Sascha Baron: Warum gibt es keine Live-Reportagen mehr?

Veröffentlicht am 12. Apr. 2011 von unter Frequenzstörung

Es gibt Dinge, die versenden sich, andere nicht. Sascha Baron schreibt in seiner neuen Kolumne „Frequenzstörung“ über die kleinen und großen Katastrophen im Radio – vor und hinter dem Mikrofon. Der 39-jährige lebt in Berlin und Saarbrücken und arbeitet seit 15 Jahren für öffentlich-rechtliche und private Radiosender.

Frequenzstorung_small_bannerEiner der Hauptgründe wofür ich das Medium Radio so liebe: Es ist schnell und direkt. Wenn irgendwo ein Haus brennt, eine Demo stattfindet oder die Leute kilometerweit für ein neues iPhone anstehen, kann ich als Reporter hinfahren und live vor Ort berichten. Einfach per Telefon oder Internetleitung. Fernsehen ist da viel aufwendiger.

Es gibt wenige Dinge im Radio, die so authentisch sind, wie Live-Reporter mitten aus dem Geschehen. Das sind auch die Momente, in denen die Hörer das Radio lauter drehen. Das Nebenbeimedium wird dann zum Hinhörer. Ein Kompliment für jeden Programmmacher.

Umso erstaunlicher, dass Live-Reporter in den letzten Jahren immer seltener im Radio zu hören sind, von Fussballübertragungen einmal abgesehen. Viele Sender begnügen sich mit O- Tönen und Umfragen vor Ort. Ab und zu hört man auch „Kollegengespräche“ mit dem Reporter im Studio. Und selbst der gebaute Beitrag wird oftmals der Reportage vorgezogen. Warum ist das so?

Sicher, Live-Reportagen eignen sich nicht für jedes Thema und sind auch nicht ganz einfach umzusetzen. Reporter können nicht eben mal hinfahren und auf Sendung gehen. Auch das bildhafte Beschreiben der Situation bereitet Reporter zuweilen Schwierigkeiten. Doch das kann nicht der alleinige Grund sein. Immerhin gibt es unzählige Reportage-Workshops. Mit dem richtigen Handwerkszeug und guter redaktioneller Vorbereitung sind Reportagen keine Hexerei.

Ist es vielleicht die generelle Angst der Sender vor Live-Schalten? Auch das darf bezweifelt werden, denn Live-on-Tape Reportagen (also aufgezeichnet und als live gesendet) oder sogenannte Band-Reportagen (nicht live, aber aus der Jetzt-Situation erzählt) klingen genauso spannend und bieten außerdem genug Zeit für eine Nachbearbeitung. (Davon abgesehen empfinden Hörer ohnehin alles als live.)

Manch einer würde vielleicht sagen, dass Live-Reportagen derzeit nicht „en vogue“ sind. Aber gerade das Fernsehen beweist mit täglichen Reportagen im Frühstücksfernsehen und Formaten wie Reality-Soaps gerade das Gegenteil.

Warum gibt es also so wenige Live-Reportagen? Ich glaube, dass die Sender schlichtweg die Wirkung unterschätzen. Der Fokus geht bei den Sendern klassischerweise auf die Musik, Morningshow und die OnAir-Promotion. Dabei vergisst man schnell, dass sich begehrte Images wie Authentizität und regionale Kompetenz auch mit Live-Reportagen deutlich steigern lassen.

Sascha-Baron-120

Sascha Baron ist Journalist, Radiocoach und Moderator und lebt und arbeitet in Berlin und Saarbrücken.

E-Mail: baron@radioszene.de

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Archivierte Kommentare

  1. Artur Dellai

    20. Apr. 2011

    ja ja, das frage ich mich auch schon seit Jahren. Schnelligkeit und Authenzität sind doch die herausragenden Stärken des Radios. Also, habt mehr Mut.