Viktor Worms’ Gegenrede: „Live is live!“

Veröffentlicht am 05. Apr. 2018 von unter Standpunkte

Viktor Worms' Gegenrede: „Live is live!“Habe mit großem Interesse „James Cridlands Radio Future“ und den Appell zu vorproduziertem Radio des geschätzten Kollegen gelesen und erlaube mir die Gegenrede!

Ja, es muss nicht alles live sein im Radio und manchmal ist es sicher richtig große Kunst auch vorzuproduzieren aber im Gegensatz zum Fernsehen (und deshalb liebe ich Radio) ist mein Medium hier und jetzt, muss nicht perfekt klingen. Radio ist Leben und Leben ist live, Leben ist der Moment, Leben ist spontan.

Ich habe selber an die 20 Jahre hinter dem Mikro gesessen und der Gedanke meine Show vorzuproduzieren, wäre mir auch bei heutigen technischen Möglichkeiten niemals gekommen und wenn`s dann notgedrungen sein mußte, dann war`s eben nicht dasselbe. Für mich nicht und für meine Hörer auch nicht. Und daran hat sich nichts geändert. Das Gefühl für eine Show, wie sie fliesst, die Viertelstunde, die halbe Stunde, die Show im Ganzen erlebst Du nur im Ganzen, im Hier und im Jetzt.

Ja, Cridland hat ja Recht, perfekter ist es, wenn ich meinen Break sekundengenau hin und herschiebe, wenn ich die Ramp bis auf die letzte Sekunde präzise und im Takt belege, mich nicht verspreche und vielleicht die eine Frage zuviel, die dem Besten passiert, dann doch noch rausschneide.

Aber etwas anderes geht verloren: Die Faszination des Moments im Hier und Jetzt, in „Realtime“. Der Gedanke, dass unsere neue Konkurrenz im Kampf um Hörminuten und das Verweilen durch Präzision gewonnen werden kann, ist falsch. Wir begeben uns da in einen Krieg, den wir nicht gewinnen können. Er wird durch Inhalte gewonnen und durch den Charme, die Persönlichkeit, das Knowhow und die Strahlkraft seiner Stars in diesem und nur diesem Moment. Denn dieser Live-Moment beschert dem Moderator, die Körperspannung, die Inspiration der Spontaneität und die Strahlkraft seiner Persönlichkeit.

Dieser Live-Moment unterscheidet uns vom Podcast. Ich werde auch weiter am Samstag ins Stadion gehen, um Fussball live zu erleben, nicht wissend ob im nächsten Moment der Traum- oder der Fehlpass kommt, ich will den Moment erleben, indem der Ball durch den Traumschuß von Lewandowski oben im Eck landet, nicht sicher wissend ob nicht doch auf der Tribüne. Ich will Nickelback oder die Stones live sehen und nicht das Konzertvideo und ich lebe damit, daß keine Halle mir die Akustik liefert wie meine Stereoanlage und die CD zuhause.

Und wenn der Moderator mal einen Fehler macht, die Millisekunde des Ramps nicht trifft, sich verspricht, die eine Frage zuviel oder zu wenig stellt, dann ist es so. Wenn es ihm ständig passiert, hat er den falschen Job.

Vorsicht bei der Berufswahl!

Ja, gut vorproduziert ist besser als schlecht live aber wir sollten unsere Leute so ausbilden, dass sie es gut live können und für die, die`s nicht können gilt: „Es gibt auch schöne andere Berufe, zum Beispiel in einer Konservenfabrik und auch in der ist der Job am Band der besch….(eidenste)!“ So und jetzt mach ich mir was zu essen, frisch und nicht aus der Konserve! Is` nämlich irgendwie nicht dasselbe!“


Über den Autor

Viktor Worms (Bild: WMP)

Viktor Worms (Bild: WMP)

Viktor Worms moderierte die ZDF Hitparade, war Programmdirektor bei ANTENNE BAYERN und ZDF-Unterhaltungschef. Er war in den vergangenen Jahren als Strategie- und Moderationscoach u.a. tätig für REGIOCAST, ZDF und das Bayerische Fernsehen, DRadio Wissen, bigFM, ROCK ANTENNE sowie die ARD.ZDF Medienakademie. Er ist seit 2015 Jurymitglied des Deutschen Radiopreises. Neben seiner Tätigkeit als TV Producer ist er Vorstand der Hugo-Tempelman-Stiftung sowie Beirat der Tabaluga Kinderstiftung.

 

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