Dietmar Wischmeyer: Die Geschichte des Privatradios

Veröffentlicht am 05. Okt. 2003 von unter Standpunkte

Von Dietmar Wischmeyer
(Humorfacharbeiter)

Vorwort: “Wenn man Jahre seines Lebens in der Welt der Verstrahlten zugebracht hat, dann muß man sich ab und zu einer Dekontamination unterziehen. So entstand dieser Text und auf der RADIOSZENE-Seite hat er eine würdige letzte Heimstatt gefunden.”

Dietmar Wischmeyer

Dietmar Wischmeyer

Das letzte Jahrtausend bescherte uns die Hexenverbrennung, die Pest und die FDP. Und um die Büchse der Pandora vollends zu leeren, auch noch den Privaten Rundfunk.

All jene, die diesen wackligen Kahn bestiegen in den achtziger Jahren, waren von einer tiefsitzenden Illusion beseelt, die da hieß: Auch da kann man anständiges Radio machen, bei dem man sich noch morgens im Spiegel betrachten kann. Huharhar, da hatten sie aber die Rechnung ohne die Gesetze des Kapitalismus gemacht.

Denn eher wird ein Kamel Programmdirektor, als daß ein Reicher in den Radiohimmel kommt. Und reich konnte man damals werden mit der staatlichen Lizenz zum Gelddrucken. Tempi passati, wie der Italiener sagte, als der neue Volkswagen vorgestellt wurde.

Doch blicken wir in Wehmut zurück auf die Goldgräberzeit im Äther.

Die Achtziger Jahre neigten sich dem Ende zu, die DDR war noch eingezäunt, Helmut Kohl hatte fast sein endgültiges Volumen erreicht und Phil Collins startete seine Solokarriere.

Die zwei letzten Ereignisse sollten nachhaltigen Einfluß auf die deutsche Medienlandschaft haben. Ohne den Dudelking der frühen 90er hätte das Privatradio nicht so schnell den Durchbruch geschafft, ja und ohne Helmut Kohl im Zenit seiner Schaffenskraft mit seinem Haß auf den Rotfunk gäbe es überhaupt keinen Privatfunk.

In völliger Verkennung der Tatsachen hielt er die ARD für die fünfte Kolonne Moskaus, wenn nicht gar der SPD. Um die roten Halunken auszuräuchern, müßte Konkurrenz in den Äther.

Und so erfand der Dicke die neue Medienlandschaft und nannte sie in Anlehnung an seine mächtigen Extremitäten das Zweisäulenmodell.

Doch wer war dieser vermeintliche Rotfunk wirklich, den der Oggersheimer so haßte?

Aufgesplittert in ein Dutzend Landessender war die ARD eine Megabehörde, die Zwangsgebühren in Frühverrentung umwandelte. Vom Revoluzzertum waren die wellenreitenden Medienleichen soweit entfernt wie die heutige SPD von sich selber. Abertausend Motivationsgreise saßen in tristen Büros oder sogenannten Kasinos herum und unterschrieben den ganzen Tag Glückwunschkarten für wieder andere Kollegen, die den Sprung in die Frührente geschafft hatten. Sie führten Titel wie “Hauptabteilungsleiter unterhaltendes Wort“ oder “Zeitfunkredakteur“. Kein normaler Mensch konnte sich vorstellen, was so jemand den ganzen Tag tat. Die Antwort war aber ganz leicht: nix. Denn die Marie kam ja auch so. dazu hatte man sich ein ganz perfides Instrument ausgedacht: die “Kommission zur Feststellung des Finanzbedarfes des öffentlich-rechtlichen Rundfunks“ Normale Menschen kennen dieses Phänomen lediglich aus ihrer Säuglingszeit: da mußte man auch nur laut genug schreien und schon packte Mama die Nährtitte wieder aus und es gab was zu fressen. Über dieses Stadium sind ARD und ZDF nie hinausgekommen.

Damit das auch immer weiter funktioniert, bedienen sie sich zweier todsicherer Systeme.

Einmal des Rundfunkrates, eine Art Mülldeponie für aussortierte Parteischranzen. Als Endlagergebühr müssen die Parteien dafür im Bundestag immer für die Erhöhung der Rundfunkgebühren stimmen. Das System funktioniert reibungslos.

Die zweite Überlebenssicherung ist etwas komplizierter. ARD und ZDF haben neben der Selbstverwaltung auch noch eine kleine Nebenaufgabe: die sogenannte Grundversorgung, d.h. irgendwelchen Mist ausstrahlen, von dem sie glauben, daß der normale GEZ-Trottel das braucht: Volksmusiksendungen, Nachrichten oder Kleine Fernsehspiele. Da die reitenden Medienleichen aber selber keine Ahnung von Programmen haben, außer es zu verhindern, bedienen sie sich einer hauseigenen Heloten- und Pariakaste, den sogenannten “Freien“. Da sie zumeist selber mal so angefangen haben, blicken sie auf diese Sklavenkaste mit großer Herablassung.

Die “Freien“ haben nur ein Ziel: “sich einklagen“, die “Festangestellten“ nur eine Aufgabe: genau das zu verhindern. Die Freien sind allerdings in einer beschisseneren Situation, weil sie nebenbei noch Programminhalte gegen den Widerstand der Schnarchsäcke zusammenstoppeln müssen. Wenn sie´s dann endlich geschafft haben, selber in die Herrscherkaste aufzusteigen, werden die neuen Freien natürlich umso mehr gefickt, um sich für ihre eigenen Demütigungen zu rächen.

Was war das nun, was da so nebenbei aus den Geräten rauschte und flimmerte damals? Ich sag mal so: es gab ja nix anderes! Ganze Senderketten verbreiteten 24-Stunden-Programme, in denen an sich schon stinklangweiligen OperettenMelodeien vom eigenen Rundfunkorchester der letzte Lebenshauch genommen wurde. In anderen Programmen, meistens waren es die “Zweiten“ oder “Dritten“ verstrahlte man “Magazine“. Zwischen zuckersüßem Italopop blubberte ein kürzlich wiederbelebter Moderator eine Weisheit aus dem Bauernkalender herunter, dann entstand eine Pause so lang wie die Mittlere Kreidezeit. Der Mikrophongreis fuchtelte mit den Pranken in der Luft herum, auf der anderen Seite einer schußsicheren Scheibe blickte schließlich ein Mütterlein von seinem Strickzeug hoch und drückte widerwillig auf einen roten Knopf. Endlich konnte der Gebührenzahler zuhause am Empfänger dann die brandheiße Scheibe von Al Bano und Romina Power … ausschalten. Manchmal gab es zwischendurch auch noch “gebaute Beiträge mit OriginaltonEinspielungen“. Da hatte man einen Sklaven mit einem zentnerschweren Tonbandgerät nach Hückeswagen geschickt, um das örtliche Trachtenliesel aufzunehmen.

War etwas richtig Spannendes los im Sendegebiet, etwa die Eröffnung der Landesgartenschau in Bad Zwischenahn, dann gabs auch schon mal eine “LiveSchalte“. Dazu mußte Tage vorher eine komplette InfantrieEinheit des Senders in das Zielgebiet verlegt werden. Mit mehreren Ü-wagen, Bergepanzern und sonstigem schweren Gerät. War dann aus Versehen tatsächlich mal was los auf der Gartenschau, waren die Kollegen fast immer “in der Pause“ oder wurden gerade “abgelöst“. Deshalb wurden auch diese Jobs zusehends mit Söldnern bestückt, damit auch was zum Senden da war.

Wie hinterwäldlerisch das jetzt auch alles klingen mag, aber die Magazinprogramme waren die Flaggschiffe der ARD-Sender, in den anderen Programmen sah es noch schlimmer aus. Hätte Kafka noch gelebt, sein zeitgenössisches Werk hieße “Rundfunkanstalt“ mit Betonung auf den letzten beiden Silben. Nur in einem war die ARD ihrer Konkurrenz weit voraus: Sie war schon Mitte der 70er Jahre komplett digitalisiert, und zwar in den Armbanduhren ihrer Mitarbeiter, damit diese exakter in den Feierabend verschwinden konnten. Kurz gesagt, damals das war das Paradies oder zumindest war die ARD wie die DDR, eben nur mit ordentlich Valuta.

Auf diese Situation trafen nun die neuen Privatsender in den späten Achtzigern. So muß es gewesen sein als Cortes die Aztekenhauptstadt Tenochtitlan betrat: Es war ein einziges Morden und Schlachten. Die Heerscharen der Conquistadoren trafen auf eine völlig unbewaffnete dekadente Hochkultur, der sie in kurzer Zeit aberMillionen Hörer abnahmen.

Wie haben sie das geschafft?

Auch beim Privatfunk gab es damals keine Konkurrenz. Helmut Kohl und seine Duodezfürsten hatten das Land in Lehen aufgeteilt und an ihre vermeintlichen Kumpels aus dem publizistischen Mittelstand verteilt.

Eine Sendelizenz für ganz Norddeutschland gab es einfach so umsonst. Tolle Sache! Da freute sich der Besitzer des Ammerländer Volksfreundes und stieg mit 5% in die Sache ein.

Das ganze Unternehmen war natürlich eine äußerst durchsichtige Vetternwirtschaft und hatte mit offenem Markt soviel zu tun wie die SPD mit Sozialismus. Richtig! Die mußte natürlich auch noch zufriedengestellt werden, damit die Kacke nicht zum Himmel stank. Und worauf steht der Soz am meisten?

Genau: neue Behörden, wo er altgedienten Genossen nach der Mühsal der Parteiarbeit ein Gnadenbrot zuschustern kann.

Diese Behörden hießen “Landesmedienanstalten“ und beherbergten neben den Hauptamtlichen die Vertreter der “gesellschaftlich relevanten Gruppen“, also Arbeitslose, Steuerhinterzieher, Tagediebe und Schwarzarbeiter. Hihi, falsch geraten. Unter einer “gesellschaftlich relevanten Gruppe“ versteht man im Jargon der Bundesrepublik einen Verband, Lobbyverein oder Religionsverwalter, der seit mehreren Jahrzehnten seine Harmlosigkeit unter Beweis gestellt hat. Da saßen sie nun in ihren neuen Landesmedienanstalten und kontrollierten bei den Privatradios z.B. den “prozentualen Wortanteil“ oder ob der akustischer Trenner zwischen Gedudel und Werbung lang genug war – eine schweinerelevante Tätigkeit auf jeden Fall. Kurz: Die Privatsender machten mehr oder weniger was sie wollten und das war Geld verdienen und sonst gar nix.

Doch auch sie entstanden ja nicht im luftleeren Raum sondern brauchten Leute, die den Laden aufbauten. Das waren alles Figuren aus der Unterwelt, also der ARD. Die waren zwar noch nicht so vollkommen abgestorben wie ihre Kollegen, denn sonst hätten sie wohl kaum den Ausgang gefunden, aber sie machten eben auch ganz entscheidende Fehler. Der größte war, zu glauben, für Privatradio bräuchte man Personal. Erst in letzter Zeit wird dieser Fehler korrigiert.

Woher nehmen?

Natürlich auch aus der ARD, woher sonst. Aus den Zwingern der Sklaven und aus den gebohnerten Stuben der Sackgassenkarrieristen. Weil das aber noch nicht reichte, bediente man sich einer großen Zahl Quereinsteiger, die hatten von Radiomachen überhaupt keine Ahnung und kamen deshalb mit den Chefs bestens zurecht.

Wie inkompetent auch jeder Einzelne war, zusammen waren sie eine hochexplosive Mischung. Jeder steuerte seinen Teil zum Erfolg bei: die freigekauften ARD-Sklaven ihren Haß auf die ehemalige Haftanstalt, die Sackgassenkarrieristen eine vague Ahnung davon wie Radio funktioniert und die Quereinsteiger die Utopie, das es auch ganz anders geht.

Es dauerte keine zwei Jahre und in den Nebelheimen der ARD ging die Angst umher: Wie schafften diese Chaoten und Privatfunker es bloß, soviel Hörer abzugreifen? Die hatten ja noch nicht mal ein Rundfunkorchester geschweige denn eine Horde menschlicher Räuspertasten, genannt Sendeablauftechniker.

Doch die Antwort war ganz einfach: gegen die ARD-Anstalten hätten selbst die Radioamateure der Taubstummenanstalt eine Chance gehabt.

Es dauerte weitere zwei Jahre bis die Schnarchsäcke aus ihrem gebührenfinanzierten Kasinoschlaf erwachten und die einzig vernünftige Antwort parat hatten: Wir kopieren einfach die neuen Sender. Dazu kauften sie die Sklavenmoderatoren von einst zurück, lernten Wörter wie “Verpackung“, “Teaser“, “Preselling“ oder “Linercard“ statt Schmierzettel. Schon bald hörte sich Zauselwelle Zwei genauso an wie Hitradio 0815.

Da wiederum ging den Werbefunkern die Lizenz auf Grundeis und es war Schluß mit lustigem Chaotenfunk, denn der Besitzer des Ammerländer Volksfreundes fand es gar nicht witzig, daß die Werbeeinnahmen dahinschwanden.

Und hier beginnt der eigentliche Niedergang des gesamten Radios. 75 Jahre lang hatte dieses Medium alles verkraftet, hatte trotz aller Widrigkeiten noch immer Inseln der zivilisierten Unterhaltung und Information geboten. Die Radiokultur hatte den Nationalsozialismus überlebt, die DDR, die ARD, RSH und die Grippewelle Hamm.

Doch nun wurde das Ende eingeläutet:

Es fing ganz harmlos an mit sogenannten Beratern, meistens Bayern mit englischen Vornamen oder sogar Holländern. Berüchtigt wurden sie unter dem Namen “Formatfaschisten“. Ihr Glaubensbekenntnis hieß: Radio kann nicht bescheuert genug sein. Und der Weg dorthin lautete: Mach nix Neues, wenn Du auch etwas wiederholen kannst. Zuerst traf es die Musik, der Bestand wurde radikal auf 400 Titel gekürzt. Dann die Moderationen, der Wortschatz der Witzfigur am Mikrophon durfte aus maximal 25 falsch ausgesprochenen Stammelbegriffen bestehen, z.B. “Megahit“, “superaktuell“ oder “superaktueller Megahit“. Als Ansager beim Autoscooter wären sie mit dem beschränkten Vokabular rausgeflogen. Die Formatfaschisten prügelten jedes aufmodulierte Nutzsignal in ihre Formatuhr, damit auf jeden Fall nix Neues passiert.

Weil jeder Dreijährige diese gequirlte Kinderkacke sofort durchschaut hätte, gaben sie dem ganzen Scheißdreck einen Anstrich von Seriosität, den nannten sie “Research“. Dazu sperrten sie fünf Hausfrauen zwischen 14 und 29 in ein dunkles Loch und befeuerten sie mit 10 Sekunden – Schnipseln bekannter Popmusik. Immer wenn eine der fünf zuckte, flog der Titel raus. Einmal hatte sich eine Wespe in eins der Research-Löcher verirrt, darufhin mußte der Auftragssender vier Wochen lang sein Programm mit drei Titeln bestreiten. Denn die Research ist heilig, da gabs nix dranrumzukritteln.

Eigentlich waren die Formatfaschisten jetzt am Ziel: der nichtssagende Einheitsbrei aus Doofmanngedudel und Gejingel war perfekt. Und weil die Schurken fast alle Sender Deutschlands gleichzeitig überfallen hatten, gab es für den Hörer auch keine Alternative. Notgedrungen ließ er das Radio unter der Aufmerksamkeitsschwelle weiterdudeln. Die ARD-Sender waren mittlerweile so schlau geworden, daß sie diese Attacke der Privaten sofort kopierten und auch die Formatfaschos mit Millionenbeträgen ihre Programme auf Linie ziehen ließen.

Es war die Mitte der Neunziger Jahre. Alle Resthirnbesitzer in den Radiobuden waren mittlerweile der Meinung:schlimmer kanns nich mehr kommen. Doch die Formatfaschos brauchten wieder Aufträge, also dachten sie sich die nächste Stufe des Wahnsinns aus:

Die MorningShow.

Wer bisher an einen fortschreitenden Prozeß der Zivilisation in der Geschichte der Menschheit geglaubt hatte, wurde nun eines Besseren belehrt.

Fast jeder Privatsender konzentrierte das gesamte in ihm versammelte Böse auf drei bis vier Stunden Sendezeit am frühen Morgen. Der Morgenmän, der Sidekick, das Wetterfötzchen, die Verkehrsbiene direkt aus dem ADAC-Hubschrauber im Funkhauskeller. Diese Hominidenbrut quirlte einen Aufguß aus albernem Blödsinn, Gewinnspielchen und Witzeleien zusammen, der so unterirdisch war und ist, daß sich dem Chronisten vor Ekel der Mund verschließt. Ähnlich wie Joseph Goebbels waren sie der Meinung, daß Blödsinn schreiend vorgetragen gern als Wahrheit akzeptiert wird. Allerdings hatten diese Bürschchen natürlich nicht sein Format.

Die Landesmedienanstalten allerdings konnten sich freuen, denn erstmals stieg der Wortanteil wieder im Privatradio. Als Hörer wünschte man sich allerdings, die rumänische Zungenfäule grassiere unter den Morgenmäns dieser Republik, gern mit tödlichem Ausgang.

Auch bei den Mitarbeitern hatte sich einiges getan. Wer seiner Zeit hoffnungsfroh aus der ARD hinüberwechselte, mußte erkennen, daß Scheiße durchaus in mehreren Farben existierte. Wer konnte, wechselte zurück und legte sich irgendwo beim NDR oder WDR an die Heizung. Andere blieben im Hottentottenfunk, gründeten Betriebsräte, damit sie zeitweise aus den Großraumbüros fliehen konnten. Wieder andere gingen ganz, lernten was Anständiges wie Katzenschlachter oder Pförtner im Hühnerpuff.

Es blieben vor allem zwei Gruppen.

In der einen war man jünger als 25 und dementsprechend korrumpierbar durch Cabrios und VIP-Karten.

In der anderen Gruppe war man entweder abgebrüht oder tatsächlich so böse. Der Einfachheit halber nenn ich die Gruppe mal die BÖSEN.

Die BÖSEN hatten das Credo der Formatfaschisten in diversen Wüstencamps in sich aufgesogen. Sie waren zu allem bereit: sie moderierten nackt vorm Mikrophon, ließen Hörer ihr eigens Badezimmer zertrümmern oder spielten DJ Bobo, ihnen war alles scheißegal. Sie hatten sich mit dem System arrangiert und profitierten davon.

Doch für jeden Kollaborateur kommt auch einmal die Stunde der Wahrheit.

Mittlerweile waren die Restinhalte des Programms so dermaßen austauschbar und farblos geworden, daß selbst die zusammengeschrumpften Hirne der Morgenmäns unterfordert waren. Zudem hatte die Technik große Fortschritte gemacht: das Format kann sich heute selber senden, es braucht seine Knechte nicht mehr. Denn in einem ist der Computer jedem Menschen voraus: Konsequent den selben Scheiß runterleiern kann er viel besser.

Und so schleichen im neuen Jahrtausend die Wortgespenster für ein paar Stunden pro Woche an ihren Aufnahmerechner, labern hundert bedeutungsschwere Sätze wie “Und jetzt wieder einen Superhit am Stück“ auf die Festplatte, ja und dann dürfen sie wieder in ihre Plattenbude zurück.

Der Formatrechner puzzelt aus dem ganzen Mist ein 24-Stunden-Non-Stop-Schleim und was der Schönste ist: der Hörer merkt überhaupt keinen Unterschied.

Jahrelang wurde er konsequent gegen jede Spontaneität und Originalität desensibilisiert, sodaß ihm alles genauso wie früher erscheint.

Endlich: das Kriegsziel der Formatfaschos ist erreicht: keine Menschenseele mehr aufm Flur, nur noch die Formatverwalter, die Radio ja sowieso hassen und froh sind, endlich unter sich zu sein.

Was kann da noch kommen? Schon bald kann man Radioempfänger kaufen, in denen die Sender schon drin sind.

Ganz Hitradio sowieso mit allem was es je zu sagen hätte paßt auf einen daumennagelgroßen Chip.

Seine komplette Vergangenheit und Zukunft ist schon im Gerät gespeichert und der Zufallsgenerator quirlt den besten Mix aller Zeiten so perfekt durcheinander, daß die unschuldigen Hörer immer noch glauben: irgendwo in einem Studio sitzt nachts ein Mensch allein und spricht zu anderen anonymen Nachteulen da draußen, sozusagen von Mensch zu Mensch.

Alles Lüge, alles längst Folklore.

Ich wünsche noch einen heiteren Abend in der virtuellen Welt.

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