Viktor Worms: Mein Auto kann sprechen!

Veröffentlicht am 07. Dez. 2017 von unter Standpunkte

Viktor Worms„Die Psychoakustik ist ein Teilgebiet der Psychophysik. Sie befasst sich mit der Beschreibung des Zusammenhangs der menschlichen Empfindung von Schall als Hörereignis und mit dessen physikalischen Schallfeldgrößen.“ Wikipedia 2017

So, allen, die nicht jetzt schon vertrieben sind, folgende Frage:

Habt Ihr Euch schon mal damit beschäftigt, warum Euer Auto-Blinker Geräusche macht? Oder warum der Mann in der VW Werbung „Volkswagen – Das Auto“ vor ein paar Jahren anders klang als heute? Warum die Tonfolge der Lufthansa „da, ta, ta daaa“ so und nicht anders ist und was sie mit „Fliegen“ zu tun hat?

Nimmt der Antenne Bayern-Hörer bewußt wahr, dass in fast allen Jingles der Dreiklang der historischen Bayern-Hymne, „Gott mit Dir, Du Land der Bayern“, versteckt ist, die jeder Freistaatler im Kindergarten lernt?

Was sagt uns das Geräusch einer zufallenden Autotür und wie beeinflusst es unsere Kaufentscheidung? Kommt das „Blinkerklicken“ oder dieser „Plopp“ vielleicht gar nicht vom Blinken oder Zuknallen, sondern vielleicht aus einem Mini-Lautsprecher? Meistens ja! Warum machen die das?

Es gibt tatsächlich Menschen, die beschäftigen sich mit Psycho-Akustik und wie Stimmen, Töne und Geräusche unser Denken, Handeln und Kaufen beeinflussen, warum wir die eine Stimme oder Stimmlage mit Tütensuppen und die andere automatisch mit Fernreisen verbinden. Ich gebe zu, ich habe mich nach über 30 Jahren als Moderator, Programmdirektor und Coach mit diesen Fragen bewußt so nie beschäftigt (ausser mit der Tonfolge der Bayernhymne). Jetzt tue ich es.

Vor ein paar Jahren hörte ich einen Vortrag von Carl-Frank Westermann, Gründer des „Masterstudiengangs Soundstudies“ an der Universität der Künste in Berlin und Berater von Unternehmen wie Lufthansa, VW, Allianz und vielen mehr. Tatsächlich hat er meine Sinne für Akustik, Stimmen, Geräusche in völlig neue Bahnen gelenkt und seit wir gemeinsam für verschiedene Radio- und TV-Stationen tätig sind auch die Art, wie ich mich mit Moderationen (auch meinen eigenen) beschäftige. Ich frage nicht mehr nach Sekunden und Minuten, ich zähle keine Versprecher mehr (außer da übertreibt`s einer) und versuche Programmchefs und Moderatoren davon zu überzeugen, dass jeder Satz in jeder Minute unabhängig vom Inhalten Botschaften aussendet, von denen die Absender selber oft nichts wissen. OK, wenn schon Ed Sheeran, Madonna und Helene Fischer nun mal überall gleich klingen und Max Giesinger, Mark Forster und Vincent Weiss die meisten unserer Hörer eh nicht auseinanderhalten können und auch keiner weiß, wer war das jetzt mit dem „besten Mix“ und den „größten Hits“ oder dem mehr oder weniger begabten „Jogi-Imitator“, dann müssen wir uns mit dem „Wie“ beschäftigen. Wie reden wir eigentlich miteinander?

Schon mal erlebt?

„Wie redest Du denn mit mir?“
„Ich habe doch gar nix gesagt!“
„Ja, aber Dein Ton!“

Wir alle reagieren im Unterbewusstsein auf „den Ton“ viel emotionaler als auf Inhalte. Denn im wahrsten Sinne des Wortes macht der Ton, seine Haltung und Bedeutung die dahinter steht, die Musik. Und Musik ist hier gleich Überzeugungskraft.

Ich musste auch lernen, wenn wir sagen „Irgendwo habe ich den oder die schon mal gesehen“, dann ist es in Wahrheit fast immer „Irgendwo habe ich den oder die schon mal gehört“. Das Gesicht haben wir vergessen, den Klang der Stimme eben nicht.

Wir glauben, wir sind Augenmenschen, de facto sind wir Ohrenmenschen. Und wenn Dein Sender zu wenig Frauen anspricht oder seine Zielgruppe nicht mehr trifft, dann kann’s an der Musik liegen, ist aber wahrscheinlich der falsche Ton, die nicht reflektierte Haltung, die vermittelt wird.

Wenn ich heute an „Verpackungen“ herangehe oder Airchecks mache, ja die Länge, ja der Slogan, ja der Inhalt, dann geht’s erstmal um den Klang und was er in Zielgruppen anrichtet. Beschäftigt Euch mit Fragen der Psycho-Akustik! Es hat seinen Grund, dass es massenhaft große TV-Moderatoren gibt, die vom Radio kommen aber kaum Fernsehgesichter, die’s anschließend im Hörfunk geschafft haben. Durch den richtigen Ton emotionale Wirkung zu erzeugen, ist hochkomplex, verlangt Talent, Ausbildung und Training.

Es kann eben doch nicht jedes Auto sprechen und deshalb:

Seid stolz drauf, was Ihr könnt! Wir hören uns!

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