: Hilker)

Heiko Hilker ist ein Mann, der sich mit den Medien im Osten bestens auskennt. Er hat für die Rettung von DT64 demonstriert, war viele Jahre Abgeordneter mit Schwerpunkt Medien im sächsischen Landtag und baut nach seinem Ausstieg aus der Parlamentsarbeit an seinem „Dresdner Institut für Medien, Bildung und Beratung“. Weil das Deutsche Rundfunkarchiv sich derzeit in Sachen eigene Zukunft in Zurückhaltung übt, haben wir ihn gebeten, uns in einigen Sätzen zu erklären, was das Deutsche Rundfunkarchiv ist und worum es bei der Schließungs-Debatte geht.

RADIOSZENE: Herr Hilker, das Deutsche Rundfunkarchiv in Babelsberg – wie würden Sie jemandem, der noch nie davon gehört hat, beschreiben was das ist?

Hilker: Das Deutsche Rundfunkarchiv wurde 1952 mit Sitz beim Hessischen Rundfunk in Frankfurt am Main gegründet. Es ist die erste und älteste Gemeinschaftseinrichtung der ARD. Das DRA sammelt und archiviert Tonaufnahmen und Tonträger und dokumentiert Fernsehproduktionen. Im Jahre 1993 wurden dem DRA die Rundfunkarchive des Hörfunks und Fernsehens der DDR angegliedert. Das DRA wird neben den ARD-Anstalten von Deutschlandradio sowie Deutsche Welle finanziert.

RADIOSZENE: Welche Bedeutung hat das Deutsche Rundfunkarchiv aus Ihrer Sicht für die gesamtdeutsche Medienlandschaft?

Hilker: Das Deutsche Rundfunkarchiv ist in der deutschen Medienlandschaft einmalig. Es gibt keine weitere Einrichtung, die in diesem Umfang Ton- und Bildträger aller Art erfasst hat, die von geschichtlichem, künstlerischem oder wissenschaftlichen Wert sind und in Kunst, Wissenschaft, Forschung und Unterricht genutzt werden können. Das DRA restauriert und sichert audiovisuelle Medien. Zur Langzeitsicherung werden die schriftlichen, audiophonen und audiovisuellen Dokumente auch verfilmt bzw. digitalisiert. Zudem gibt es eine umfangreiche Dokumentation rundfunkgeschichtlich bedeutsamer Tatsachen und Dokumente.

RADIOSZENE: Könnte jemand anderes die zum Teil kostbaren Unikate betreuen, die das DRA pflegt? Das Bundesarchiv?

Hilker: Das hat andere Aufgaben.

RADIOSZENE: Die ARD-Anstalten selbst?

Hilker: Denen mangelt es an Kapazitäten und Fachpersonal. Um es an einem Beispiel deutlich zu machen: „Ein Hörfunkredakteur benötigt Musik aus Lortzings unbekannter Oper „Zum Großadmiral“. Die einzige Aufnahme ist ein Radio-Schellack-Mitschnitt von 1937. Das Original, abermals ein Unikat, liegt in Frankfurt; …. Wer hören will, wie die Stimme Giacomo Puccinis geklungen hat: Per Recherche-Anfrage beim DRA erfährt er es in 30 Sekunden.“ (RP Online, 8.6.2011).

Deutsches Rundfunkarchiv Babelsberg (Bild: rbb/Kuhröber)

Deutsches Rundfunkarchiv Babelsberg (Bild: rbb/Kuhröber)

RADIOSZENE: Über dem DRA scheinen derzeit dunkle Kürzungs- oder Privatisierungswolken zu schweben. Aus dem Hause selber war bisher nicht viel zu erfahren. Was wissen Sie über die aktuelle Lage der Einrichtung zu berichten?

Hilker: Seit etwa sieben Jahren ist das Budget des DRA nicht gestiegen. Die ARD möchte jedoch innerhalb ihrer Gemeinschaftseinrichtungen, zu denen das DRA gehört, 15 Prozent sparen. Begründet wird dies mit sinkenden Gebühreneinnahmen. (Allerdings sind die Einnahmen aus der Rundfunkgebühr in den letzten zehn Jahren nur einmal gesunken). Im Jahre 2009 hatte man über 300 Millionen Euro mehr als im Vorjahr. Und so werden verschiedene Varianten bis hin zur Privatisierung geprüft. Demnächst wollen die Intendanten hierzu eine Entscheidung treffen. Der Etat des DRA liegt bei zirka 12 Millionen Euro. Die Gebühreneinnahmen lagen 2009 bei 7.600 Millionen Euro. Die „degeto“ erhält für ihre Spielfilme über 370 Millionen Euro, die „SportA“ hatte 2010 einen Etat von über 300 Millionen Euro. Drei Fußballspiele der deut­schen Fußballnationalmannschaft kos­ten in etwa so viel wie der Etat des DRA. Es ist fraglich, ob eine Privatisierung des DRA der ARD Kosten spart. Schließlich erstellt das DRA nicht nur für die ARD deren Jahrbuch. Das DRA würde dann seine Leistungen den ARD-Anstalten voll in Rechnung stellen. Dies könnte für die ARD teurer als bisher werden oder dazu führen, dass weniger historisches Material genutzt wird.

RADIOSZENE: Wie sollte es aus Ihrer Sicht mit dem DRA weitergehen – was wünschen Sie sich für die Zukunft des Hauses? Was wünschen Sie sich von den Verantwortlichen, die derzeit laut über die Zukunft des DRA nachdenken?

Hilker: Die Intendanten haben im Zusammenhang mit den Dreistufentests ihrer Online-Angebote immer wieder darauf hingewiesen, wie wichtig möglichst lange Verweildauern im Internet wären, da das Internet zum medialen Gedächtnis werde. Das DRA ist auch ein mediales Gedächtnis, ja, es ist die Grundlage jeden medialen Gedächtnisses. Es wäre falsch, diesen Speicher auszulagern. Das Geld ist da. Dazu nur ein aktuelles Beispiel. Dazu nur ein aktu­el­les Beispiel. Der SWR hatte für das Jahr 2010 mit Einnahmen von 1,16 Mrd. Euro geplant, laut Jahresabschluss hat man 1,21 Mrd. Euro ein­ge­nom­men.

Die Ausgaben sind im Plan geblieben. Bisher finanziert der SWR zirka 2 Millionen Euro vom Etat des DRA.

RADIOSZENE: Der Wunsch?

Hilker: Die Intendanten sollten alles so belassen, wie es ist. Das DRA bleibt eine Gemeinschaftseinrichtung. Der Etat wird nicht reduziert, sondern entsprechend den Aufgaben angepasst. Nur so kann man das „mediale Gedächtnis“ erhalten, haben Journalisten, Künstler und Wissenschaftler die Chance, auch in Zukunft zu erfahren, was einer genau gesagt hat, welches Gesicht er dazu gemacht hat und wie seine Stimme dabei geklungen hat. Nur so kann man Legendenbildung verhindern.

Link
Rundfunkarchiv im Netz (www.dra.de)

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Archivierte Kommentare

  1. Wolf Thomas

    15. Jun. 2011

  2. Wolf Thomas

    17. Jun. 2011

    Warum bleibt es so ruhig? Vermisst denn keiner das DRA?