Sarah Mibus: „Wer keine klaren Grenzen zieht, verliert.“

Veröffentlicht am 27. Mrz. 2018 von unter Musik

Musikberatung einfach mal ganz anders – dafür steht Sarah Mibus. Nach Stationen bei Radio Fritz und 1LIVE ist sie nun als freie Musikberaterin unterwegs und überrascht mit neuen Sicht- und Arbeitsweisen. Und möchte nicht weniger als die Musikauswahl im deutschen Radio wiederbeleben.

Sarah Mibus (Bild: privat)

Sarah Mibus (Bild: privat)

RADIOSZENE: Frau Mibus, Sie hören, beobachten und analysieren Radioprogramme, Märkte und Formate aller Art. Feiern Sie die Musikkonzepte der deutschen Radioprogramme genauso wie sich manche Sender nach der MA selbst feiern?

Sarah Mibus: Die Musikauswahl der deutschen Radiolandschaft ist so uninspiriert wie noch nie. Viele Sender spielen getrieben durch Call-Out Ergebnisse das gleiche, egal ob es zur Zielgruppe oder zum Format passt. Wir sind deshalb an einem Punkt, an dem die Marktforschung ihren Zenit erreicht hat. Rotationsentscheidungen werden oft eins zu eins auf Testergebnisse gestützt und ins Programm übersetzt – so kann es nicht weiter gehen.

 

„Den Ergebnissen der Marktforschung blind zu vertrauen
ist falsch.“ 
(Sarah Mibus)

 

RADIOSZENE: Heißt das, Sie sind Gegnerin der Marktforschung?

Sarah Mibus: Keineswegs. Marktforschung ist ein sinnvolles Werkzeug um ein Mainstream-Programm zu gestalten. Allerdings muss man die Zahlen durchschauen um keine mechanischen Entscheidungen zu treffen. Das kann nicht jeder. Als Basis einer guten Musikrotation sehe ich Expertise, Erfahrung, Entscheidungsfreudigkeit, Intuition und Spaß an der Arbeit. Und dann eben auch Marktforschung. 
Aber: Den Ergebnissen blind zu vertrauen ist falsch. Man sollte auch sehr genau wissen, wie die Zahlen zustande kommen. Ich habe MaFo Institute besucht, mir Call-Outs angesehen und selbst teilgenommen.

RADIOSZENE: Was braucht ein Programm um Sie zu überzeugen?

Sarah Mibus: Mich begeistert ein Programm, das sein Format klar definiert, dann aber ab und an seine Grenzen austestet, diese aber nie überschreitet. So bleibt das Programm spannend und überraschend. Gegenbeispiel: Auf Nummer sicher gehen und den kleinsten gemeinsamen Nenner in einer zu weit gefassten Zielgruppe finden, sprich Robin Schulz und Mark Forster totspielen, langweilt mich.
Ein Musikplaner muss sich jede Woche aufs Neue fragen: Welches Programm sende ich warum für welches Publikum? Nicht einfach, denn die Entwicklungen auf dem Musikmarkt werden immer schneller. Redaktionen müssen in dem Tempo mitziehen und Formatgrenzen einhalten. Die Toten Hosen haben beispielsweise in einem jungen Format nichts verloren, die Chainsmokers und Portugal The Man gehören nicht in die älteren Formate – egal mit welchen Testergebnissen. Bandbreite zeigen: Ja. Die Schere darf aber nie zu groß werden, weil sonst kein schöner Musikflow ensteht. Wer keine klaren Grenzen zieht, verliert.

RADIOSZENE: Auf Partys singen aber auch junge Leute lauthals mit, wenn Die Toten Hosen laufen…

Sarah Mibus: Zu später Stunde trifft sich auch Alt und Jung auf der Tanzfläche und tanzt Macarena und trotzdem läuft es kaum als Recurrent in den Programmen. Ziel jedes Musikredakteurs sollte doch sein, ein stimmiges Programm zu planen. Drake, Die Toten Hosen und Martin Garrix in der direkten Abfolge – für wen soll diese Kombination sein? Der Soundspagat ist zu groß. Heraus kommt wirres Programm.

 

„…so gehen uns auf lange Sicht die Hits aus“
(Sarah Mibus)

 

RADIOSZENE: Sie haben gerade die schnellen Entwicklungen auf dem Musikmarkt angesprochen. Wie findet man sich im totalen Überfluss der Neuerscheinungen zurecht?

Sarah Mibus: Die neuen Musiklisten, die jeden Freitag erscheinen, sollten die Redakteure nicht unter Druck setzen. Es kann nicht die Lösung sein, dass die Rotationen wegen der vielen willkürlich ausgesuchten Neuzugänge platzen. Der Trend geht weg vom Künstler, was zählt ist einzig und alleine der Track. Und hier ist neben der Expertise der Musikredakteure auch ein längerer Atem gefragt. Denn spielen alle nur das gleiche, steigt der Burn rasant in die Höhe und so gehen uns auf lange Sicht die Hits aus. Wenn eine klare Vision vom Musikprogramm besteht, muss man als Entscheider an Titel glauben, diese durchziehen, bekannt spielen und zum Hit machen. Fehlt die Musikvision, hat man auch keine Grundlage für mutige Entscheidungen. Und diese braucht es um kreatives Programm zu machen, sich von der Konkurrenz abzuheben und den Hörer zu begeistern.

RADIOSZENE: Sie beraten diverse Formate, von jungen Wellen bis hin zu Oldie-Programmen quer durch Deutschland. Was sind sonst noch die großen Musikbaustellen der Sender?

Sarah Mibus: Die Zielgruppen junger Wellen wie big FM, ENERGY und 1LIVE rutschen Richtung 30 – und damit bisweilen auch die Musikausrichtung. Oft kommt es hier aber zum Clash zwischen Musikauswahl, die immer breiter und oft auch älter wird, und Ansprache der Hörer, die bei vielen Sendern zunehmend jünger wirkt.
Die Frage nach einer sinnvollen Flottenstrategie wurde lange Zeit von vielen übergangen und nun steht man vor folgendem Problem: AC-Formate bedienen sich zunehmend an progressiv jung-klingenden Titeln und bedrängen somit die jüngeren Wellen im eigenen Haus. Dann kommt noch oft hinzu, dass die älteren Programme den Anschluss an die ACs verlieren, weil die älteren Wellen musikalisch viel zu alt konzipiert sind. Hier entsteht eine unnötig große Lücke in der Flotte – vor allem wenn die älteren Programme dann auch noch so ein bisschen am deutschen Schlager festhalten. Das klingt leider zopfig und führt zur Hörerflucht.

RADIOSZENE: Aber viele Wellen haben sich doch mittlerweile vom deutschen Schlager verabschiedet…

Sarah Mibus (Bild: privat)

Sarah Mibus (Bild: privat)

Sarah Mibus: Programme wie NDR1 Welle Nord und Bayern 1 sind gute Beispiele für ein angenehmes älteres Programm, das bewusst auf stark polarisierende und altbackene Songs wie „Es fährt ein Zug nach nirgendwo“ verzichtet. In beiden Häusern werden Fans dieser Musik von Digitalkanälen glücklich gemacht, sodass die „Schlagergrenze“ im Programm nicht übertreten wird. Andere ältere Wellen spielen Schlager, allerdings bietet dann ein Nachbarprogramm den älteren Hörern eine schlagerfreie Alternative. Es bleibt dabei: Lou Bega, Heinz Rudolf Kunze, Pink Floyd und Sarah Connor unter einen Hut zu bringen ist eine unlösbare Aufgabe. Wer soll das hören wollen? So wird Vertrauen in eine Sendermarke zerstört.

 

„Streaming – ein tolles Ding für Musikfreaks“
(Sarah Mibus)

 

RADIOSZENE: Abschließend wüssten wir noch gerne Ihre Einschätzung zum Thema Streaming – Freund oder Feind des Radios?

Sarah Mibus: Streamingdienste sind unschlagbar darin, eine technisch lernende bestmögliche persönliche Musikfolge zu generieren. Das ist neu, das ist spannend, und ich kann mich mit so einem Algorithmus herrlich um mich selbst drehen. Ein tolles Ding für Musikfreaks. Aber so tief steigen die meisten Menschen doch gar nicht in das Thema ein. Radiohörer wollen dann auch mal wieder hören, was andere hören, und man will gemeinsam mit anderen hören. Dafür braucht es keinen Track-by-Track-Algorithmus sondern ein stimmiges Programm, wie es bei den Onlineplayern beispielsweise iloveradio.de nachweislich gelingt.
Um Hörer zu begeistern braucht man ein Gefühl für die richtige Mischung, Abfolge und den Flow aus Musik, Verpackung und Content. Das war vor den Streamingdiensten so, und das bleibt auch so.

Link
www.sarahmibus.de

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