Männer mit Format

Veröffentlicht am 07. Apr. 2006 von unter Schalt-Report

Schaltreport_250So manch einer wird im Laufe seines Lebens unruhig und beginnt – oft gerade noch rechtzeitig -, einen Baum zu pflanzen, ein Buch zu schreiben, ein Kind zu zeugen oder mit ähnlichen Insignien das eigene Leben über den Tod hinaus zu markieren.

Unter US-amerikanischen Beratern und Marktforschern scheint sich derzeit eine weitere Facette diese beliebten Spiels durchzusetzen: das Erfinden – und in weiterer Folge vor allem das versuchte Trademarking – von neuen Radioformaten.

Nach Jack FM™ von Paragon Media („Nobody knows JACK FM™ better than Paragon.“), kam „Rhythm & Gold™“ von Guy Zapoleon („Zapoleon Media Strategies – key architects behind WKTU, Jammin Oldies, and Rhythmic AC’s in Boston and Philadelphia – present the ultimate mix of the best R&B of all time.“), zuletzt reihte sich auch Alan Burns mit der Eigenentwicklung „Movin“ ein („The Movin™ target is that segment of 28-40 year-old women who feel too old for hip-hop, but are bored with rock-based Hot AC and not ready for traditional AC.“)

Alles drei Formate mit klingendem Namen, dem hochgestellten ™ – und bereit zum Lizenzieren. So albern dieses Vermarkten von möglicherweise gar nicht schützenswerten Musikzusammenstellungen für europäische Ohren auch klingen mag, so zeigt es doch einmal mehr, wie unterschiedlich der Begriff „Format“ in den USA und Europa (vor allem Deutschland) verstanden wird.

Während sich in den USA Programmchefs damit brüsken, Erfahrung in der Programmierung verschiedener Formate zu haben und keine Radiozeitschrift ohne die abwechslungsreichsten Formatrubriken auskommt, gibt es in Deutschland nur zwei Varianten:

Formatradio oder nicht Formatradio.

Ersteres wird landläufig meist charakterisiert als ein Programm mit beschnittener Information, unterdrückter Kreativität, verbotener Risikofreude, aber dafür mit Herbert Grönemeyer, Reamonn und Ronan Keating in Dauerrotation.

Ein Missverständnis, dem übrigens auch Neo-Radiomanager Tim Renner (Chef von Motor FM™) unterliegt, wie er in der aktuellen Ausgabe der österreichischen Musikzeitschrift „Sound & Media“ demonstriert: „Formatradio hat keine Zukunft, man muss sich von der Konkurrenz gerade durch sein Musikprogramm absetzen.“ Schöner und präziser kann man den Formatbegriff nicht missverstehen.

Denn gerade das Denken in verschiedenen Formaten hat in den meisten großen Radiomärkten der Welt dazu geführt, dass abwechslungsreiche, sich vom Mitbewerb unterscheidende Programme entstehen. Wo es klare Formate gibt, gibt es auch klare Abgrenzung und meist auch größere Abwechslung. Es wäre doch schön, wenn zumindest innerhalb der Radioszene darüber nachgedacht werden würde, was denn adäquate, definierte Formatkonstellationen für Deutschland und Österreich sind oder in Zukunft sein könnten. Man muss sie ja nicht gleich trademarken und lizenzieren wollen.


Christian Schalt

(Programmdirektor KISS FM Berlin)

Kontakt: http://www.xing.com/hp/Christian_Schalt

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