Medientage München: Die Welt ist eine Google

Veröffentlicht am 14. Nov. 2007 von unter Deutschland, News

Ohne Internet geht nichts mehr, mit Radio geht’s aber noch besser

Google devilDie klassischen Medien werden von Jahr zu Jahr nervöser. Allein die Themenwahl auf den diesjährigen Medientagen in München macht deutlich, dass es eine gewisse Grundangst vor dem noch immer unkontrollierbaren Internet gibt.

Ohne Zweifel regen viele kleine geniale Web 2.0-Anwendungen die Phantasie der Medienschaffenden an. Ein Einführungsvideo auf dem Mediengipfel zu Beginn der Messe zeigte die Medienzukunft im Jahre 2020 als eine weltweite Prosumer-Gesellschaft, die mittels Avataren fast nur noch in einer virtuellen Welt leben.

Gerade der stagnierende Hörfunk in Deutschland sieht sich vor allem bei den jungen Konsumenten in Konkurrenz zu vielen spannenden Internetanwendungen, die ebenfalls Musik und Unterhaltung bieten, aber auch mit Bildern, Videos und vor allem intensiver Interaktion Dinge können, die das gute alte Radio nur ansatzweise schafft.

Allein das Wort “Radio” sein ein Problem, hört man auf den Panels, ein Imageproblem. Was kann das Radio tun? Es verlagert sein Schaffen immer mehr ins Internet und will unter zur Hilfenahme der langjährig aufgebauten Marke dem Internetnutzer den gerne zitierten (gebrandeten) Leuchtturm im Netzdschungel sein. Aber Vorsicht: auch im Internet entstehen Marken, die z.B. auch für Musikompetenz stehen, die man dem Radio heute schon abspricht. Hat Radio die Funktion eines Leitmediums bereits verloren? Wenn man heute mal eben einen bestimmten Titel hören will, wird man inzwischen am schnellsten bei YouTube fündig. Früher versuchte man es mit einem Musikwunsch beim Radio.

Und dann ist da noch die böse Vermarktungsmaschinerie, die auch ins Radiowerbung-Biz einsteigen will: Google. Noch hat die Fusion mit der Vermarktungsfirma dMarc kaum Umsatzerfolge vorzweisen. Aber die Angst ist da. Google kauft ClearChannel nicht ohne Grund Radiosender ab. Noch betrifft es uns nicht in Deutschland, noch bewegen sich die Gewinne im Web im Vergleich zu den klassischen Medien in einem kleinen Rahmen, so dass die meisten AC-Radiosender, vor allem die mit älteren Zielgruppen, sich noch zurücklehnen können, noch…

Die Jugendsender dagegen kommen ohne den neuen Kommunikationskanal überhaupt nicht mehr aus. In Frankreich ist er sogar wichtiger als das Radioprogramm selbst. Der Hitsender SkyRock zum Beispiel liefert nur noch den Soundtrack für die gleichnahmige Online-Community und hat fast nur noch den Zweck, Clicks zu generieren, um dadurch höhere Bannerwerbepreise zu erzielen. In die gleiche Richtung entwickelt sich auch mySputnik.de, wenn auch hier aus anderen Beweggründen.

Einig sind sich alle Radiomacher: Radio und Internet passen optimal zusammen und ergänzen sich. Auch wird kein Medium durch ein anderes verdrängt. Wohl aber schwindet die Bedeutung des Radios, das Zeitbudget wird immer knapper, das Internet wird immer mehr genutzt, es wird immer wichtiger. Die Frage nach dem Leitmedium taucht immer auf. Schuld sind auch die Medien selbst. So liest man in Zeitungen viel über neueste Social-Networks und ihre Verkäufe an große Player wie Google oder Microsoft, über das iPhone und die zunehmende Vernetzung oder Konvergenz aller Medien. Wenn es aber um das Thema Radio geht, handelt es sich zumeist um kritische Artikel zum Thema Musikeinheitsbrei, Gewinnspiele oder Hörerschwund. Erstaunlich, wo doch die meisten Radiosender in Deutschland den Verlegern gehören. Eins wird deutlich: die Jugend wird immer wertvoller, da die Bevölkerung bei den 10-19jährigen immer weiter abnimmt. Wenn man die Jungen nicht mehr im Radio erreichen kann, muss man sie eben dort abholen, wo sie sind, wo sie nach der Schule ihre spärliche Freizeit verbringen. Das hat nicht nur Microsoft erkannt, aber sie haben zumindest das Kleingeld, sich überall dort einzukaufen (vgl. Facebook-Beteiligung).

Es gibt immer auch einen anderen (Aus-) Weg

Es gibt immer auch einen anderen (Aus-) Weg

Das Radio in Deutschland tut sich schwer mit Änderungen. Es muss schon froh sein, wenn es nicht weiter an Bedeutung verliert. Noch funktioniert ja auch alles, die Umsaätze gehen auch wieder nach oben, die Tagesreichweiten bleiben stabil. Also “Keine Experimente!”, um mit Adenauer zu sprechen. Es könnte ja auch schief gehen. So auch das mit dem Digitalradio, das sich den Claim zulegen könnte, “Totgesagte leben länger”, immerhin hat es nun schon über 10 Jahre Überlebenstraining hinter sich.

Man ist vorsichtiger geworden, erst einmal ein paar Internetradios starten, und wenn man dann einmal bundesweit digital starten kann und die Finanzierung steht: einfach aufschalten. Achja, die Finanzierung, wieder so ein Bremsklotz. Erst müssen Erlösmodelle her, bevor man etwas ausprobiert. Erst muss man ja auch mal alles researchen, bevor man im Radio etwas ändert. Könnte ja auch schief gehen. Da ist Internet im Vorteil: hier wird alles ausprobiert, wenn etwas nicht funktioniert, wird es sofort wieder eingestampft. Klar ist ja auch alles nicht so teuer und reglementiert wie im deutschen Hörfunk.

Nach vielen Diskussionsrunden auf den Medientagen kann man den Eindruck gewinnen, dass Radio in Deutschland noch immer mit sich selbst beschäftigt ist. Während über Frequenzvergaben in der digitalen Welt diskutiert wird oder was und wieviel der öffentlich-rechtlich Rundfunk darf oder nicht darf, entwickelt sich die Parallelwelt Internet mit einer irrsinnigen Geschwindigkeit und ohne Auflagen weiter. Bevor man sich versieht, hat es das Radio eingeholt oder gar überholt.

Mozart_GoogleDaher heißt die Devise: wer jetzt nicht ins Internet konvergiert, hat keine Zukunft mehr. Für einige innovative Radios wie bigFM und Sputnik hat die Zukunft bereits begonnen, dort wo man keine Lizenzen oder Frequenzen braucht, wo einem der Distributionsweg quasi geschenkt wird, wo user generated content dank Rückkanal ohne Hörerservice funktioniert, wo jeder einzelne zur Zielgruppe wird, wo die ganze Gesellschaft in 20 Jahren zu finden sein wird, in der virtuellen Welt. Denn merke: die Welt ist eine Google.

“Jede Google fängt mal klein an…”

Link:
Medientage München

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