Was macht eigentlich Ö3-Radiolegende Rudi Klausnitzer?

Veröffentlicht am 26. Sep. 2017 von unter Deutschland, Österreich

Ö3-Logo von 1967Was waren das damals „goldene“ Radiozeiten, die 1970er Jahre. Das Medium erfand sich in diesem Jahrzehnt mit den neu eingeführten „Servicewellen“ gerade neu – und lockte die Hörer scharenweise zurück an die Empfangsgeräte. Vorweg die Österreicher, die mit dem Vorzeigesender Ö3 und dessen erfrischend neuer Programmausrichtung den deutschen ARD-Radios immer einen Tick voraus waren – und in der Tat die erste wirklich öffentlich-rechtliche „Popwelle“ an den Start brachten. Was zum Effekt führte, dass Ö3 in den Grenzregionen auch auf deutscher Seite (soweit dies technisch möglich war) intensiv genutzt wurde.

Rudi Klausnitzer (Bild: ©ORF)

Rudi Klausnitzer (Bild: ©ORF)

Einer der Pioniere und ersten Moderatoren von Ö3 war das Multimedien-Talent Rudi Klausnitzer, der seinerzeit auch bei der Einrichtung der mit täglich rund 2,8 Millionen Hörern meist gehörten Hörfunksendung Österreichs, dem „Ö3 Wecker“, beteiligt war. Mit Klausnitzer als Programmchef erlebte Ö3 von 1979 bis 1985 auch eine der erfolgreichsten Perioden seiner Sendergeschichte.

Mitte der 1980er Jahre verließ Rudi Klausnitzer den Österreichischen Rundfunk und war  als Consultant und Architekt maßgeblich am Aufbau von Radio Hamburg beteiligt. Gemeinsam mit dem früh verstorbenen damaligen Programmchef Rainer Cabanis entwickelte er erstmals im deutschen Privatfunk ein wirklich urbanes Sendekonzept, das in seinen Grundzügen auch heute noch in der Hansestadt on air ist. 1987 wurde Klausnitzer Geschäftsführer und Programmdirektor von Sat.1. 1989 wechselte er in selbiger Funktion zum Sender Premiere in Hamburg. 1992 kehrte er nach Österreich zurück, um die Nachfolge von Peter Weck als Intendant der Vereinigten Bühnen Wien anzutreten. Seit 2007 ist Klausnitzer selbständiger Medienberater und entwickelt mit der in Wien, Hamburg und München ansässigen DMCGROUP Projekte im Bereich Web 2.0 und Social Media sowie Kooperationen mit internationalen Medieneinrichtungen, wie der School of Journalism der Fudan-Universität in Shanghai.


Im RADIOSZENE-Interview spricht Rudi Klausnitzer unter anderem über seine Zeit als Radio-Consultant und die Zukunft des Mediums.

RADIOSZENE: Her Klausnitzer, wie sind Sie damals zum ORF gekommen?

Rudi Klausnitzer (Bild: ©ORF)

Rudi Klausnitzer (Bild: ©ORF)

Rudi Klausnitzer: Ich hab bei Schülerdiskussionen im Radio mitgemacht und mich dann mit einem Demo, in dem ich eine Sendung namens “Ö3-Wecker” vorgeschlagen habe, beworben. Die Sendung gibt es übrigens heute noch.

RADIOSZENE: War der ORF seinerzeit noch „öffentlich-rechtlicher“ als heute?

Rudi Klausnitzer: Ja sicher, aber Ö3 produzierte schon damals eher wie ein Privatsender und hatte auch ähnliche, heute würde man sagen, “agile” Strukturen. Wir mussten aber damals weniger auf die Quoten schielen als das heute der Fall ist. Die gingen fast von selber hoch. Aber Ö3 ist auch heute noch wirklich toll gemacht.

RADIOSZENE: Sie sind profunder Kenner beider Programmsysteme, inwieweit haben sich öffentlich-rechtliche und private Sender über die Jahre verändert beziehungsweise angenähert?

Rudi Klausnitzer: Beide Systeme sind wichtig und unverzichtbar. Leider haben sich die Öffentlich-Rechtlichen von den Medien und auch der Politik zu sehr in eine Quotenjagd treiben lassen. Das hat dazu geführt, dass sich die Systeme tatsächlich angenähert haben. Dass das Radioangebot der Öffentlich-Rechtlichen im Laufe der Jahre flexibler und jünger geworden ist, hat es für die Privaten natürlich nicht leichter gemacht.

RADIOSZENE: Sie haben Mitte der 1980er Jahre als erfolgreicher Programmchef von Ö3 den ORF verlassen und gingen als Gründungsberater zu Radio Hamburg. Ein richtiger Schritt? 

Rudi Klausnitzer: Ja unbedingt. Nach fast 10 Jahren Ö3 war es Zeit, mal was anderes zu machen. Hubert Burda hat mich damals nach Hamburg empfohlen und Bernd Schiphorst den Vertrag mit mir ausgehandelt. Einen Privatsender von Null aufzubauen, war eine tolle Challenge.

RADIOSZENE: Mit welchem Ansatz sind Sie damals bei Radio Hamburg angetreten – und wie viel von der damaligen Philosophie ist heute noch beim Hamburger Marktführer zu finden?

Rudi Klausnitzer: Der Ansatz war, der Stadt Hamburg seinen Sender zu geben, einen persönlichen, vertrauten Begleiter durch den Tag, synchron mit dem Lebensgefühl der Stadt. Die Marktführerposition zeigt, dass Radio Hamburg das noch immer so macht wie damals – was heute aber viel schwieriger geworden ist.

RADIOSZENE: Wird „Musik“ im heutigen Radio im Vergleich zu den übrigen Programminhalten überbewertet?

Rudi Klausnitzer: Musik ist nach wie vor wichtig, aber der Kitt, der alles zusammenhält sind die Programminhalte und das Lebensgefühl, das der Sender vermittelt. Das macht Radio stärker als Spotify, ITunes etc. 

RADIOSZENE: Wie wird sich Radio gegen Streamingdienste wie Spotify und Konsorten behaupten?

Rudi Klausnitzer: Da gilt meine Antwort zur vorigen Frage und die Betonung der Begleiterfunktion. Ich will einen Begleiter, der mich auch herausfordert, überrascht, unterhält und informiert – Spotify ist Echokammer! 

RADIOSZENE: Müsste das heutige Radio sich nicht noch mehr auf kuratierte Dienste und Musiksendungen konzentrieren?

Rudi Klausnitzer: Das Schwierigste und Wichtigste ist die Synchronisierung des Publikums. Gehen Sie mal in ein gutes Event oder ein Rockkonzert. Wenn das funktioniert, dann ist das Publikum innerhalb von Minuten synchronisiert, hat eine gleiche Grundstimmung und fühlt sich in dieser zuhause.

RADIOSZENE: Ein Dauerthema im Radio, das war wohl auch schon zu Ihrer Zeit als Ö3-Chef so, ist das Thema nationale Musikquote. Immer wieder werden wie etwa in Frankreich Mindesteinsätze für inländische Musik gefordert …  

Rudi Klausnitzer: Ich bin gegen Quote, aber für Fördermaßnahmen. Alle Sender, aber in jedem Fall die Öffentlich-Rechtlichen sollten verpflichtet sein, regelmäßige Fördermaßnahmen wie Nachwuchswettbewerbe etc. zu machen, aber keine Quote!

„Dass Consultants die Musikprogrammierung festlegen halte ich für eine Fehlentwicklung“

RADIOSZENE: Die Rolle der heutigen Radioberater wird immer wieder kritisch hinterfragt. In welcher Form sind Consultans hilfreich, wo sollte ihr Einfluss enden?

Rudi Klausnitzer: Zu Recht kritisch hinterfragt. Dass Radio-Consultants Musikprogrammierung und Programminhalte festlegen also das Lebensgefühl des Senders lenken – und das zentral aus dem Beratungskoffer gleich für viele Sender, halte ich für eine Fehlentwicklung. Berater können die Landkarte zeigen und Sparrings-Partner sein. Aber den Kurs muss der Programmchef festlegen und auch halten – und wenn er das nicht kann oder will, dann braucht man einen anderen!

RADIOSZENE: Nach Ihrer Zeit als Radio Consultant sind Sie zum Fernsehen gewechselt – haben Sat1 als Programmchef geführt und das damalige Premiere aufgebaut. Welche Chancen hat das Radio künftig gegen das Fernsehen? Zumindest bei den Werbeeinnahmen ist der Hörfunk hoffnungslos unterlegen …

Rudi Klausnitzer: Radio ist und bleibt eine eigene Mediengattung, deren Position sich aber natürlich ständig ändert. Um wettbewerbsfähig zu bleiben, wird man sich in Zukunft wesentlich weniger über den Verbreitungskanal als über die Marke per se definieren müssen. Eine gute Übung dazu ist, sich die Frage zu stellen, wie man überleben könnte, wenn morgen die klassische Radioverbreitung wegfallen würde.

RADIOSZENE: Hat das Radio in der Vergangenheit wichtige Zukunftsthemen und Entwicklungen verschlafen?

Rudi Klausnitzer: Online und die digitale Transformation wurden zu lange unterschätzt. Das Internet wurde zu lange nur als Marketingkanal und nicht als neuer Lebensraum der Menschen gesehen.

RADIOSZENE: Mit welchen Maßnahmen würden Sie den Hörfunk zukunftsfit machen?

Rudi Klausnitzer: Ratschläge dieser Art gebe ich nur meinen Kunden, die sie auch wirklich hören wollen.

RADIOSZENE: Wo sehen Sie das Radio in zehn Jahren?

Rudi Klausnitzer: Die Überlebenden sehe ich als Multi-Channel Content-Marken, für die die klassische Radioverbreitung nur mehr ein kleinerer Teil ihres Revenue-Mixes ist.

Michael Schmich

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