Es gibt wieder was zu Lernen bei den Radiodays Europe

James Cridland's Radio FutureIn ein paar Wochen werde ich an den Radiodays Europe teilnehmen, dem Treffpunkt für Radiomacher. Das Ganze wird in Wien stattfinden, wo viele schöne alte Gebäude und einige recht fortschrittliche Radiosender zu bewundern sind, darunter das exzellente KRONEHIT.

Letztes Jahr konnte ich vielen interessanten Rednern zuhören. Eines der Dinge, die ich an den Radiodays Europe so genieße, ist, dass man nicht nur vom englischsprachigen Radio (das relativ einfach online recherchierbar ist), sondern auch von Radiosendern aus Europa und der ganzen Welt zu hören bekommt.

Sebastian Fitzek ist international gefragter Autor von Filmen und Büchern. Aber er arbeitet auch für 104.6 RTL, einem Musiksender in Berlin. Im März letzten Jahres sprach er bereits auf den Radiodays Europe in Amsterdam darüber, wie ein großartiger Radiomoderator eine virtuelle Brille trägt, durch die er die Welt sieht. Jede On Air Personality hat seine eigene Sichtweise und Erfahrung, mit der er sich jedem Thema annähern kann. Und wenn man Moderatoren über etwas reden hört, sollte ihre eigene Erfahrung klar daraus hervorgehen. Einer der besten Interviewer der BBC besitzt eine Farm in Wales. Jedes Mal, wenn er einen Landwirt oder einen Lebensmittelproduzenten interviewt, kommt dieses Wissen und Verständnis zum Vorschein. Oft scheut das Management davor zurück, persönliche Gefühle als Teil eines Nachrichten-Interviews zuzulassen – aber diese „virtuelle Brille“ ist nützlich, um mehr über die Welt zu erfahren. Sie ist ein Aktivposten, keine Verbindlichkeit.

Radiodays Europe 2018 Vienna

Naja Nielsen vom Dänischen Rundfunk habe ich aufmerksam zugehört. Sie berichtete, welch großen Einfluss Soziale Medien dort haben: in Dänemark beziehen 73% der unter 30jährigen den Großteil ihrer Nachrichten aus Social Media, aber viele wissen nicht, dass sie sie auch vom Radio bekommen. Ihre Kernbotschaft im vergangenen Jahr war, dass wir Nachrichtensendungen machen sollten, die die Menschen auch gerne hören und aktiv konsumieren – keine reinen Verlautbarungen, die einfach nur nebenbei als Nachrichten registriert werden, weil sie zum Radio eben dazugehören. Bei einem Jugendsender in Dänemark wird gar eine dreistündige Nachrichtensendung ausgestrahlt, die eine der populärsten Sendungen des Senders ist – moderiert von jungen Moderatoren mit tollen Gedanken und Ansichten zu den Themen des Tages – auf eine Art und Weise, die die Menschen als Unterhaltung anspricht. Wenn wir über die Zukunft von Nachrichten nachdenken, müssen wir neue Lösungen für die Bedürfnisse der Menschen finden. Die Menschen wollen vertrauenswürdige Nachrichten; sie wollen lernen, sie wollen Fakten, aber sie wollen diese vielleicht auf eine andere Art und Weise als bislang.

Manoush Zomorodi von WNYC in New York sprach über etwas, was sie „Virtuous Cycle of Content“ (etwa „virtuosen Wechsel von Inhalten“) nannte. Wenn Sie über eine Geschichte oder ein Feature berichten, bitten Sie Ihr Publikum einfach mal, Ihnen dabei zu helfen. Dieses Vorgehen führt zu einem besseren Radioprogramm mit mehr Publikumsbeteiligung. Das führt wiederum zu Kontakten mit anderen Leuten, diese also wiederum zu einem noch besseren Radioprogramm! Sie sagte, dass großartiges Radio durch Gespräche mit dem Publikum beginnt – am Ende mit einer Feedbackschleife erstaunlich großen Inhalts – ein Wechsel von ein oder zwei an einer Show beteiligten Leuten zu buchstäblich Tausenden. Sinnvolle Interaktion – und nicht „Was ist dein Lieblingsgebäck“ – ist gut für das Radio.

Auch Ulrik Haagerup hatte etwas zu sagen. Er ist Nachrichtendirektor des Dänischen Rundfunks und sprach 2016 bei den Radiodays Europe in Paris darüber, wie deprimierend und traurig Nachrichten oftmals sind. Er meinte, dass sich viele Journalisten oft nur auf eher unerfreuliche Geschichten konzentrieren. Er machte sich Sorgen, dass Nachrichten zu Dramen, Konfliktschilderungen und Negativität geworden sind. Er fragte, ob es schwieriger sei, an positive Nachrichten zu kommen. Der Wunsch, etwas Positives zu sagen, solle nicht den Fakten im Wege stehen, aber wir sollten offen sein für die Idee, etwas Positives mitzuteilen. Wir sollten unsere Fragen so formulieren, dass sie zu positiven und konstruktiven Antworten führen. Gerade jetzt kann gut gemachtes Radio davon profitieren, wenn es sich nicht nur auf das Schlechte konzentriert, sondern auch das Gute jeder Geschichte erwähnt. Es gibt immer Positives, wenn man genau hinschaut.

Ich freue mich sehr darauf, dieses Jahr bei den Radiodays Europe zu sein. Selber werde ich über Podcasting sprechen und ein paar Sessions über die Umstellung von UKW auf DAB in Norwegen moderieren. Schreiben Sie mir, wenn Sie auch da sein werden und Lust auf einen Plausch haben.


James CridlandDer Radio-Futurologe James Cridland spricht auf Radio-Kongressen über die Zukunft des Radios, schreibt regelmäßig für Fachmagazine und berät eine Vielzahl von Radiosendern immer mit dem Ziel, dass Radio auch in Zukunft noch relevant bleibt. Er betreibt den Medieninformationsdienst media.info und hilft bei der Organisation der jährlichen Next Radio conference in Großbritannien. Er veröffentlicht auch podnews.net mit Kurznews aus der Podcast-Welt. Sein wöchentlicher Newsletter (in Englisch) beinhaltet wertvolle Links, News und Meinungen für Radiomacher und kann hier kostenlos bestellt werden: james.crid.land. Kontakt: james@crid.land oder @jamescridland.