CRO 4 – Radio Wave im RADIOSZENE-Gespräch

Veröffentlicht am 13. Jul. 2006 von unter News, Weltweit

Interview mit Programmdirektor Ladislav Lindner-Kylar

radio waveAm 13. Januar 2006 ist der öffentlich-rechtliche Jugendsender Tschechiens “Radio Wave” auf Sendung gegangen. RADIOSZENE-Redakteur Hendrik Leuker erfuhr im Interview mit Programmdirektor Ladislav Lindner-Kylar mehr Einzelheiten und Hintergründe.

RADIOSZENE: Pläne, mit einem öffentlich-rechtlichen Jugendsender in Tschechien auf Sendung zu gehen, gibt es schon seit längerem. Warum konnten Sie erst am 13. Januar 2006 mit „Radio Wave“ auf Sendung gehen?

Programmdirektor Ladislav Lindner-Kylar

Programmdirektor Ladislav Lindner-Kylar

LINDNER-KYLAR: Die Pläne gibt es bereits seit Ende der 60er Jahre, aber eigentlich gab es erst jetzt die richtige „Sternenkonstellation“. Der heutige Generaldirektor des tschechischen Rundfunks, Herr Václav Kasík, hat anlässlich seines Amtsantritts vor 6 Jahren versprochen, die „Ctyrka“ (den vierten Kanal, sprich CRo 4; Anm. des Verf.) aufzubauen.

Der richtige Moment war der Start von Digitalsendungen, welche die ganze Sache sehr katalysiert hat. Ohne Digitalsendungen konnte es nicht gelingen; genug freie Analogfrequenzen in Tschechien gibt es nicht. Es ist fast alles schon seit Jahren besetzt. Wir sind sehr froh, dass wir überhaupt eine Frequenz bekommen haben. Die musste CR Prag- Región, einem Regionalstudio, weggenommen werden.

Vor dem Anfang der Digitalsendungen wurde von dem Projekt einige Jahre nur im Rahmen von Spekulationen im Sinne von „schön wäre es, wenn“ gesprochen. Einen Versuch des Aufbaus von CRo 4 gab es schon früher in den Neunzigern, noch während der Amtszeit des ehemaligen Generaldirektors Vlastimil Jezek, damals wurde das ganze Projekt gestoppt. Seitdem gab es nur einige Sendungen, aber das ganze Projekte ist eingeschlafen- fehlende Frequenzen, nicht ausreichende Fördermittel, unklare Vorstellungen von der Ausrichtung eines solchen Senders und auch Projekte von höherer Priorität- das alles sind Gründe dafür, warum es erst jetzt dazu gekommen ist.

RADIOSZENE: Wortlastige Sendungen im tschechischen Rundfunk haben eine lange Tradition. Inwiefern bricht Radio Wave damit?

LINDNER-KYLAR: Wenn man ausschließlich Musikprogramme macht (etwa 80 % Musik), dann ist das schon ein Traditionsbruch. So etwas gab es in der Geschichte des Tschechischen Rundfunks nicht, dieses Format ist für diesen Betrieb etwas ganz neues.

Aber wie Herr Jaromir Ostrý, der heutige Programmdirektor des Tschechischen Rundfunks gesagt hat, kommt es zwar auf die Musik an, entscheidend ist jedoch, was gesprochen wird. Das sieht man ganz deutlich. Ursprünglich war das Projekt entstanden, weil es einfach auf dem tschechischen Markt einen Mangel gab, was progressive Formate angeht, bis vor 5 Jahren jedenfalls. Dieses ist durch die Entwicklung der Gesellschaft bedingt, die eine gewisse Zeit brauchte, Abschied von der Last der Vergangenheit zu nehmen, und natürlich auch durch den Generationswechsel bedingt.

Inzwischen sieht es langsam anders aus: die jüngste Generation ist schon fast vergleichbar mit ihren westlichen Altersgenossen. Die Privatsender spüren dieses ebenfalls. Vor 5 Jahren waren Rap und Rock im Radio noch ein Tabu. Jetzt ist es schon anders. In den letzten 2 Jahren sind in Prag zwei neue Rockradios entstanden (Radio Beat und Rockzone; der Verf.). Desweiteren boomt die Hip-Hop-Bewegung. Die Kaufkraft der jüngsten Generation ist ziemlich angestiegen. Das, was von uns vorhergesagt wurde, ist eingetroffen. Niemand im Rundfunk hatte uns geglaubt. Die Musik, die wir immer durchsetzen wollten, wird langsam auch in anderen Radios gespielt. Jetzt müssen wir sehen, wohin die Reise geht. Das gesprochene Wort ist nur einer von verschiedenen Wegen, die wir jetzt gehen können. Als öffentlich-rechtlicher Sender haben wir in der Berichterstattung einige gesetzliche Verpflichtungen einzuhalten (auf sprachliche Korrektheit achten, regionale Berichterstattung, plurales Programmangebot; der Verf.).

Blick in die Redaktion von Radio Wave

Blick in die Redaktion von Radio Wave

RADIOSZENE: Was ist Ihre Zielgruppe? Welche Musik spielen Sie?

LINDNER-KYLAR: Grob gesagt 15-29jährige Hörer. Mehr und mehr zeigt sich aber, dass wir uns auf die Altersgruppe 20-25 orientieren müssen. Die anderen Segmente sind schon relativ gut bedient. Überwiegend sollten es junge aktive Leute mit Interesse an der Musik sein. Teilweise Studenten, weil es in Prag und Umgebung, für die wir als regionaler Sender Programm machen, die höchste Anzahl an Studenten in ganz Tschechien gibt.

Musik bei CRo 4: Von Rock über Hip- Hop, Pop, teilweise Elektronik bis hin zum Folk. Langsam steigen auch Stile wie Reggae, Dancehall, Ska usw. ein. Priorität sind nicht die Charts, eher wollen wir auf Qualität setzen (obwohl natürlich Qualität schwer zu definieren ist. Das überlassen wir Kennern der Szene, Personen unseres Vertrauens). Wir wollen kein Hitradio mit Rotationen auf Hochtouren werden, aber auch kein Undergroundsender, obwohl es bei uns eine gewisse Neigung zu der Undergroundszene schon gibt.

radiowave4

RADIOSZENE: Wie sieht der Radiomarkt in Tschechien aus? Welche Radioformate dominieren den Markt?

LINDNER-KYLAR: Es dominieren Soft AC oder Hot AC-Formate, teilweise auch Melodie/Schlager. Die Lage ist ähnlich wie in Deutschland, nämlich es handelt sich um ein Dual-System mit öffentlich-rechtlichen und privaten Radiosendern.

Es gibt vier landesweite Programme des öffentlich-rechtlichen Senders, Ceský Rozhlas (Tschechischer Rundfunk; der Verf.) , nämlich Cro 1-Radiozurnál- Full Service/Soft AC, dann Cro2-Radio Praha- Variety/Family/Oldies, sodann Cro 3-Vltava –Culture/Classic und Cro 6- Talk / All news. Außerdem zwei landesweite Privatsender mit Soft AC- Format (Impuls, Frekvence 1) sowie einen mit Hot AC-Format (Evropa 2). Radio Wave stellt eines von 12 regionalen Studios des Tschechischen Rundfunks dar, Privatsender gibt es insgesamt 64.

Die öffentlich-rechtlichen Sender werden ausschließlich durch die Agentur „Arbomedia“ (ca. 25 % Marktanteil) betreut. Die Privatsender werden durch „Regie Radio Music“ (35%) und „Marketing Media Services“ (40%) vertreten. Bei den digitalen Sendern handelt es sich noch nicht um einen Markt im eigentlichen Sinne.

Was die Marktanteile angeht, so beträgt das Verhältnis öffentlich-rechtliche Sender und Privatsender 25 : 75 %. Diese werden nach der CATI- Methode in Tschechien ermittelt.

RADIOSZENE: Deutsche Musiker und einige Politiker haben schon einmal eine „Deutschquote“ gefordert. Wie ist das bei Euch? Wieviel Prozent der Musik stammt aus Tschechien, gibt es eine „hausinterne Quote“?

LINDNER-KYLAR: Die hausinterne Quote liegt etwa bei 1/3 einheimischer Musik. Offiziell – im Sinne einer Gesetzesvorschrift- gibt es die nicht. Wir wollen auf drei „Pfeiler“ aufbauen- Rock, Black Music, Pop/Electro. All diese Richtungen erleben momentan in der Tschechischen Republik einen Aufschwung, wobei Dance und Elektronik den Höhepunkt schon überschritten haben. RnB ist bei uns noch nicht richtig eingeschlagen.

RADIOSZENE: Wie bekommt man die vielen verschiedenen Musikstilrichtungen unter einen Hut?

LINDNER-KYLAR: Es gibt zwei Möglichkeiten, wie man diese Richtungen zusammenmischen kann: entweder man macht Block-Sendungen, oder man versucht zwischen ganz unterschiedlichen Titeln, die nicht nacheinander laufen können, „Übergangstracks“ zu spielen, um diese zu trennen. Die zweite Variante versuchen wir bei Radio Wave. Die erste Variante wird vom Prager Kult-Sender Radio 1 (privat; Anm. d. Verf.) seit Jahren betrieben. Wir bauen auf ein tolerantes Publikum, das auf eine Mischung steht.

RADIOSZENE: Wie sieht es mit der Rotation aus, wie oft läuft ein Titel am Tag?

LINDNER-KYLAR: Momentan sind wir bei 3000 Tracks, die digitalisiert worden sind. Unser Archiv wird ständig verbreitert. In den Rotationen laufen etwa 2000 Tracks. Das Rock-Archiv haben wir schwerpunktmäßig fertig gestellt. Momentan wird stark der Hip-Hop-Bereich bearbeitet.

RADIOSZENE: Was halten Sie von Stationen wie JackFM in den USA, die eine Formatierung des Programms ablehnen (“We play what we want”)?

LINDNER-KYLAR: Da kann ich nur sagen „schön wär´s“, aber als öffentlich-rechtlicher Sender können wir uns es nicht leisten, da wir gesetzlichen Verpflichtungen und professionellen Standards Genüge zu leisten haben. Trotzdem nehmen wir uns vor allem in den Abendsendungen gewisse Freiheiten heraus.

RADIOSZENE: Gibt es bestimmte Trends in Tschechien in Richtung Rock, Dance oder RnB, welche heimischen Pogruppen sind im Programm?

LINDNER-KYLAR: Momentan senden bei uns jeden Abend bedeutende Persönlichkeiten aus der Szene; Leute wie Jakub Alexa (auch unser Musikchef), Kay Burianek von Sunshine, Radek Tomásek (Clou) oder Jakub Johanek (100 ° C). DJs wie Abdul52, Hoffee oder Blue. Dabei versuchen wir jede Woche Neuigkeiten aus der lokalen Szene in unsere Charts einzusetzen. Außerdem haben wir in normalen Rotationen Künstler wie November 2nd, Roe-Deer, Tatabojs, Landmine Springs, L´Point, Southpaw, Khoiba, Lenka Dusilova, Support Lesbiens, Ecstasy of St. Theresa, Gaia Mesiah, Skyline, PSH, Indy@ Wich, Orion, Trosky, Bow Wave, Gipsy, Syndrom Snopp, Jizni Pionýri usw.

Aufkleber von Radio Wave

Aufkleber von Radio Wave

RADIOSZENE: Können Sie von Erfahrungen anderer osteuropäischer Jugendstationen profitieren? Wenn ja, inwiefern? Gibt es gar eine Zusammenarbeit mit anderen osteuropäischen Jugendstationen, oder orientiert sich Radio Wave mehr an westlichen Sendern wie Radio 1 (BBC) oder 1Live (WDR)?

LINDNER-KYLAR: Ja, eine Kooperation gibt es schon mit dem slowakischen Radio_FM (Jugendprogramm des öffentlich-rechtlichen slowakischen Rundfunks, der Verf.) , wir senden deren Charts (es gibt viele junge Slowaken, die wegen Jobs oder Studium nach Prag gekommen sind), wir verhandeln über einen weiteren Programmaustausch. Vom Format her sind sie uns sehr ähnlich und sprachlich ist es kein größeres Problem. Wenn wir die Anfangsphase hinter uns haben und alles stabil läuft, möchten wir gerne auch andere Sender ansprechen, deutsche, österreichische Sender und BBC Radio 1 inklusive.

Inspirieren ließen wir uns von mehreren Sendern aus dem Ausland: hauptsächlich nämlich Radio_FM (SK), WDR EinsLive (D), N-Joy (D), MDR Sputnik (D), FM4 (A), BBC Radio1 (UK), BiS (PL)- alle diese Sender wurden bei der Formatierung von Radio Wave in Betracht gezogen. Teilweise wurde unsere Aufmerksamkeit auch auf einige skandinavische Sender und deren Projekten gelenkt (z.B. mP3-Norwegischer Rundfunk usw.).

RADIOSZENE: Auf welchen Frequenzen ist Radio Wave zu hören? Mit welchen Jingles spricht Radio Wave die Zielgruppe an?

LINDNER- KYLAR: Analog sind wir im Raum Prag auf 100,7 MHz zu empfangen (Sender: Praha- Cukrák- 50 kW). Jingles haben wir mehrere. Die meisten enthalten den Claim „Ceský Rozhlas 4- Radio Wave“.

RADIOSZENE: Wie schaut es mit dem Internetstream aus? Gibt es weitere Pläne in Richtung Digitalradio, Podcasting, Visual Radio?

Ein Internetstream ist unter http:// www.rozhlas.cz/radiowave/live abrufbar. Im Digitalradio wird Radio Wave seit Februar diesen Jahres über DVB-T in Prag, Brno (Brünn) und Ostrava (Ostrau) verbreitet. Podcasting soll noch im Sommer 2006 starten. Visual Radio wird vorbereitet.

RADIOSZENE: Die Verbreitung des Signals des öffentlich- rechtlichen Jugendsenders Radio Wave ist laut dem tschechischen Medienrat RRTV illegal und der Rundfunk sollte eine Million Kronen Bußgeld bezahlen. Der Digitalsender nutzt die analoge Frequenz Prag 100,7 MHz / 50 kW, die früher einem Regionalstudio dienten. Dem Medienrat gefällt es nicht, dass der öffentlich- rechtliche Rundfunk ohne Erlaubnis des Rates diesen Sender benutzt. Der Tschechische Rundfunk behauptet, alles sei in Ordnung und will eine Klage erheben. Stimmt das, Herr Kylar?

LINDNER-KYLAR: Lt. Gesetz kann der Generaldirektor des Tschechischen Rundfunks ein Regionalstudio errichten, was auch hier der Fall war. Dafür braucht er eine Genehmigung vom Rundfunkrat, welche er auch bekommen hat. CRo 4- Radio Wave ist ein regionaler Sender für Prag und Mittelböhmen, kein landesweiter Sender, wie der Medienrat behauptet. Das Programm ist auch so konzipiert, dass junge Leute in dieser Region bedient werden (Musik, die in der Altersgruppe in dieser Region gehört wird, regionale Nachrichten in jeder Nachrichtensendung, lokale Club- Infos usw.). Außerdem gibt es die höchste Anzahl an jungen Leuten in dieser Region, weswegen es logisch und sinnvoll war, dass gerade hier ein regionales Studio für junge Leute errichtet wurde. Falls gegen uns wirklich ein Bußgeld verhängt wird, werden wir Klage vor dem Verwaltungsgericht erheben.

Das Rundfunkgebäude des öffentlich- rechtlichen Rundfunks in Vinohradská 12 in Prag

Das Rundfunkgebäude des öffentlich- rechtlichen Rundfunks in Vinohradská 12 in Prag

Letzte Meldung:

Cro4-Radio Wave sendet ab Montag, den 17.07.06 aus einem eigenen Funkhaus in Jeseniova 36 in Praha 3. Das Rundfunkgebäude des öffentlich- rechtlichen Rundfunks in Vinohradská 12 in Praha 2 wird dann verlassen. Das erinnert an das „Outsourcing“ von Ö3 im Jahre 1998.

Das Interview führte unser Mitarbeiter Hendrik Leuker am 23.06.06 mit dem Programmdirektor von Cro4-Radio Wave, Herrn Ladislav Lindner-Kylar, in Prag (Vinohradská 12).

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Radiowave Playlist

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Radio Wave

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