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Wie antisemitisch ist der WDR?

Veröffentlicht am 28. Apr. 2011 von unter Bitter Lemmer

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Dass die Linkspartei wenigstens in Teilen antisemitisch tickt, ist keine wirkliche Neuigkeit. Wirklich neu ist aber, dass nunmehr auch der nordrhein-westfälische Landessender WDR unter Verdacht gerät. Ein Redakteur des Studios Düsseldorf hat eine keineswegs private E-Mail verschickt, die die Frage aufwirft, ob er und sein Haus zumindest klammheimlich Sympathien für den Boykott Israels, die Schmähung des Landes als „wahrer Schurkenstaat und Kriegstreiber“ und die Relativierung des Holocaust empfinden.

Corpus delicti: Diese Grafik ziert das Flugblatt, das die Linkspartei auf ihre Homepage stellte

Der Kern der Causa ist bekannt. „Duisburger Linke verbreitet Hetze gegen Israel“, schreibt Spiegel-Online, „Linke verbreitet antisemitische Propaganda im Netz“, meldet Welt.de. Anlass ist eine Enthüllung des Blogs Ruhrbarone, die auf ein offenbar seit drei Jahren unbemerkt auf der Seite der Linkspartei zu lesendes Flugblatt gestoßen sind. Die Kritik beschränkt sich im wesentlichen auf ein graphisches Detail. Die Urheber haben den Davidstern mit einem Hakenkreuz verwoben und damit ihr Machwerk verziert. Die Inhalte des Flugblattes stehen dagegen zurück. Sie enthalten die Forderung: „Boykottiert Israel!“ Israelische Waren seien „potentielles Diebesgut“, die Unterstützung der „BRD“ für Israel sei „sklavisch“. Die Schmähung „gewisser Blätter“, namentlich des Springer-Verlags, als „Judenpresse“ sei „wohl weniger ein Schimpfwort als vielmehr die zutreffende Umschreibung der … anbiedernden Berichterstattung über Israel und die Juden“. In bester Nazi-Diktion fordern die Urheber auf, die „wahren Hintergründe des Judaismus“ zu ergründen.

Nicht bekannt ist bisher, wie der WDR intern mit der Angelegenheit umgeht. Auf der Webseite des Senders wird der Vorfall zwar nachrichtlich vermeldet, eine E-Mail des Redakteurs Wolfgang Frings legt aber nahe, dass es sich dabei um eine unangenehme Pflichtübung handeln könnte. Frings hatte eine Pressemitteilung der Jungen Union auf den Tisch bekommen, die darin einen Stopp des „linken Antisemitismus“ forderte und NRW-Innenminister Ralf Jäger attackierte. Frings‘ Reaktion darauf, die mir gestern zuging, war so kurz wie ungewöhnlich. „Natürlich ist die Montage solcher Symbole voll daneben“, schrieb er den Jungunionisten und bezog sich damit auf die Verschränkung von Davidstern und Hakenkreuz, fügte dann aber an: „…aber ist Kritik an Israel gleich antisemitisch?“ Diese Frage ist skurril, denn das inkriminierte Flugblatt ist alles andere als eine „Kritik an Israel“, sondern eine fundamentale Schmähung des jüdischen Staates und des Judentums per se. Die systematische Ermordung der Juden wird darin als „sogenannter Holocaust“ verspottet, der historische Diskurs darüber als „moralische Erpressung“ bezeichnet.

WDR-Redakteur Frings setzt in seiner E-Mail an die Junge Union noch einen drauf: „Halten sie uns Journalisten mit dieser Argumentation für so blöd?“, fragt er die Flugblatt-Kritiker. Eher wäre die Frage angebracht, ob Redakteur Frings, der sich ausweislich seines öffentlichen Profils während des Studiums mit dem Spezialgebiet „Recht der sozialist. Staaten“ befasste, eine Einzelmeinung vertritt oder versehentlich durchblicken ließ, wie die Redaktionsstuben des WDR wirklich ticken.

 

Lemmer
Christoph Lemmer arbeitet als freier Journalist in Berlin.

E-Mail: christoph@radioszene.de

 

 

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Archivierte Kommentare

  1. Felix Barth

    28. Apr. 2011

    Lieber Herr Lemmer,
    ein solcher Vorfall muss natürlich lückenlos aufgearbeitet werden. Auch gibt es keine zwei Meinungen darüber, dass dieses Flugblatt weit über das hinausgeht, was Frings als „Kritik an Israel“ bezeichnet. Im Gegensatz zu Ihnen finde ich die im letzten Satz geäußerte Frage jedoch alles andere als angebracht. Denn allein die Vermutung, dass es sich nicht um eine Einzelmeinung handelt, sondern die „Redaktionsstuben des WDR“ so ticken könnten schießt in meinen Augen über das Ziel hinaus, weil es nicht darum gehen sollte öffentlich-rechtliche Sendeanstalten unter Generalverdacht zu stellen.
    Beste Grüße

  2. Christoph Lemmer

    28. Apr. 2011

    Hallo Herr Barth,
    ich habe schon manche Überraschung erlebt, was die Weltsicht von WDR-Redaktionen betrifft. Da dachte man z.B. 1989/1990, es werde absehbar keine deutsche Wiedervereinigung geben und eine wie auch immer reformierte SED werde langfristig weiterregieren können. Darum wurden Mitarbeiter in die DDR geschickt, um angeblich kommende Leute zu potraitieren, etwa Volker Külow, der sich später als ein übler Stasi-Spitzel herausstellte. Die Sympathien für die damalige DDR und die Ostblock-Regime sind jedenfalls auffällig, und das ist genau das Biotop, in dem der linke Antisemitismus zu Hause ist und schon damals war. Darum bzweifle ich, dass die Antwort Frings‘ an die Junge Union ein einmaliger Ausrutscher war.

    Übrigens habe ich die Pressestelle des WDR um eine Stellungnahme gebeten. Eine Antwort habe ich allerdings noch nicht.

    Grüße – Christoph Lemmer