Voicetracking: Für Radio ungeeignet?

Radio-Mikro und Kopfhörer (Bild: ©123RF/aleksanderdn)

“Was halten Sie von Voicetracking?” ertönte eine Stimme aus der Fragerunde nach meiner Präsentation. Diese Frage stellte ein Herr, der ein T-Shirt trug. Es war schwarz und vorne mit einem Community Radio Logo bedruckt. Hinten erstrahlte in schreienden weißen Großbuchstaben “CORPORATE RADIO STILL SUCKS”, was in etwa gleichzusetzen ist mit “Privatradio ist immer noch Scheiße!”

Voicetracking hat einen schlechten Ruf – und ich weiß auch warum. In vielen Fällen wird es genutzt, um begabte Moderatoren aus Radiostationen zu entfernen und Livesendungen zu vermeiden. Viele Leute haben also das Gefühl, dass diese Vorgehensweise all das zerstört, was vor zwanzig oder dreißig Jahren so toll am Radio war.

In dem Land, in dem ich mich gerade aufhielt – in Neuseeland – ist die Abneigung gegen Voicetracking ungebremst. Das verheerende Erdbeben in Christchurch vor sechs Jahren wurde von einigen Privatradios (!) begleitet, die stur im Automatikmodus weitersendeten. Das Beben verursachte schwere Schäden – aber einige Radiostationen schafften es nicht, von ihren fröhlich klingenden Voicetracking-DJs zu Liveprogramm zu wechseln – und so erklangen sie, als wäre nichts gewesen.

Voicetracking: Für Radio ungeeignet? (Bild: ©123RF/aleksanderdn)

Voicetracking ist also schlecht und die Sender sollten live und lokal erklingen, sollte man meinen. Aber da bin ich mir nicht so sicher. Wie so Vieles kann auch Voice-Tracking passend oder unpassend angewendet werden. Sinnvoll verwendet, kann eine Sendung mittels Voicetracking schnell ausgestrahlt werden. Der Moderator muss nicht extra ins Büro oder Studio fahren. Mit einem iPhone und Fernzugriff kann wertvolle Information von überall wesentlich schneller an den Mann oder die Frau gebracht werden.

Passend genutzt, kann Voicetracking sicherstellen, dass großartige ModeratorInnen hervorragende Sendungen produzieren können, weil sie keine Unterbrechung durch Werbung fürchten oder drei Musiktitel hintereinander abwarten müssen.

Richtig eingesetzt, ermöglicht Voicetracking die optimale Verbreitung wichtiger Inhalte – manchmal auch mit Wiederholungen in Krisenzeiten. Von der Wiederholung der besten Morgenshow-Höhepunkte bis hin zu wiederholten Polizeihinweisen – Voicetracking kann das Beste aus Radio und seinen Talenten herausholen.

Schlecht verwendet, kann Automation und Voicetracking Radiokrümel produzieren, ohne sich um seine Hörer zu scheren. Andererseits: Wenn wir es nicht einmal versuchen, kann uns das auch genauso live passieren.

In vielen Fällen würde ich sogar sagen, dass Radiosender öfter mit Voice Tracking arbeiten sollten. “Bequemlichkeit ist Trumpf” ist schnell dahingesagt, aber in einer Welt, in der es so toll produzierte Podcasts wie den The Daily der New York Times gibt, ist es nur vernünftig, ebenso ausgefeilt(e) Inhalte anzubieten. Genauso wichtig ist es natürlich zu wissen, wie im Krisenfall oder bei Unglücken mit Voice-Tracking umzugehen und Beschaffung neuen Sendematerials von irgenwo möglich ist. Darauf kommt’s an!

Alles in Allem ist Privatradio-Bashing deswegen schlecht. Sicherlich machen Privatsender Vieles falsch – aber Voicetracking gehört wahrscheinlich nicht dazu!


Der “Radio-Futurologe” James Cridland beschäftigt sich mit neuen Plattformen und Technologien und ihre Wirkung auf die weltweite Radiobranche. Er spricht auf Radio-Kongressen über die Zukunft des Radios, schreibt regelmäßig für Fachmagazine und berät eine Vielzahl von Radiosendern immer mit dem Ziel, dass Radio auch in Zukunft noch relevant bleibt. Sein wöchentlicher Newsletter (in Englisch) beinhaltet wertvolle Links, News und Meinungen für Radiomacher und kann hier kostenlos bestellt werden: james.cridland.net.