Broadcast-Monitoring entwickelt sich zum spannenden Geschäftsmodell

Veröffentlicht am 10. Jul. 2017 von unter Musik

MusicTrace-LogoDie Anfänge von Broadcast-Monitor liegen in den 1970er Jahren. Bis dahin verließen sich die Musikschaffenden bei der Einsatzbilanz ihrer Radioeinsätzen auf die mit großem Zeitverzug erscheinenden GEMA-Statistiken oder ließen sich von den Musikredakteuren in den Funkhäusern in den Block diktieren, welche neuen Titel zuletzt gespielt wurden. Ein bisweilen etwas blauäugiges Verfahren – übertrieben die Radiomacher doch oft gerne, wenn es um die Anzahl der tatsächlichen Spielungen ging. Schließlich wurden damals Funkeinsätze für Newcomer oder vielversprechende Neuheiten gelegentlich noch mit allerlei Gefälligkeiten und Geschenken seitens der Musikfirmen belohnt. Und so berichtete mancher Plattenpromoter über vermeintlich hervorragendes Powerplay an die Konzernzentrale – das sich tatsächlich als wahre „Luftnummer“ entpuppte.

Im Jahr 1976 startete das Baden-Badener Unternehmen Media Control mit ersten professionell organisierten Auswertungen von Hörfunksendungen. Mitarbeiterinnen hörten damals die bundesweit mitgeschnittenen Tonbandaufnahmen von Radioprogrammen ab und registrierten so die von der Musikwirtschaft in Auftrag gegebenen Neuerscheinungen. Mit dem neuen Instrument erfuhren die Kunden erstmals zeitnah und zuverlässig über die genauen Sendedaten. Die ersten an die Auftraggeber verschickten Sendereports legten naturgemäß erhebliche Differenzen zwischen den von Media Control berichteten Zahlen und den Angaben der Promoterberichte offen. Nach einer kurzen, aber heftigen Überzeugungsphase fanden die neuen Airplay-Reports rasch Einzug ins Tagesgeschäft der Plattenbranche. Mit dem stürmischen Wachstum des Musikmarktes in den 1980er Jahren stieg auch die Bedeutung der Airplay-Auswertungen – vorübergehend waren die Radioeinsätze (wie beim amerikanischen Chart-System) sogar Gewichtungsfaktoren bei der Ermittlung der offiziellen Top 100 Singlecharts. Für die Marktforscher von Media Control ein einträglicher Geschäftszweig. Dort waren die Auswerterinnen zwischenzeitlich in Folge eines stark angewachsenen Senderpanels – der Privatfunk hatte sich gerade etabliert – und immer mehr zu beobachtender Titel einer volltechnisierten „Fingerprint“-Auswertungsmethode aus dem Hause der Bundeswehruniversität Hamburg gewichen. Die Baden-Badener Auswertungsspezialisten waren zu dieser Zeit europaweit nahezu konkurrenzlos und exportierten ihr Verfahren in benachbarte Märkte wie Frankreich, Großbritannien, Österreich und die Schweiz.

Mitte des letzten Jahrzehnts veräußerte Media Control seine Rundfunküberwachung an den weltweiten Mitbewerber Nielsen, der den Geschäftszweig als Nielsen Music Control global weiterführte. Nahezu zeitgleich trat mit MusicTrace ein erster Konkurrent in den deutschen Markt ein. Der neue Player sah vor allem in der Mitbewerberanalyse der zahlreichen Hörfunksendern weiteres Marktpotential. Ein guter Ansatz! Die Radiomacher vertrauten damals schon lange nicht mehr ausschließlich den reinen bundesweiten Verkaufscharts – sie schauen zunächst eher auf die Entwicklungen im regionalen Airplay-Bereich.

Mit solider Technik und neuen, auf den Markt zugeschnittenen Reports entwickelte sich MusicTrace rasch zur ernsthaften Konkurrenz von Nielsen Music Control. Nach dem Nielsen-Rückzug aus dem europäischen Broadcast-Monitoring-Geschäft ist das in Erlangen beheimatete Unternehmen in Deutschland Marktführer.


RADIOSZENE sprach mit den MusicTrace-Geschäftsführern Ralph Kulessa und Frank Siebenhaar.

MusicTrace-Geschäftsführer Ralph Kulessa und Frank Siebenhaar (Bild: ©Stefan Pielow)

MusicTrace-Geschäftsführer Ralph Kulessa und Frank Siebenhaar (Bild: ©Stefan Pielow)

RADIOSZENE: Auf welcher technischer Basis erfolgt die Auszählung der Musiktitel?

Ralph Kulessa: Kern des MusicTrace-Airplay Monitoring Systems ist eine Musikerkennungstechnologie. Gegenüber anderen Ansätzen – wie beispielsweise die Analyse der „Playing Now“-Information auf den Webseiten der Radiosender oder die Filterung der im Radiostream mitgelieferten Metadaten – hat die Erkennung über das Audiosignal den Vorteil, dass tatsächlich nur die Ausspielungen gezählt werden, die auch stattgefunden haben.

Frank Siebenhaar: Wir erkennen die Einsätze aller in unser Überwachungssystem eingepflegten Musiktitel. Daher sollten die Musikfirmen und Promoter MusicTrace alle Versionen eines Musiktitels zugänglich machen, die potenziell im Radio gespielt werden können.

RADIOSZENE: Wie viel Zuverlässigkeit steckt in Ihrer Erfassung?

Ralph Kulessa: Unser Ziel ist es, bestmögliche Daten zu bieten. Daher ist das gesamte Airplay Monitoring System redundant ausgelegt, um eine kontinuierliche Erfassung auch bei Ausfall einzelner Komponenten gewährleisten zu können. Dazu zählt auch, dass wir alle wichtigen Sender auf mehreren Empfangswegen beobachten. Bei Ausfällen eines Empfangsweges werden automatisch die Einsätze auf einem alternativen Empfangsweg übernommen.

Wir empfangen die Radioprogramme über verschiedene Wege wie Kabel und FM. Zu diesem Zweck haben wir in unseren Kernmärkten auch zahlreiche Empfangsstationen für die Sender vor Ort aufgebaut. Dies ist zwar sehr aufwändig, es hat sich aber gezeigt, dass so die Zuverlässigkeit am besten gewährleistet ist. Wir empfangen darüber hinaus auch Programme per DAB+, Satellit und über das Internet.

Unser Musikerkennung ist so eingestellt, dass anders klingende Versionen unterscheidbar sind, die Erkennung aber gleichzeitig durch typische, bei der Übertragung auftretenden Störungen nicht beeinträchtigt wird. Somit erzielen wir extrem hohe Erkennungsraten.

RADIOSZENE: Wer bestimmt die Auswahl der Sender?

Frank Siebenhaar: MusicTrace ist in Deutschland, Österreich und der Schweiz Partner des jeweiligen Landesverbandes der IFPI und erstellen in deren Auftrag die offiziellen Airplay Charts in diesen Ländern. Die Auswahl der hierfür zu berücksichtigenden Radiosender trifft dabei jeweils der Auftraggeber.

Neben den offiziellen Chartsendern erfassen wir aber noch viele weitere Sender, wobei wir uns unter anderem an der Relevanz, also der Reichweite, der einzelnen Radiostationen orientieren. Natürlich überprüfen wir auch die Aufnahme eines Radiosenders, wenn ein Kunde uns darauf anspricht. Für die von uns selbst definierten Airplay Charts stellen unsere Experten die zu wertenden Radiosender zusammen.

Ralph Kulessa: Auch reine Webstreams gewinnen für unsere Kunden immer mehr an Relevanz. Da wir technologisch Sender über das Internet empfangen können, ist dies natürlich auch für die Internet-basierten Spartenprogramme der privaten und öffentlich-rechtlichen Radiosender sowie für die reinen Webradios möglich. Auch dieser Bereich wurde von uns in den letzten Jahren kontinuierlich ausgebaut.

MusicTrace Airplaycharts Deutschland Top20

RADIOSZENE: Auf welchen Wegen erfolgt die Aufnahme neuer Songs?

Ralph Kulessa: MusicTrace verwendet sämtliche verfügbaren Kanäle für den Zugriff auf neue Musikstücke. Dazu gehört die Anbindung an verschiedene Musikbemusterungsplattformen, wie beispielsweise das Musik Promotion Network (MPN). Viele Musikfirmen – gleich ob Kunde oder nicht – bemustern uns aber auch per E-Mail oder vereinzelt sogar noch mit einer CD. Die Aufnahme neuer Titel erfolgt bei uns mehrmals täglich, so dass eine zeitnahe Beobachtung der Titel gewährleistet ist. Wir verlassen uns dabei aber nicht nur auf unsere Kunden, sondern optimieren auch ständig selber die Erkennungsrate unseres Systems.

RADIOSZENE: Werden alle neuen Titel einbezogen? 

Ralph Kulessa: Welche Titel für die offiziellen Airplay Charts berücksichtigt werden, legt das jeweilige Chartreglement fest. Wenn ein Titel aus verschiedenen Versionen besteht, werden alle Versionen für die Charts gemeinsam gewertet. Wir wollen immer bestmögliche Ergebnisse bieten, daher haben wir die Anzahl an Versionen nicht beschränkt, sondern nehmen alle Versionen in unserem System auf. Zusätzliche Kosten entstehen unseren Kunden dadurch natürlich nicht.

RADIOSZENE: In welchen Märkten sind Sie aktiv? 

Ralph Kulessa: Unsere Kernmärkte sind traditionell Deutschland, Österreich und die Schweiz. Hier sind wir sowohl im Segment der Musikfirmen als auch der Radiosender Marktführer. Kürzlich haben wir unseren Service europaweit ausgebaut und veröffentlichen die TOP-10 des jeweiligen Landes auf der RadioCharts.com-Webseite. Wir beobachten dieser Märkte schon seit längerer Zeit und bauen das jeweils landestypische Material in unsere Titeldatenbank ein. Die von uns in diesen Ländern ermittelten Airplay Charts sind somit nicht nur Charts der international erfolgreichen Künstler, sondern stellen ein sehr genaues Abbild des jeweiligen Marktes dar.

RADIOSZENE: Auf welchen Wegen kommen die Auftraggeber zu den Reports?

Frank Siebenhaar: Unsere Kunden bekommen Zugriff auf unser Airplay Daten Portal, in dem sie alle standardisierten Auswertungen einsehen können. In Absprache mit dem Kunden übermitteln wir die Ergebnisse auch per Email oder auf andere abgestimmte Art und Weise. Bei kundenspezifischen Auswertungen berücksichtigen wir dabei natürlich immer das gewünschte Datenformat und den Übertragungsweg.

RADIOSZENE: Aus welchen Kreisen setzt sich Ihr derzeitiges Kundenspektrum zusammen?

Ralph Kulessa: Wir bedienen als Branchendienstleister nicht nur die gesamte Musikindustrie, sondern auch alle weiteren Kunden, die sich für Auswertungen aus dem Radiomarkt interessieren. Darunter fallen beispielsweise natürlich die Radiosender selber, aber auch Beratungs- und Marktforschungsfirmen. Unsere große Marktdurchdringung ist für unsere Kunden sehr von Vorteil, da es im Markt mit „MusicTrace“ eine gemeinsame, verlässliche Währung gibt

RADIOSZENE: Wofür nutzen die Radiostationen Ihre Daten? 

Ralph Kulessa: Hauptanwendungen sind die Beobachtung neuer Titel, die Musikplanung und auch die Konkurrenzbeobachtung. Auch die Planung von Airplay-Chartshows gehört zu den typischen Anwendungsfällen. Die tatsächliche Nutzung ist aber von Sender zu Sender unterschiedlich.

RADIOSZENE: Nach welchen Kriterien gewichten Sie die erfassten Einsätze?

Ralph Kulessa: Für die offiziellen Airplay-Charts wird die Gewichtung vom jeweiligen Landesverband der IFPI vorgegeben. Normalerweise orientiert sich diese Gewichtung an den Reichweiten der Radiosender.

In Deutschland spielt für die offiziellen Airplaycharts die einzigartige Bonuspunkteregelung eine große Rolle, die Neuheiten mehr Gewicht verleihen soll, damit aber auch immer wieder für Diskussionsstoff sorgt.

MusicTrace Airplay Charts Europa Top20

RADIOSZENE: Die Rankings der Airplay-Charts der im Markt tätigen Monitoring-Anbieter fallen in manchen Wochen unterschiedlich aus. Wie kommt es zu diesen Differenzen?

Frank Siebenhaar: Für die Bestimmung der Airplay Charts wird nicht auf einheitliche, von den Sendern bereitgestellte Playlisten zurückgegriffen, sondern die einzelnen Anbieter müssen diese Playlisten erst einmal selbst erfassen. Hierzu werden unterschiedliche Technologien und Systeme eingesetzt, die sehr komplex sind und schon alleine deshalb unterschiedliche Ergebnisse liefern können. Auch die Art, wie Ausfälle von Empfangswegen und Systemkomponenten behandelt werden, hat Einflüsse auf die ermittelten Daten. Werden manche Titel von einem Marktteilnehmer nicht oder erst zu spät beobachtet, fehlen diese natürlich in den AirplayCharts, was bei den nachfolgenden Titeln Verschiebungen bei der Chartposition bewirkt. Je nach Chartberechnungsvorschrift können sich solche Änderungen in den Positionen auch mehrere Wochen lang auf die Airplay Charts auswirken.

Ralph Kulessa: Für uns stand schon immer die Datenqualität im Vordergrund. Daher ist unser Systemdesign auf eine möglichst hohe Ausfallsicherheit ausgelegt und aus diesem Grund investieren wir viel Arbeit für eine dauerhaft hohe Erkennungsrate. Wir sind davon überzeugt, dass dies langfristig der bessere Ansatz als ein möglichst niedriger Preis ist. Dies bestätigen uns auch unsere Kunden immer wieder.

RADIOSZENE: Welche Musiktrends beobachten Sie derzeit im deutschen Radio und auf internationaler Ebene?

Ralph Kulessa: Im deutschen Radio ist wieder eine gewisse Erstarkung des Schlagers zu beobachten. Hierzu haben die von der großen Masse wahrgenommenen Erfolge von Künstlern wie Helene Fischer beigetragen, aber auch die generelle Änderung vom klassischen Schlager zum Popschlager. Dies setzt sich bei den öffentlich-rechtlichen Programmen jedoch noch nicht bei den traditionellen konservativen Sendern durch, sondern es wurden dafür neue, meist reine DAB+ Kanäle ins Leben gerufen.

Generell ist auch eine Verjüngung der Programme zu erkennen. Oldie-Sender beispielsweise tauschen die Titel der 50er und 60er Jahre vermehrt durch Titel jüngerer Jahrzehnte aus und passen sich damit an ihre Zielgruppe an.

Frank Siebenhaar: Bei neuen Titel fällt insbesondere auf, dass die Genres immer weiter verwachsen. Sogar HipHop Titel bedienen sich aus dem Dance Bereich. Stars wie P!nk oder Robbie Williams, die früher einen Hit nach dem anderen ablieferten, haben mittlerweile als Solokünstler keine Garantie mehr auf vordere Chartpositionen. So tauchen auch sie in den Charts vermehrt als Featured Artist auf und folgen damit dem aktuellen Trend, dass mehrere Künstler zu einem Titel beitragen.

Michael Schmich

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