Serie: Die Renaissance der Radio-Personalities (Teil 3)

Veröffentlicht am 29. Mai. 2007 von unter Deutschland, News

Yvonne Malak: “Gummigrenzen austesten!”

Seit über 20 Jahren ist Yvonne Malak im Radiobusiness. Sie war u.a. Chefmoderatorin bei 104.6 RTL, Co- Moderatorin und Redakteurin bei „Arno und die Morgencrew“, Nachmittagsmoderatorin und Unterhaltungschefin mit den Schwerpunkten On Air Promotion und Moderatorencoaching bei BB Radio und auch Programmdirektorin bei drei marktführenden Sendern. Als Coach und Beraterin kennt sie den deutschsprachigen Radomarkt wie kaum eine andere. Wie steht sie zum Thema Personality-Mangel in Deutschland, wollte RADIOSZENE deshalb von ihr wissen.

RADIOSZENE: Patrick Lynen hält im letzten RADIOSZENE-Interview die Radio-Personalities in Deutschland eher für eine aussterbende Gattung. Frau Malak, wie sehen Sie das?

Malak: Ich sehe die Situation nicht so krass wie Patrick, weil ich immer wieder junge Leute entdecke, die Talente sind. Das Problem ist meiner Ansicht nach, dass viele Programmchefs Angst haben, Talente und Personalities zuzulassen, weil, wenn Du Personalities zulässt, dann musst Du auch damit rechnen, dass mal was in die Hose geht, dass auch mal was nicht formattauglich ist. Ich finde, dass man dieses Risiko eingehen muss, wenn man wirkliche Persönlichkeiten am Sender haben möchte, die anders sind und wegen derer die Hörer einschalten.

RADIOSZENE: …auch wenn das den Rahmen des Senderformats sprengt? Wie eng darf man das Format sehen, oder was geht innerhalb des Formats?

Malak: Was heißt Format? Alles ist doch letztendlich ein Format. Auch „88.6 Wir spielen was wir wollen“ ist ein Format. Ich finde, die Formatdiskussion passt nicht an diese Stelle, weil es kein Format gibt, das automatisch beinhaltet, dass die Moderatoren glatt gebügelte Langweiler sein müssen.

RADIOSZENE: Auch Shockradio à la Howard Stern ist ein Format, aber das wäre in Deutschland sicher verboten, weil es quasi davon lebt, alle möglichen Tabus zu brechen…

Malak: Als ich bei meinem früheren Chef Arno Müller – dem ich viel zu verdanken habe und von dem ich viel gelernt habe – immer ausprobiert habe, wie weit ich gehen kann, nannte er das immer „Du und Deine Gummigrenzen“. Ich finde, es gibt wirklich Gummigrenzen, die man ausdehnen kann. Man muss auch Dinge machen, die nicht hundertprozentig in das Format passen, weil eben diese Dinge unterscheidbar machen. Das sind Dinge, die den Hörer sich an etwas erinnern lassen. In meiner Erinnerung ist es so, dass die Sachen, auf die ich angesprochen wurde, an die sich Hörer erinnert haben, die ich im Radio gemacht habe, Dinge waren, die „nicht der normale Mainstream“ waren. Eins werde ich nie vergessen: ich stand in Berlin auf dem Weg zu 104.6 RTL im Stau und habe meinen Vorgänger im Studio angerufen und habe die ersten beiden Breaks per Telefon aus dem absoluten Megastau auf der Stadtautobahn gemacht. Mich haben so viele Leute darauf angesprochen, weil es einfach mal was anderes war. Oder ganz starke emotionale Geschichten, die auch anders sind als die üblichen glatt gebügelten Moderationen, waren Sachen, auf die mich Leute angesprochen haben, oder wenn ich mal ein Statement abgegeben oder meine Meinung gesagt habe.

Klar kann man damit auch ins Fettnäpfchen treten, aber ich finde, ein Programmchef muss den Mut haben, solche Moderatoren zuzulassen, mit denen man mal den Fettnapf treten kann. Ja meine Güte, dann macht er halt mal was, was nicht hundert Prozent formattauglich ist! So what? Morgen neuer Tag, neue Sendung, neue Chance!

RADIOSZENE: Und wie viele Moderatoren gibt es in Deutschland, die in der Form ihre „Gummigrenzen“ austesten bzw. austesten dürfen?

Malak: Es gibt einen absoluten Mangel an solchen Radio-Personalities. Ich werde immer wieder gebeten, für Sender Talente zu suchen, zu entdecken. Es ist wirklich unglaublich schwierig. Ich glaube, das haben wir uns auch selbst zu verdanken. Versaut wurde die ganze Geschichte meiner Ansicht nach in den 90er Jahren, als es uns im Privatradio gut ging, wir ziemlich weit vorne waren, die Öffentlich-Rechtlichen noch nicht nachgezogen hatten und wir es uns echt erlauben konnten, mit langweiligem Dudelfunk, Linercard- Vorlesern und Leuten, die schlicht Stimmverleiher waren, Einschaltquoten zu generieren. Da haben wir aufgehört, Leute auszubilden und auf die wirklichen Qualitäten guter Moderatoren zu achten. Und deswegen gibt es jetzt natürlich weniger.

Aber die gute Nachricht: es gibt sie. Man muss sie nur finden, sie entwickeln und sie auch mal etwas ausprobieren lassen. Ich habe schon so viele tolle junge Leute entdeckt und eingestellt: Volontäre beispielsweise, die vor 6 oder 7 Jahren bei mir ein Volontariat gemacht haben, moderieren heute bei landesweiten Sendern die Nachmittagsshow und zeigen auch wirklich Persönlichkeit, weil ich es damals zugelassen habe. Natürlich sind die auch mal übers Ziel hinaus geschossen, natürlich gab es mal einen Anschiss, vielleicht gab es auch schon mal eine Aktennotiz, aber sie haben sich wenigstens etwas getraut. Und das ist mir immer noch lieber, als jemand, der immer nur stur seinen Job nach Schema F macht.

Yvonne Malak im Studio von Radio Luxemburg (1991)

Yvonne Malak im Studio von Radio Luxemburg (1991)

RADIOSZENE: Frau Malak, Sie waren selbst 15 Jahre lang On Air, ab wann, würden Sie sagen, sind Sie zu einer Personality gereift?

Malak: Ich hatte das riesengroße Glück zum Start des deutschen Privatradios Mitte der 80er Jahre auf einem der ersten privaten Radiosender, die es überhaupt in Deutschland gab, On Air gehen zu dürfen. Wir hatten keine Ahnung von nichts und haben einfach mal gemacht. Wir haben auch wirklich schräge Sachen gemacht. Ich hatte schräge Talks mit Kollegen usw. Dadurch, dass ich damals überhaupt keine Grenzen hatte, durfte ich sehr schnell Personality sein. Zu einer Personality entwickeln, kann man sich aber erst, wenn man etwas älter ist. Ich finde den Jugendwahn sehr schade, weil ich an mir selber merke, dass ich jetzt – mit fast vierzig – natürlich viel mehr Dinge in einer Morningshow zu sagen habe als damals mit Anfang zwanzig. Ist ja logisch! Eine Personality kann man ganz früh sein, aber eine richtige Persönlichkeit entwickeln und eine Meinung haben und möglicherweise auch polarisieren und Statements abliefern, dazu muss man schon ein bisschen älter sein und mehr Erfahrung haben.

104.6 RTL Arno und die Morgencrew-Autogrammkarte(1992)

104.6 RTL Arno und die Morgencrew-Autogrammkarte(1992)RADIOSZENE: Ab wann war das bei Ihnen der Fall?

Malak: Das war dann in der Zeit bei 104.6 RTL in Berlin, wo ich meine Vormittagsschiene fest hatte und ich auch das Gefühl hatte, das ist meine Sendung und da auch ein ganz klares Persönlichkeitsprofil hatte. Ich denke, ich weiß ziemlich genau, was die Hörer dachten, wofür ich stehe. Die wussten auch sehr viel über mich. Das war mir unheimlich wichtig. Ich habe im Grunde auch gelernt, eine transparente Person zu sein, Interessen auch außerhalb des Radios zu haben und diese auch im Radio zu kommunizieren. Die Hörer wussten zum Beispiel, dass ich damals eine Brille bekommen habe, die ich hasste wie die Pest, weil ich fand, dass ich damit doof ausschaue und die Hörer wussten, dass ich ständig auf Diät war, meine Hörer wussten, in welches Fitnessstudio ich gehe, dass mich gerade mein Freund verlassen hat usw. usf.

RADIOSZENE: Wer ist für Sie eine Personality? Nennen Sie mal ein paar Beispiele! Wo würden Sie die Grenze setzen? Kann man das überhaupt?

Malak: Für mich ist eine Personality in erster Linie jemand, bei dem ich das Gefühl habe, da kommt was rüber, da kommt richtig was an aus dem Radio. Das ist nicht einfach nur ein Moderator, sondern eine Persönlichkeit, der ich gerne zuhöre. Für mich ist eine Personality jemand, der etwas zu erzählen hat, der auch mal eine Meinung hat, ein Moderator mit Ecken und Kanten. Ich lebe mittlerweile wieder in Berlin und finde sehr schade, was der Radiomarkt hier im Moment bietet. Allerdings gibt es ein paar Überraschungs-Personalities, die ich ganz toll finde. Zum Beispiel zwei Moderatoren auf radioeins, Sven Oswald und Daniel Finger, die machen Samstagnachmittag und Sonntagvormittag eine Doppelmoderation – absolut zum Piepen! Aber von denen weiß ich, dass der eine verheiratet ist und von seiner Frau „Hasi“ genannt wird. Ich finde es sogar interessant, wenn sie mir – eigentlich ein langweiliges Thema – von ihrem Familienurlaub an der Nordsee erzählen, weil sie es auf eine bestimmt Art rüber bringen.

RADIOSZENE: Sie hatten – wie gesagt – in den 80ern die Möglichkeit, Dinge auszuprobieren. Gibt es die Programmchefs noch, die so etwas zulassen?

Malak: Ich hoffe es. Ich kenne aber auch einige PDs die extrem brutal Grenzen setzen und so Persönlichkeiten quasi aktiv verhindern. Ich würde jungen Leuten generell raten, in etwas kleineren Sendern anzufangen. Wenn du gleich bei Antenne Bayern anfängst, dann versauerst du vermutlich in der Nacht vor dich hin und hast dich ganz stark an Dinge zu halten und gegen Persönlichkeiten, wie Katrin Müller-Hohenstein – die finde ich zum Beispiel eine starke Personality – oder Wolfgang Leikermoser, siehst du sowieso kein Land. Also würde ich versuchen, bei einem kleinen Sender anzufangen, einzusteigen, meine ersten Erfahrungen zu sammeln, meine Sporen zu verdienen und – wie gesagt – meine Gummigrenzen auszutesten. Das wäre mein Rat an junge Menschen. Und da muss man auch ganz genau gucken, finde ich, für wen man arbeitet, also für welchen Programmchef. Wie ist er drauf? Wie geht er mit jungen Talenten um? Wie fördert er die? Man kann das einfach in einem Gespräch fragen, wie wichtig ihm Personality ist. Jeder sagt mir, Personality ist unglaublich wichtig, such mir eine Personality! Ich finde nur keine, weil wir es selber versaut haben, welche zuzulassen und auszubilden.

RADIOSZENE: Geben Sie sich selbst auch die Schuld?

Malak: Bei den Sendern, bei denen ich gearbeitet habe, habe ich den Leuten eine Chance gegeben, eine Persönlichkeit zu sein. Ich habe sie auch darin unterstützt, habe ihnen Hilfestellungen an die Hand gegeben, wie sie Persönlichkeitsmerkmale entwickeln können. Jeder PD macht Fehler, aber ich glaube, in Sachen Personality habe ich auch einiges richtig gemacht. Aber ich gebe der Radiobranche der 90er Jahre die Schuld. Alle leitenden Mitarbeiter, die in den letzten zwanzig Jahren Formatradio groß gemacht haben, sind dafür ein Stück weit mitverantwortlich.

RADIOSZENE: Haben Sie irgendjemanden in Ihrer Laufbahn – Sie waren ja selbst auch öfter Programmdirektorin – zu einer Personality gemacht?

Malak: Gemacht nicht, aber ich habe sie zugelassen. Ich habe eine Moderatorin entdeckt, die war vor sieben Jahren Praktikantin bei Radio Ton in Baden-Württemberg, die hat ein Volontariat bekommen und ich habe sie zur Moderatorin ausgebildet. Jojo heißt sie und moderiert heute die Nachmittagsshow bei bigFM mit viel Persönlichkeit. Das ist einfach ein klasse Mädl, das einen guten Spruch drauf hat und gut rüber kommt. Sie hat keine Hemmungen und nimmt vielleicht auch mal Sachen in den Mund nimmt, die nicht politisch korrekt sind. Mir fallen natürlich noch mehr ein, je länger ich darüber nachdenke!

RADIOSZENE: Haben es weibliche Personalities schwerer, Fuß zu fassen?

Malak: Ich finde nicht. Zum Beispiel Nadja Gontermann, die war bei BB Radio, meine Vormittagsmoderatorin, ist jetzt bei Sky Radio in der Morningshow. Das ist eine klasse Frau als Persönlichkeit. Im Moment habe ich sogar eher das Gefühl, dass es mehr gute Frauen auf dem Markt gibt als Männer. Allerdings wenn du von Persönlichkeiten sprichst, ist es auch so, dass alle Programmchefs am liebsten einen Mann in der Morningshow haben wollen, also in der Show, in der am meisten Persönlichkeit gewünscht und zugelassen wird. Diese Schiene ist natürlich in ganz Deutschland mit wenigen Ausnahmen männerdominiert. Und möglicherweise kommt der Eindruck daher, dass die Frauen meistens Vormittagssendungen moderieren, wo du auch gar nicht die Möglichkeit hast, so deine Persönlichkeit zu entfalten, weil du auch den Platz nicht dafür hast und weil es eigentlich auch gar nicht der richtige Platz dafür ist, eine Riesen-Personality zu sein oder Riesen-Personality-Geschichten zu machen.

RADIOSZENE: Wird von Frauen nicht in erster Linie verlangt, den Sidekick zu spielen und über die Witze des männlichen Hosts zu lachen?

Malak: Das halte ich für ein Gerücht. Wäre das meine Rolle gewesen, immer nur über die Witze lachen zu müssen, die mein männlicher Anchor reißt, als ich Sidekick war, hätte ich keinen Spaß an dem Job gehabt. Die Aufgabe eines Sidekicks ist – und deswegen hat man ja auch diese Rollenverteilung in der Morningshow – schlicht und ergreifend den weiblichen Part darzustellen. Dass man möglicherweise sagt, eine Verteilung der Redeanteile ist sechzig Prozent beim Anchor und vierzig Prozent beim weiblichen Sidekick, das ist eine andere Geschichte, die jeder Sender für sich selber entscheiden muss. Aber so ein Team und der Gedanke einer Morningshow, die Hörer abzubilden, wie sie sind, funktioniert nur, wenn die Frau auch etwas zu sagen hat und den weiblichen Part eben auch vertreten darf.

RADIOSZENE: Haben Frauen und Männer also die gleichen Chancen, sich zur Personality zu entfalten?

Malak: Aber absolut! Warum sollten Frauen nicht dieselben Chancen haben? Möglicherweise trauen sich Frauen weniger. Das kann gut sein. Sie sind möglicherweise vorsichtiger. Das wäre jetzt eine Diskussion, die nicht zu diesem Thema gehört.

RADIOSZENE: Gibt es denn Unterschiede zwischen öffentlich-rechtlichen und privaten Programmchefs, was die Personality-Förderung angeht?

Malak: Das ist von Sender zu Sender unterschiedlich. Es ist egal, ob der Sender RBB oder Radio Hamburg heißt. Es gibt Öffentlich-Rechtliche, die lassen keine Personalities zu und es gibt Private, die lassen keine zu. Umgekehrt gibt es öffentlich-rechtliche Sender mit einzelnen starken Persönlichkeiten wie Wieprecht und Skuppin, Finger und Oswald und es gibt private Sender mit starken Persönlichkeiten wie Radio Hamburg mit John Ment, Horst Ackermann und Jan Bastik und wie sie alle heißen.

Falco zu Besuch bei 104.6RTL (1992)

Falco zu Besuch bei 104.6RTL (1992)

RADIOSZENE: Wer ist für Sie die größte Personality, die Sie vielleicht selbst zum Vorbild hatten?

Malak: Ich hatte kein Vorbild, obwohl mein weibliches Vorbild (so ein bisschen) war Helga Guitton, als ich sie bei Radio Luxemburg kennen gelernt und mit ihr gearbeitet habe. Das war auch eine tolle Frau und eine tolle Persönlichkeit.

SWR 3 hatte auch klasse Persönlichkeiten. Ich finde Zeus und Wirbitzky am Morgen echt superklasse, weil die beiden einfach unterhaltsam sind. Allein wie die beiden sich morgens anmachen von wegen „Saschi“ und „Spatzi“. Die sind einfach gut. Die sind natürlich auch ein eingespieltes Team, das seit vielen Jahren miteinander moderiert. Die nehmen sich auch selbst nicht so ernst, nehmen sich schon mal selbst auf den Arm und sind unglaublich ironisch mit sich selbst. Oder Wieprecht/Skuppin, die es schaffen, selbst hochpolitische Themen unterhaltsam so rüber zu bringen, dass du zuhörst. Denen kann ich fünf Minuten am Stück zuhören – von wegen „1:30“! Es gibt Persönlichkeiten, die es schaffen, Wort zu machen, das auch über die Zeit trägt. Und ganz genial ist John Ment, den bewundere ich ohne Ende.

RADIOSZENE: Das sind die großen Namen, die auch schon sehr lange am Markt sind. Wo sind die kleineren Sender? Gibt es da welche mit Radio-Personalities?

Malak: Ich betreue einen Sender in Augsburg, Hitradio RT.1, der hat eine ganz tolle Morningshow. Die haben ein paar ganz klasse Sachen gemacht. Talks von denen nehme ich für meine Workshops gerne als positive Beispiele, weil das sind drei – zwei Männer und eine Frau – bei denen läuft diese Mann-Frau-Sache ganz super, also gegensätzlich und klassisch ab. Deren Nachmittagsmoderator ist auch eine klasse Persönlichkeit. Der hat auch keine Hemmungen hat, Sachen von sich zu und seiner Frau erzählen und auch keine Angst, mal doof da zu stehen.

RADIOSZENE: Es wird ja oft beklagt, dass nur noch Volontäre und Praktikanten eingestellt werden und Personalities einfach ausgetauscht werden, wenn sie mehr Geld fordern?

Malak: Ich weiß natürlich, dass viele Sender Budgetprobleme haben, aber man muss nicht viel Geld haben, man muss als Sender das Geld nur an den richtigen Stellen ausgeben. Und wenn ich sehe, dass sich kleine Sender eine riesige Wort-Redaktion leisten und eigene Nachrichten machen, wo wirklich der Krieg nicht entschieden wird und dafür stattdessen Volontäre moderieren lassen, dann ist das Geld halt an der falschen Stelle ausgegeben.

Yvonne Malak im Studio von 104.6 RTL Berlin (1996)

Yvonne Malak im Studio von 104.6 RTL Berlin (1996)

RADIOSZENE: Was denken Sie, kommt die Renaissance der Radio-Personalities?

Malak: Ja natürlich, das Radio hat ja auch gelernt. Wir hatten im Privatradio einen ganz großen Wettbewerbsvorteil, als wir gemerkt haben, worauf es im Radio eigentlich wirklich ankommt: nämlich die richtige Musik zu spielen. Damit waren wir in den 90er Jahren sehr erfolgreich. Die anderen Sender sind aber auch nicht ewig doof geblieben und haben es gemerkt und gelernt. Mittlerweile gibt es öffentlich-rechtliche Sender, die sind privater als jeder private Sender. Und jetzt werden plötzlich auch wieder andere Dinge wichtig, um Radio unterscheidbar zu machen und Einschaltimpulse zu schaffen. Und dazu gehören eben gleich nach der Musik die Moderatorenpersönlichkeiten. Deswegen sind die jetzt wieder wichtig.

RADIOSZENE: Ihr Tipp für Moderatoren?

Malak: Ich denke es ist wichtig, sich als Moderator mal etwas zu trauen. Denn was ist das schlimmste, was passieren kann…?

RADIOSZENE: …man wird gefeuert?

Malak: Okay, möglicherweise. Und wenn man sich selber für gut genug hält, sich soviel zu trauen, dass man möglicherweise gefeuert wird – was nicht passieren wird – wird man etwas anderes finden. Die Moderatoren gehen vielleicht auch zu wenige Risiken ein. Bei manchen Moderatoren habe ich auch das Gefühl, sie lieben ihre Arbeit nicht richtig. Da wird viel Standard gemacht und so kann ich natürlich keine Persönlichkeit entwickeln. Die machen sich keine Gedanken, wie man etwas anders rüber bringen könnte, welche Mittel, die unser wunderschönes Medium bietet, ich eigentlich einsetzen kann. Mikrofon auf, loslabern, Ramptalk, Claim noch und fertig, das ist ein bisschen dünn. So werde ich auch keine Persönlichkeit. Ich muss mir schon ein bisschen Mühe geben in der Vorbereitung, überlegen, wie ich ein Thema transportieren kann, wie ich rangehen kann, wie ich es passend für meinen Sender machen kann und wie ich dem ganzen vielleicht noch irgendwie einen originellen Dreh geben kann, mit einem O-Ton, mit einem Ton aus dem Fernsehen, mit irgendwelchen Soundeffekten, mit besonderen Musikbetten. Es wird auch viel zuwenig mit den Möglichkeiten, die das Medium bietet, gespielt in den Radioshows, finde ich. Ohne jetzt irgendwelchen Kollegen zu nahe treten zu wollen – da passiert nicht viel.

RADIOSZENE: Ihr Tipp für Programmchefs?

Malak: Es ist natürlich schwierig, als Programmchef mit Personalities umzugehen, weil das sehr oft schwierige Menschen sind, die anders arbeiten, die es mit der Vorbereitung nicht so genau nehmen, die keinen Bock haben, die Musikpositionierung ordentlich zu verkaufen. Das ist natürlich ein schwieriges Arbeiten. Vielleicht haben manche Programmchefs auch Angst davor. Manchmal ist es der bequemere Weg für einen Programmdirektor, keine Persönlichkeiten an Bord zu haben. Gerade bei einer Persönlichkeit muss man sich als Programmchef schon die Mühe machen, denjenigen zu airchecken, zuzuhören und gewisse Grenzen zu definieren. Beispielsweise habe ich einmal einem Morgenshow-Moderator, der Grenzen auch nicht so toll fand, zwei Grenzen gegeben, die klingen zwar primitiv, aber er konnte sie akzeptieren: erstens keine Witze über Minderheiten, zweitens keine Körperflüssigkeiten On Air. Das waren klare Regeln, damit konnte er gut leben und seit dem war das, was er erzählt hat, wesentlich appetitlicher.

Mein Tipp für junge Kollegen ist: lasst die Leute doch mal was probieren, ermuntert sie, von sich zu erzählen und zeigt ihnen auf, wie viele verschiedene Möglichkeiten es gibt, an ein Thema, einen Break ranzugehen. Und lasst die jungen Leute auch mal daneben greifen, ohne dass Ihr hinterher gleich ein Fass aufmacht, dass ein junges Talent demotiviert oder gar eine Angstatmosphäre erzeugt.

RADIOSZENE: Ihr Fazit?

Malak: Ich glaube, es gibt viel mehr Persönlichkeiten, als man glaubt. Man muss sie als Programmchef nur entdecken und dann muss man sie machen lassen und ab einer gewissen Stelle, wenn sie selber nicht mehr weiterkommen, muss man hingehen und ihnen helfen, damit sie sich weiter entwickeln. Und nach meiner Erfahrung funktioniert es.

RADIOSZENE: Frau Malak, vielen Dank für das Gespräch.

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