Peter Urban: Die Zeiten von Moderations-Schablonen und Klischees sind überholt

In einer weiteren Folge unserer Serie „Radio Legenden“ kommt heute mit Peter Urban die höchste Pop-Instanz in der norddeutschen Hörfunkwelt zu Wort. Der gebürtige Osnabrücker studierte an der Universität Hamburg Anglistik, Soziologie und Geschichte auf Lehramt. Nach dem Studium promovierte er im Jahr 1977 mit einer Arbeit über die Texte anglo-amerikanischer Populärmusik (Buchtitel: „Rollende Worte – Die Poesie des Rock“).

Peter Urban (Bild: © NDR/Christian Spielmann)

Seit 1974 arbeitet Peter Urban für den Norddeutschen Rundfunk (NDR). Darüber hinaus verwirklichte er diverse Musikprojekte als Rockmusiker und Komponist, darunter seine noch immer aktive Kultband Bad News Reunion oder das Album „Götz George liest Charles Bukowski“ (1978). Seit dem Jahr 1988 ist Urban Redakteur und Moderator der Musikredaktion des NDR.

Trotz des zwischenzeitlichen Eintritts in den Ruhestand arbeitet der ausgewiesene Musikexperte auch heute weiter für seinen Heimatsender und übernahm im September 2016 bei NDR 2 im Abendprogramm das Musikspecial „Peter Urban Show“. Seit 1997 kommentiert er den Eurovision Song Contest im deutschen Fernsehen.


Im RADIOSZENE-Interview spricht Peter Urban unter anderem über seine Karriere sowie die aktuellen Entwicklungen im Radio und in der Popmusik.

RADIOSZENE: Herr Urban, Sie wirken in Ihren Sendungen auch nach über 40 Jahren am Mikrofon  weiter frisch und engagiert wie ehedem, wie halten Sie sich fit?

Peter Urban (Bild: © NDR)

Peter Urban: Viel neue Musik hören, sich treu bleiben, nicht versuchen, sich irgendwem und irgendwas anzupassen, immer in Übung bleiben und weitermachen.

RADIOSZENE: Über welche Pfade sind Sie damals zum Radio gekommen?

Peter Urban: Ich habe schon immer viel Radio gehört, habe Klaus Wellershaus vom NDR einen Hörerbrief geschrieben. Er antwortete und lud mich in eine Sendung ein – das war der Start.

RADIOSZENE: Welche Musik hat Sie in jungen Jahren geprägt, von welchen Sendern und Moderatoren wurden Sie beeinflusst?

Peter Urban: Natürlich Beatles, Stones, Who, Kinks, Dylan, Joni Mitchell, Byrds, dazu Blues und Soul, besonders Aretha Franklin, Otis Redding etc. Ich hörte schon als Schüler und Student britische Piratensender, vor allem Radio London mit John Peel, in Deutschland dazu viel den BFBS, der BBC Shows ausstrahlte und deutsche Sender wie Radio Bremen – mit Manfred Mille oder Siegfried Schmidt-Joos – und natürlich NDR 2 mit Klaus Wellershaus.

RADIOSZENE: Gab es für Sie damals beim NDR so etwas wie einen Lehrmeister oder Mentor?

Peter Urban: Eben der erwähnte Klaus Wellershaus, der vielfältige Musik mit Geschmack, Intelligenz und einem Gefühl für Qualität anbot – ohne Schranken.

Peter Urban im NDR-Studio in den 80er Jahren (Bild: ©NDR)

RADIOSZENE: Welche Musik steht im Hause Peter Urban heute weit vorne im Plattenregal?

Peter Urban: Ich habe noch rund 2.500 Vinylplatten – es waren mal 12.000, dazu viele CDs. Ich höre meist aus praktischen Gründen CDs, im Sender auch digital. Zuhause höre ich meist Neuerscheinungen, um für die Sendungen auf dem Laufenden zu sein, mein privater Geschmack ist weit gefächert – von Singer-Songwritern zu Soul, Jazz, Afrobeat, alt und neu …

 „Das Popradio von heute ist einfach kein Rockradio“

RADIOSZENE: Welche Alben von Künstlern aus der Gegenwart haben Sie zuletzt beeindruckt?

Peter Urban: Alles von Laura Marling und Anna Ternheim, und Gisbert zu Knyphausens neues Album ist sehr bewegend.

RADIOSZENE: Kann die Popmusik sich überhaupt noch neu erfinden? Es gibt Stimmen, die behaupten, dass beim Songwriting eigentlich schon alles komponiert sei, alles was jetzt komme klinge wie schon einmal gehört …

Peter Urban Ender der 80er (Bild: ©NDR)

Peter Urban: Nein, aber es gibt immer wieder ungehörte Melodien, Grooves, Akkordverbindungen, Riffs und die Worte dazu.

RADIOSZENE: „Rock“ ist ein Genre, das aus den Musikabläufen vieler Massen-attraktiver Radiosender immer mehr verschwindet – weniger aus mangelndem Interesse seitens der Hörer, eher weil sich nur noch wenige generationsübergreifende neue Rock Songs durchsetzen. Hat die Rockmusik eine kreative Delle?

Peter Urban: Nein, überhaupt nicht es gibt unendlich viele Stile, Facetten, Bands von  Foo Fighters zu Calexico, von War on Drugs zu The National oder Kings Of Leon – das Popradio von heute ist einfach kein Rockradio.

RADIOSZENE: Wie bewerten Sie überhaupt die Entwicklung der Musik in den letzten Jahren? Sterben die  großen Künstlerpersönlichkeiten langsam aus – zu Lasten von sich immer schneller drehenden Casting-Modellen?

Peter Urban: Was für eine Frage? Es gibt sehr viele überragende Persönlichkeiten in allen Bereichen – und Casting-Künstler (oder Opfer?) haben mit der Entwicklung von Popmusik gar nichts zu tun!

RADIOSZENE: Die Anteile deutscher/deutschsprachiger Musik haben in den letzten Jahren in den Charts, aber auch bei zahlreichen Radioprogrammen wie NDR 2 kontinuierlich zugelegt. Allerdings folgen nicht alle Sender diesem Beispiel, spielen deutschsprachiges eher in geringer Frequenz. Können Sie sich die Entwicklung erklären? Schließlich ist die Qualität deutscher Musik immer weiter gestiegen – und man beraubt das Publikum mit allgemein verständlichen Texten einer wichtigen Dimension beim Musikgenuss …

Peter Urban: Ich finde gut, dass so viele deutschsprachige Künstler gesendet werden, auch wenn die musikalische und textliche Originalität, Qualität und Tiefe manchmal zu wünschen lässt.

RADIOSZENE: Ein zeitlos erfolgreiches Genre beim Publikum sind die Singer Songwriter. Wie erklären Sie deren Erfolg? Welche weiteren Genres sehen Sie derzeit ebenfalls vorne?

Peter Urban: Weil hier Gefühle ausgedrückt werden, Menschen berührt werden … und natürlich tut sich auf dem Gebiet des R&B mit Ausflügen zu Hip Hop bis Jazz sehr viel.

„Casting-Künstler haben mit der Entwicklung von Popmusik gar nichts zu tun“

RADIOSZENE: Beim Norddeutschen Rundfunk sind Sie seit über 40 Jahren aktiv, moderierten bei NDR 2 zahllose Musikspecials wie jetzt die „Peter Urban Show“. Wie wichtig sind Radiosendungen mit musikredaktionellem Tiefgang und Hintergrund?

Peter Urban: Genaue Quoten werden abends nicht erhoben, aber viele Leute nutzen die Gelegenheit neue Songs, Künstler und Alben kennenzulernen – das macht ja auch Sinn, sonst überlassen wir die Entdeckung neuer Musik bald den Streamingdiensten oder YouTube.

Peter Urban (Bild: ©NDR)

RADIOSZENE: Das deutsche Radio hat mit seiner starken Fokussierung auf Format solche Sendeformen lange Jahre vernachlässigt oder ganz eingestellt. Bei den Privatsendern – aber auch bei einigen ARD-Programmen – sind unter dem Strich heute weniger Musikspezial-Sendungen aus dem Pop-Bereich zu hören … dagegen setzen immer mehr Sender eher auf punktuelle Musikbeiträge verteilt über den ganzen Tag. Die bessere Strategie?

Peter Urban: Musikspecials nehmen wieder zu, siehe WDR 2 oder Bayern 1 – und abends ist auch die richtige Zeit dafür. Dazu halte ich musikredaktionelle Infos und Beiträge im Tagesprogramm auch für sinnvoll, deren Relevanz beim Publikum wird manchmal unterschätzt. Die Menschen lassen sich gerne etwas von jemandem erzählen, der Bescheid weiß – und authentisch ist.

RADIOSZENE: Hand auf Herz: haben Sie in Ihrer Zeit beim Radio jemals ein Moderations-Coaching durchlaufen?

Peter Urban: Nein, das gab es damals nicht – die Zeiten von Moderations-Schablonen und Klischees sind auch überholt.

RADIOSZENE: Fehlt es dem Radio generell an Moderatoren mit Strahlkraft? Zuletzt wurde ja selbst aus Reihen der Privatsender der Ruf lauter nach mehr Persönlichkeiten mit Ecken und Kanten am  Mikrofon …

Peter Urban: Genau so ist es – und die herausstechen besitzen immer Persönlichkeit und Ausstrahlung.

RADIOSZENE: Sie waren in 1970er Jahren auch mit Ihrer damaligen Band Bad New Reunion als Keyboarder aktiv, eine Formation, die zumindest im Norden einen großen Stellenwert besaß. Inwieweit haben Sie später als Musikredakteur vom gelebten Praxiswissen als Musiker profitiert? Sollten die Verantwortlichen heute nicht verstärkt Musiker an die Mikrofone holen?

Peter Urban: Das hat sicher geholfen, ist aber wirklich keine Bedingung, um gute Sendungen zu machen – ein Verständnis und Gefühl für Musik allerdings schon. Übrigens gibt es Bad News Reunion immer noch, das jüngste Album „Lost & Found“ kam 2015 heraus, das nächste Konzert ist am 1. Juni 2018 in der Hamburger FABRIK.

„Die Menschen lassen sich gerne etwas von jemanden erzählen, der Bescheid weiß und authentisch ist“

RADIOSZENE: Über viele Jahre haben Sie den „Eurovision Song Contest“ im Fernsehen kommentiert. Wie bewerten Sie die Entwicklung des Wettbewerbs – ein Musikmanager hat ihn jüngst wie folgt beschrieben: „Im Grunde ein ‚Groß-Casting‘ auf europäischer Bühne. Musik ist das Schmiermittel damit die Maschine läuft, es könnten sich auch Zirkusartisten oder Zauberer zur Abstimmung stellen!“. Hat er recht – rückt die Musik in den Hintergrund?

Peter Urban: Totaler Unsinn, im Gegenteil, schauen Sie sich den Contest von 2017 an mit einem außergewöhnlichen höchst musikalischem Sieger aus Portugal!

RADIOSZENE: Die inländischen Teilnehmer am ESC waren zuletzt nur mäßig erfolgreich. Treffen die deutschen Produzenten nicht mehr den Nerv des internationalen Publikums?

Peter Urban: Ich glaube manche haben immer noch ein falsches Bild vom ESC, es fehlt bei potentiellen Kandidaten oft der Mut. Wäre 2015 in Wien Andreas Kümmert für uns angetreten, würden wir heute nicht von einer „Krise“ reden – aber ich denke das neue Auswahl-Format mit internationaler Beteiligung bei Jury und beratendem Panel wird ein besseres Ergebnis bringen, wobei natürlich sehr viel an der Auswahl eines berührenden packenden Songs hängt – er kann ruhig anecken und polarisieren, Hauptsache er fällt auf.

Peter Urban beim European Song Contest ESC (Bild: ©NDR)

RADIOSZENE: Wie ist es um Ihren privaten Medienkonsum bestellt? Eher Radio oder TV?

Peter Urban: Eher TV, viel Fussball und anderer Sport, dazu Serien, Filme und Talks.

RADIOSZENE: Was macht das Radio heute besser als zu Ihren Anfängen, was vermissen Sie, was würden Sie ändern?

Peter Urban: Die Frage ist nicht pauschal zu beantworten, dazu gibt es in der gesamten Medienwelt ein viel größeres Angebot, um Vergleiche zu früher zu ziehen. Und es gibt, selbst in Deutschland, viele unterschiedliche Sender – da gibt es keine allgemeinen Antworten. Radio ist gut, wenn es aktuell, schnell, informativ und nicht langweilig ist.

RADIOSZENE: Haben Sie eine Vision wie sich der Hörfunk in den nächsten Jahren entwickeln wird?

Peter Urban: Ich hätte die Hoffnung, dass die ARD Möglichkeiten, Potentiale, digitale Frequenzen, Onlinekapazitäten und  Knowhow, die vorhanden sind, nutzen kann – ohne durch Staatsverträge sowie gesetzliche und juristische Zwänge gelähmt zu sein. Immerhin haben die Kunden ja schon ihren Beitrag geleistet und könnten dafür weitaus mehr bekommen, als Ihnen heute geboten wird.